Gentechnik und Welternährung: Statistik ohne Belege

In der Diskussion um die Zukunft der Welternährung tauchen immer wieder zwei Zahlen auf: Um die wachsende Bevölkerung ernähren zu können, müsse die Nahrungsmittelproduktion bis 2030 um 50 Prozent steigen und sich bis 2050 verdoppeln. Mit Hilfe dieser Zahlen argumentieren Lobbyisten für mehr intensive Landwirtschaft und mehr gentechnisch veränderte Pflanzen. Doch die wissenschaftlichen Belege für diese Zahlen sind dünn, hat der britische Bio-Verband Soil Association belegt.

In seiner Studie versuchte Soil Association herauszufinden, woher die beiden Zahlen stammen, die auf einer Tagung der Welternährungsorganisation FAO im Juni 2008 in die Welt gesetzt und seitdem tausendfach wiederholt wurden. Das Ergebnis ist ernüchternd:
Die 50-Prozent-Steigerung bis 2030 stammt aus einem internen Papier des Washingtoner International Food Policy Research Institute (IFPRI) von 2006. Soil Association schreibt, dass die beteiligten Wissenschaftler das Originaldokument unter Verschluss hielten und auf neuere Arbeiten verwiesen, in denen diese Zahl allerdings nicht mehr auftauche. Die Quelle der Verdoppelung bis 2050 ist laut Soil Association ein Report der Welternährungsorganisation FAO von 2006. Darin werde nicht behauptet, dass die weltweite Nahrungsmittelproduktion sich verdoppeln müsse, sondern dass in vielen Entwicklungsländern eine Verdoppelung des Fleischkonsums zu erwarten sei. Die Getreideproduktion müsste entsprechend dieser Szenarien bis 2050 um 50 Prozent wachsen, hauptsächlich, um die wachsenden Viehherden zu füttern. Andere Grundnahrungsmittel seien weniger betroffen.

Soil Association weist daraufhin, dass nicht nur die Zahlen falsch seien, sondern der Denkansatz dahinter wenig nachhaltig. Die prognostizierte Entwicklung bedeute, dass sich mehr Menschen in Entwicklungsländern einen westlichen Ernährungsstil leisten können, während die grundlegenden Probleme, die Hunger und Ernährungsunsicherheit bedingen, ungelöst bleiben. „Unsere Ernährungs- und Agrarpolitik sollte darauf zielen, dass bis 2050 niemand auf der Welt mehr hungern muss. Das künftige Ziel kann nicht sein, dass Menschen weiterhin hungern, ernährungsbedingte Zivilisationskrankheiten sich weiter ausbreiten und wachsende Viehherden immer mehr Treibhausgase emittieren.“