Chemikalien-Agentur ECHA: NGOs bezweifeln Unabhängigkeit der Behörden-Experten

Die europäische Chemikalien-Agentur ECHA berät derzeit über die Sicherheitseinstufung des Pestizidwirkstoffs Glyphosat. Medienberichten zufolge könnte der Bericht ihrer Experten schon in dieser Woche veröffentlicht werden. Zahlreiche Nichtregierungsorganisationen (NGOs) haben in einem offenen Brief die Unabhängigkeit des Kommittees für Risikoabschätzung bei der ECHA (Risk Assessment Committee, RAC) in Frage gestellt.

Die Vorwürfe der Organisationen richten sich insbesondere gegen den RAC-Vorsitzenden Tim Bowmer. Bevor er 2012 den Vorsitz des RAC übernahm arbeitete er über 20 Jahre lang bei der halbstaatlichen Niederländischen Organisation für Angewandte Naturwissenschaftliche Forschung (TNO), beriet dort Unternehmen der chemischen Industrie und erhielt Forschungsgelder vom Verband der Europäischen Chemischen Industrie CEFIC. Die Angaben entnahmen die Organisationen der offiziellen ECHA-Erklärung Bowmers über mögliche Interessenskonflikte. Sie sehen darin einen Verstoß gegen die Maßstäbe der Behörde, ebenso wie bei zwei Experten des RAC, die im Rahmen staatlicher Organisationen Chemieunternehmen berieten und sich öffentlich für Positionen der Chemie-Industrie aussprachen.

Der ECHA-Geschäftsführer Geert Dancet wies die Vorwürfe zurück. Die drei RAC-Mitglieder seien bei unabhängigen und angesehen staatlichen Organisationen tätig gewesen. Die ECHA schließe niemanden, der für die Industrie oder Interessensverbände gearbeitet habe, als potentiellen Mitarbeiter aus. Deren praktische Erfahrung mache die Arbeit der Behörde effizient. Wissenschaftler hätten Erfahrungen und eine eigene Meinung, die sie auch äußern dürften. Greenpeace sieht sich in seinen Befürchtungen durch die ECHA-Antwort noch bestärkt. Es reiche nicht aus, Interessenskonflikte offenzulegen, sie müssten ausgeschlossen werden, schreibt die Umweltorganisation.

Ende 2017 läuft die verlängerte Zulassung für Glyphosat aus. Für die anstehende Diskussion um eine eventuelle Neuzulassung wird die Einstufung der ECHA eine wichtige Rolle spielen. Der erste Entwurf für das ECHA-Gutachten stammt von der deutschen Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Sie schlägt lediglich den zusätzlichen Warnhinweis H373 vor: „Kann die Organe schädigen bei längerer oder wiederholter Exposition (bei längerem oder wiederholtem Einatmen/Hautkontakt/Verschlucken)“. Ausführlich begründet die BAuA, warum der Warnhinweis H351 „Kann vermutlich Krebs erzeugen“, nicht in Frage kommt. Dabei beruft sie sich auf die umstrittene Einordnung der betrachteten Studien durch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR).

 

ECHA-Seite zu Glyphosat