Wissenschaftler warnen: Neue gentechnische Verfahren sind unberechenbar

Die so genannten neuen gentechnischen Verfahren können unbeabsichtigte, unvorhersehbare und potentiell negative Konsequenzen mit sich bringen, warnt die Wissenschaftlervereinigung ENSSER (European Network of Scientists for Social and Environmental Responsibility). Sie fordert deshalb, dass diese Verfahren strikt nach Gentechnikrecht beurteilt und zugelassen werden sollten.

In einer von 60 Wissenschaftler unterzeicheten Erklärung geht ENSSER genauer auf die Risiken ein, die mit gentechnischen Verfahren wie CRISPR/Cas verbunden sind. Die Behauptung der Befürworter, die neuen Techniken seien präzise und würden nur die beabsichtigten und erwünschten Effekte hervorrufen, sei ungerechtfertigt, heißt es in der Erklärung. Veröffentlichte Studien zeigten, dass es regelmäßig zu unerwarteten und unerwünschten Nebenwirkungen käme. Der Vorschlag, die neuen Verfahren aus dem Gentechnikrecht herauszunehmen, würde das auf dem Vorsorgeprinzip beruhende EU-Zulassungsverfahren zerstören, warnte ENSSER. Eine gründliche und wissenschaftlich unabhängige Risikoprüfung sei unerlässlich.

Veröffentlicht hatte ENSSER die Stellungnahme parallel zu einer High Level Konferenz der EU zu diesem Thema. Die EU-Kommission hat eine Entscheidung darüber, wie die neuen gentechnische Verfahren zu regulieren seien, seit Jahren immer wieder verschoben. Im September hatten die Niederlande den anderen Mitgliedsstaaten einen Vorschlag für ein gemeinsames Vorgehen vorgelegt. Er sieht vor, mit einer einfachen Änderung der EU-Freisetzungsrichtlinie Pflanzen vom Gentechnikrecht auszunehmen, wenn die gentechnisch erzielte Veränderung theoretisch auch mit konventionellen Züchtungsmethoden erreichbar wäre. Dies entspricht auch der Haltung der deutschen Genemigungsbehörden. Bio- und Umweltverbände hingegen lehnen solche Ausnahmen ab. Es gebe weder rechtliche noch wissenschaftliche Gründe, diese Techniken von der Regulierung auszuschliessen, schreibt etwa die EU-Gruppe des Biodachverbandes IFOAM. Eine Deregulierung würde die Gentechnikfreiheit des Biolandbaus und der gesamten gentechnikfreien Landwirtschaft gefährden, sagt Jan Plagge, Vize-Präsident von IFOAM-EU. „Die Europäische Union sollte garantieren, dass kein durch die neuen Techniken hergestelltes Produkt vermarktet wird, bevor Nachweismethoden verfügbar sind.“

Die Kommission hat bereits klargemacht, dass sie noch eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs abwarten will. Er beschäftigt sich mit der Frage, ob der Einsatz von Gentechnik-Scheren wie CRISPR/Cas mit einer herkömmlichen Mutation gleichgesetzt und damit aus dem Gentechnikrecht ausgeklammert werden kann.