Werden in Westafrika bald Moskitos mit Gene Drive freigesetzt?

Wissenschaftler des Londoner Imperial College haben im Labor erfolgreich Moskitos mit Gene Drive getestet. Es gelang ihnen mit Hilfe der gentechnisch manipulierten Tiere einen im Käfig gehaltenen Moskitobestand auszurotten. Geplant ist, die Tiere im westafrikanischen Burkina Faso freizusetzen, um dort die Malaria zu bekämpfen.

Gene Drives sind Manipulationen am Erbgut, durch die eine bestimmte, vorher gentechnisch eingebaute Eigenschaft, in Pflanzen oder Tieren dominant vererbt wird und sich dadurch besonders schnell in einer Population ausbreitet. Sie werden bisher nur im Labor erprobt, insbesondere bei Stechmücken, die gefährliche Krankheiten übertragen. Dabei hat sich gezeigt, dass die Bestände mit der Zeit eine gewisse Resistenz entwickeln und die –für sie meist tödliche gentechnische Veränderung – umgehen.

Den Londoner Wissenschaftlern ist es nun gelungen, diese Resistenzentwicklung zu vermeiden. Dazu änderten sie einen kleinen Abschnit des Gens, das bei den Mücken regelt, welches Geschlecht aus dem Ei schlüpft. Dort bauten sie eine Erbinformation ein, die die Weibchen steril macht und verknüpften sie mit einem Gene Drive. Innerhalb von sieben bis elf Generationen ging die Zahl der von den Weibchen gelegten Eier gegen Null und der Bestand erlosch. Dass die Tiere keine Resistenz entwickelten, erklärten die Forscher mit der Natur des Gens, in das sie Sterilität und GeneDrive einbauten. Es handelt sich dabei um ein Gen, dessen DNA-Sequenz im Laufe der Evolution stabil blieb, also gut vor Mutationen geschützt war. Dadurch gibt es im Erbgut der Tiere keine ähnlich gebauten Kopien, die seine Funktion übernehmen und damit den Gene Drive aushebeln könnten.

Finanziert werden die Forschungen des Imperial College maßgeblich von der Gates Stiftung. Sie sind in das Projekt Target Malaria der Stiftung eingebunden, das in den afrikanischen Staaten Mali, Uganda und Burkina Faso mit Hilfe der Gentechnik die Malaria bekämpfen will. In diesem Sommer hat die Regierung von Burkina Faso dem Projekt die Freisetzung von Stechmücken erlaubt. Den Anfang sollen Mücken machen, die gentechnisch so verändert wurden, dass die Männchen steril sind – noch ohne Gene Drive. Dieses Experiment sei eigens dazu gedacht, Vertrauen in der Bevölkerung zu schaffen, berichtete die Media-Plattform Telesur: „Sollte das Vertrauens-Experiment erfolgreich sein, könnten sie spezielle Gene Drive Moskitos freisetzen, hoffen die Wissenschaftler aus Burkina Faso“, schrieb Telesur.

Die Molekularbiologin Ricarda Steinbrecher von der Organisation EcoNexus weist in einem Kommentar auf die Risiken einer solchen Strategie hin. Das verwendete geschütze Gen komme in allen 16 Arten von Anopheles-Mücken vor. Es sei bekannt, dass zwischen den verschiedenen Arten ein Erbgutaustausch stattfinde, schreibt Steinbrecher und schließt daraus, dass ein in geschützten Genen versteckter Gene Drive sich über mehrere Arten ausbreiten und sie ausrotten kann: „Diese neue Strategie fügt einem bereits als Hochrisikotechnologie eingeschätzten Verfahren eine Extraportion Risiken und Bedenken hinzu.“

Nach europäischem Recht müsste das Imperial College eine öffentlich zugängliche Umweltverträglichkeitsprüfung nach europäischen Standards vorlegen, bevor es die Eier gentechnisch veänderter Insekten zur Freisetzung nach Afrika sende, schrieb die Organisation Genewatch UK bereits im Februar 2018. Sie argumentiert dabei mit den Vorgaben des Cartagena-Protokolls zur Biosicherheit. Das Protokoll ist Teil der UN-Konvention zur Artenvielfalt, die sowohl Großbritannien als auch Burkina Faso ratifiziert haben. Die Vorgabe gilt laut GeneWatch auch für die aktuell geplante Freisetzung von gv-Moskitos ohne Gene Drive. Bisher liege dafür keine Risikoabschätzung vor.