Genome Editing lässt sich nachweisen – doch das genügt nicht

Im Prinzip lassen sich kleine Manipulationen am Erbgut einer Pflanze, etwa durch die Gen-Schere CRISPR/Cas nachweisen. Doch um die EU zuverlässig vor der Einfuhr solcher Pflanzen zu schützen, reicht das nicht aus.

Gentechnikkonzerne, Pflanzenzüchter und die EU-Kommission behaupten immer noch, die Veränderungen durch neue gentechnische Verfahren wie CRISPR/Cas ließen sich in vielen Fällen nicht von natürlichen Mutationen und herkömmlicher Züchtung unterscheiden. Dass sei nicht korrekt, schreibt Yves Bertheaud, ehemaliger Forschungsdirektor des staatlichen französischen Agrarforschungsinstituts INRA. Er hat für ein neues Fachbuch den Stand der Technik zusammengefasst: „Neue gentechnische Verfahren: Nachweis und Identifizierung der Techniken und der damit hergestellten Produkte“ lautet übersetzt der Titel seines Kapitels (S. 320-336). Darin stellt er als erstes klar, dass natürliche Mutationen nur sehr selten vorkämen. Das Erbgut von Pflanzen sei stabil und durch Reparaturmechanismen der Zellen gut geschützt. Schon deshalb seien gentechnisch hervorgerufene Mutationen meist unterscheidbar. Ausführlich beschreibt Bertheaud, dass Eingriffe mit Gen-Scheren unerwünschte unbeabsichtigte Effekte im Erbgut hervorrufen, die er als „Narben“ bezeichnet. Diese Effekte würden auch an die folgenden Pflanzengenerationen weitergegeben und könnten theoretisch nachgewiesen werden. Zudem würden Eingriffe mit Genome Editing eine klare Signatur im Erbgut hinterlassen, die im Prinzip ebenfalls festgestellt werden könne. Bertheaud kommt zu dem Schluss, dass für die meisten neuen gentechnischen Verfahren ein quantitativer Nachweis theoretisch möglich sei. Was es dafür brauche, sei der politische Wille. Bereits im Juli 2018 schrieben Mitarbeiter deutscher Behörden, dass die meisten Eingriffe mit Genome Editing eine klare Signatur im Erbgut hinterlassen.

Doch für eine wirkungsvolle Kontrolle in der Praxis sind noch zahlreiche Probleme zu überwinden. Diese listet ein Bericht auf, den das Europäische Netzwerk der staatlichen Gentechnik-Labore (ENGL) verfasst und der Informationsdienst Gentechnik öffentlich gemacht hat. Er kommt zu dem Schluss, dass für einen Nachweis die vorgenommene Erbgutänderung bekannt und eine validierte Nachweismethode vorhanden sein müsse. Zudem brauche es zertifiziertes Referenzmaterial. Die Messmethode müsse den Nachweis in einer Qualität liefern, die auch einen rechtssicheren Vollzug ermögliche. Die ENGL-Autore bezweifeln, dass dies bei gentechnischen Veränderungen, die nur eines oder wenige Basenpaare der DNA betreffen, derzeit möglich sei. Denn solche Veränderungen könnten auch auf natürliche oder chemisch ausgelöste Mutationen zurückgehen und eine Messmethode müsse dies sicher unterscheiden können. Das Fazit der staatliche Labore: Mit den derzeitigen technischen Möglichkeiten könnten nur gen-editierte Lebensmittel erkannt werden, bei denen die vorgenommene Änderung eindeutig sei und ein spezifisches Nachweisverfahren vorliege. Ohne spezifische Nachweismethoden oder für unbekannte genom-editierte Lebensmittel sei eine Marktkontolle nicht möglich. Deshalb könnten zahlreiche durch Genome Editing hergestellte Produkte unerkannt auf den Markt kommen.

ENGL hatte der EU-Kommission bereits im April 2017 vorgeschlagen, sich mit Nachweis und Identifikation neuer gentechnischer Verfahren zu beschäftigen. Die Kommission habe damals diesen Vorschlag zurückgewiesen, berichtete das französische Portal infOGM. Erst im Oktober 2018 habe die Kommission dem Netzwerk einen entsprechenden Auftrag erteilt, aus dem der vorgestellte Bericht resultierte. Angesichts dieser Berichte müsste die EU-Kommission mit Hochdruck dafür sorgen, bestehende Messmethoden zu verbessern und neue zu entwickeln. Doch anscheinend fehlt dazu der politische Wille. InfOGM berichtete von einer gemeinsamen Sitzung von Umwelt- und Agrarausschuss des EU-Parlaments Anfang Januar. Dort plädierte die EU-Kommission für ein Regelungssystem, „das mit den wissenschaftlichen Entwicklungen auf der einen Seite und den Normen für Innovation, Wettbewerb und Sicherheit auf der anderen Seite Schritt halten kann“. Dazu wolle sie eine eine offene Debatte mit allen Beteiligten führen.

„Wir brauchen keine Debatten um ein neues Gentechnikrecht, sondern Behörden auf Bundes- und Europaebene, die alles unternehmen, um das bestehende Recht und das Urteil des Europäischen Gerichtshof zur neuen Gentechnik zu vollziehen“, mahnt Alexander Hissting, Geschäftsführer des Verbandes Lebensmittel Ohne Gentechnik. „Leider vermitteln sowohl die Bundeslandwirtschaftsministerin als auch die EU-Kommission den Eindruck, dass sie damit keine Eile haben.“