Koexistenz: Keiner kümmert sich drum

Das friedliche Nebeneinander von Bio-Anbau, konventioneller Landwirtschaft und gentechnisch veränderten Pflanzen ist eine der Grundsäulen der EU-Politik. Die Landwirte sollen ihre bevorzugte Anbaumethode frei wählen können. Und die Verbraucher sollten frei wählen können, ob sie die Produkte der verschiedenen Anbausysteme kaufen wollen oder nicht.

„Die unbequeme Wahrheit ist, dass es seit weit über einem Jahrzehnt keine sinnvollen Diskussionen, geschweige denn tragfähige Politiken gegeben hat, die sich damit befassen, wie die Koexistenz von zum Teil radikal unterschiedlichen Ansätzen der Nahrungsmittelproduktion tatsächlich gerecht, transparent und nachhaltig erreicht werden kann.“ So steht es in einem Bericht der britischen Organisation Beyond GM. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, Gesprächsräume für breit angelegte Debatten über Agro-Gentechnik zu schaffen. ‚A Bigger Conversation’ heißt diese Reihe, in der nun die Auswertung eines Gesprächs über Pflanzenzüchtung vorliegt, zu dem sich Gentechniker, Bio-Züchter und Saatgutunternehmen einen Tag lang in Brüssel getroffen hatten. Mitveranstalter waren die EU-Gruppe des Biodachverbands IFOAM.

Bei diesem Gespräch war die Koexistenz ein beherrschendes Thema, denn sie beginnt mit der Züchtung. So machten Bio-Züchter deutlich, dass mangelnde Regulierung und Transparenz bei den durch neue Gentechnik entwickelten Kulturpflanzen den Ökolandbau und damit auch ihre ökonomische Existenz beeinträchtigen könnten. Doch auch konventionelle Züchter wiesen auf das Problem hin, dass sie bald nicht mehr wissen könnten, bei welchen Zuchtlinien neue gentechnische Verfahren eingesetzt wurden. Noch größer würde dieses Nichtwissen später bei der Sortenberatung im Anbau.

Ein Beispiel dafür (im Bericht nicht weiter ausgeführt) ist die durch natürliche Mutation entstandene cytoplasmatisch-männliche Sterilität (CMS). CMS wird verstärkt in der Züchtung von Hybridpflanzen eingesetzt, wobei die Sterilität durch molekularbiologische Methoden in die Pflanzenzelle eingebracht wird. Im EU-Gentechnikrecht gelten diese Methoden explizit nicht als Gentechnik, müssen also nicht gekennzeichnet werden. Die Bio-Verbände jedoch lehnen diese Methoden ab. Allerdings lässt es sich in der Praxis kaum mehr zurückverfolgen, bei welchen Hybridsorten die vor allem bei Kohlarten weit verbreitete CMS-Methode eingesetzt wurde.

Bei der Frage, wie Transparenz, Rückverfolgbarkeit und damit eine Koexistenz von Anfang an gesichert werden könnten, gab es in der Diskussion den bekannten Dissens. Über die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs zu den neuen gentechnischen Verfahren sei es bei diesem ansonsten sachlichen und ruhigen Treffen „zu einer offenen Auseinandersetzung“ gekommen, heißt es im Bericht von Beyond GM. Die Organisation will sich in einem nächsten Schritt damit befassen, wie eine gleichberechtigte Koexistenz aussehen könnte und wie sie praktisch und politisch umgesetzt werden sollte.