Alle Beiträge von Leo Frühschütz

Glyphosat: Unabhängige Studie erhärtet Verdacht auf Gesundheitsgefahr

Glyphosat und glyphosathaltige Herbizide verändern bereits in minimalen Dosen bei jungen Ratten die Darmflora. Außerdem beeinflussen sie biologische Marker, die mit geschlechtlicher Entwicklung und genetischen Schädigungen verbunden sind. Zu diesen Ergebnissen kam eine unabhängige, crowd-finanzierte Studie, die nun mit Langzeitversuchen fortgesetzt werden soll.

Durchgeführt hat die Studie das auf Krebsforschung spezialisierte italienische Ramazzini-Institut zusammen mit Partnern in Italien, den USA und China. Die Wissenschaftler verglichen dabei die Wirkungen von purem Glyphosat und dem glyphosathaltigen Herbizid Roundup auf Ratten. Diese bekamen den Wirkstoff in einer Menge verabreicht, die von der US-Umweltbehörde EPA als sicher für den Menschen bezeichnet wird: 1,75 Milligramm Glyphosat je Kilogramm Körpergewicht. Gefüttert damit wurden erst die schwangeren Mütter und dann nach Ende der Säugezeit deren Nachwuchs. Das Alter der Tiere am Ende des dreimonatigen Versuchs entsprach etwa 18 Menschenjahren.

Die ersten, jetzt veröffentlichten Ergebnisse zeigen, dass selbst in diesen kleinen Mengen sowohl Glyphosat als auch Roundup noch vor der Pubertät der Versuchstiere deren Darmflora deutlich verändert hatten. Welche gesundheitlichen Auswirkungen dies haben könne, müsse weiter erforscht werden, schreiben die Wissenschaftler. Zudem stellten sie fest, dass sich Glyphosat langfristig im Körper der Tiere anreicherte.

Verändert haben sich nach Angaben des Ramazzini-Instituts auch biologische Parameter, die mit der geschlechtlichen Entwicklung der Tiere in Zusammenhang stehen, insbesondere bei weiblichen Ratten. Zudem sei bei jungen Tieren eine signifikante Zunahme von Mikrokernen beobachtet worden. Dies gilt als Hinweis auf eine verstärkte Schädigung des Erbguts. Die Aufsätze mit den Daten dieser Untersuchungen seien bei Fachzeitschriften eingereicht und würden bald veröffentlicht, schreibt das Institut.

Finanziert hat das Ramazzini-Institut diese ersten Untersuchungen durch eine Crowdfunding-Kampagne unter seinen italienischen Unterstützern. Den jetzt gefundenen Hinweisen wollen die Forscher nun in einer Langzeitstudie über das gesamte Lebensalter der Tiere, das sind etwa zwei Jahre, nachgehen. Um die dafür veranschlagten Kosten von fünf Millionen Euro zu decken, haben sie eine neue Crowdfunding-Kampagne gestartet.

Freigesetzte Gentech-Moskitos zeigen keine Wirkung

Von der britischen Firma Oxitec freigesetzte Gentechmoskitos hätten in den Versuchsgebieten weder die Zahl der stechwütigen Weibchen noch die Zahl der Erkrankungen verringert. Das schreibt die britische Organisation Genewatch UK und widerspricht damit Aussagen von Oxitec, in denen die Freisetzungen als Erfolge dargestellt wurden.

Die britische Firma Oxitec (gehört heute zum US-Konzern Intrexon) hat männliche Moskitos gentechnisch so manipuliert, dass ihre Nachkommen schon im Larvenstadium sterben. Dadurch sollte die Population massiv reduziert und von den Moskitos übertragene Krankheiten wie Dengue-Fieber oder Zika minimiert werden. 2008 begann das Unternehmen auf den karibischen Kaiman-Inseln und später in Brasilien und Panama mit Freisetzungsversuchen. 2014 erlaubte Brasilien die kommerzielle Nutzung der manipulierten Moskitos. Laut Oxitect hätten alle Versuche gezeigt, dass die Mückenpopulationen um mehr als 90 Prozent zurückgegangen seien.

GeneWatch UK zitiert aus E-Mails der staatlichen Moskito-Experten auf den Kaiman-Inseln (Cayman Islands’ Mosquito Research and Control Unit (MRCU)), die die dortigen Versuche überwachten und mit Oxitec korrespondierten. Sie stellten fest, dass bei den 2016 und 2017 von Oxitec durchgeführten Freisetzungen die Mückenpopulationen stabil geblieben seien. Die Zahl stechender weiblicher Mücken hätte sogar deutlich zugenommen. Die Experten vermuten, dass Oxitec versehentlich neben den Männchen auch weibliche Gentech-Mücken freigesetzt habe.

Zu den bisherigen Versuchen in Brasilien und Panama gibt es laut GeneWatch nur wenige in Fachjournalen veröffentlichte Untersuchungen. Diese zeigen nach Meinung der gentechnikkritischen Organisation erhebliche wissenschaftliche Mängel. Nicht untersucht worden sei, ob sich auch die Zahl der durch Mückenstiche übertragenen Erkrankungen verringert habe. Kritisch hinterfragt der Bericht auch, ob angesichts der bisher bekannten Kosten für einzelne Versuche diese Methode überhaupt kosteneffektiv sei.

Wenn Oxitecs Erfolgsmedlungen nicht belegbar sind, stelle sich die Frage, ob Öffentlichkeit, Behörden und Investoren von Intrexon irregührt worden seien, kommentierte Helen Wallace, die Vorsitzende von GeneWatch UK die Ergebnisse der Recherche.

 

 

 

Roundup&Co: Das Giftige sind die Zutaten

Eine Untersuchung belegt, dass die Zutaten in glyphosathaltigen Herbiziden weitaus giftiger sind als der Wirkstoff Glyphosat alleine. Das haben auch schon andere Studien gezeigt, doch diesmal haben die Ergebnisse besonderes Gewicht: Sie stammen aus dem US-Gesundheitsministerium.

Das National Toxicology Programm (NTP) des US-Gesundheitsministeriums vergleicht derzeit die Wirkungen von Glyphosat als isolierter Substanz mit fertigen Herbizidmischungen, die Glyphosat als Wirkstoff enthalten, dazu aber auch Chemikalien, die etwa dafür sorgen, dass sich der Wirkstoff gut auf den Blattoberfäche verteilt oder in das Blatt einzieht. Die Organisation U.S. Right to Know hat erste Ergebnisse dieser Untersuchungen veröffentlicht, die an menschlichen Zell-Linien durchgeführt wurden. Die britische Zeitschrift Guardian hat darüber berichtet. Sie zitierte Mike DeVito, der Leiter des NTP-Fotschungsprogramms: „Wir konnten sehen, dass die Mischungen weit giftiger waren. Sie haben die Zellen getötet. Glyphosat hat das nicht geschafft.“ Die Mischungen seien bis zum 1000-fachen potenter gewesen, heißt es in der Untersuchung. Diese ersten Ergebnisse belegten allerdings nicht, dass die Mischungen Krebs oder andere Krankheiten verursachen würden, schränkte Mike DeVito gegenüber dem Guardian ein. Um das festzustellen, seien weitere Untersuchungen notwendig.

Doch das sei nicht so einfach: „Wir kennen die Rezepturen nicht, das sind Geschäftsgeheimnisse“, erklärte DeVito dem Guardian. Eine ebenfalls von U.S .Right to Know veröffentlichte Zusammenfassung eines Treffens von Mitarbeitern der US-Umweltbehörde EPA und Monsanto im Frühjahr 2016 legt nahe, dass auch die Behörde keine Daten über Monsantos Pestizidmischungen und deren Risiken hat. Man sei an jeglichen Informationen interessiert, die Monsanto über Unterschiede zwischen Wirkstoff und Pestizidmischung habe, heißt es darin. The Guardian wirft die Frage auf, ob Monsanto selbst jemals die Giftigkeit der fertigen Mischungen untersucht hat und verweist auf interne Monsanto-Emails aus den Jahren 2003 und 2010. In ihnen schrieben Mitarbeiter des Konzerns, dass fertige Pestizide nicht auf ihre krebserzeugende Wirkung hin überprüft worden seien.

Vielleicht sollten EPA und NTP einmal das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) fragen. Die Behörde ist in Deutschland für Pestizidzulassungen zuständig und schreibt: „Antragsteller müssen mit dem Zulassungsantrag für ein Pflanzenschutzmittel alle Einzelheiten der Rezeptur mitteilen. Diese Rezeptur ist Gegenstand der Prüfung und darf nach der Zulassung nicht ohne weiteres geändert werden.“ Bei der Zulassung eines Pflanzenschutzmittels werde auch geprüft, ob Beistoffe wie Lösungsmittel, Emulgatoren, Trägerstoffe, Farbstoffe oder Treibgase bedenklich hinsichtlich der Gesundheit oder Umwelt seien. Grundlage dafür seien die vorhandenen Daten und Informationen sowie bestimmte Tests. „Wenn Fragen offen bleiben, können die Behörden auch gezielt bestimmte Studien mit einzelnen Beistoffen verlangen.“ Relevant ist dies deshalb, weil das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) in den nächsten Monaten entscheiden muss, ob es 36 glyphosathaltige Spritzmittel in der Bundesrepublik neu zulässt. Und offene Fragen gibt es nach den Untersuchungen des NTP offensichtlich.

 

 

 

 

USA: Ist da Gentechnik drin? Erst mal scannen…

Auch in den USA müssen Lebensmittel mit gentechnischen Zutaten demnächst gekennzeichnet werden. Wie das geschehen soll, hat das US-Landwirtschaftsministerium (USDA) in einem Gesetzesvorschlag dargelegt. Verbraucherorganisationen kritisierten die Vorlage, weil die Informationen nicht auf der Verpackung stehen müssen, sondern hinter einem QR-Code versteckt werden können.

Die USDA-Vorlage sieht drei Möglichkeiten der Kennzeichnung vor: Direkt auf der Verpackung steht ‚ bioengineered’ oder als Logo die Abkürzung BE. Hersteller können für zusätzliche Gentech-Informationen auch auf eine Telefonnummer oder eine Internetseite verweisen. Oder sie drucken einen sogenannten QR-Code auf die Verpackung, mit dessen Hilfe Smartphone-Nutzer zu entsprechenden Informationen im Netz gelangen.

Die Verbraucherorganisation Center for Food Safety (CFS) kritisierte die Kennzeichnung über QR-Codes. Gerade Menschen in ländlichen Gebieten, alte Menschen und solche mit wenig Einkommen verfügten oft nicht über Smartphones und die notwendigen Breitbandverbindungen, um die Informationen hinter den QR-Codes abrufen zu können. 100 Millionen US-Amerikaner würden so von der Information über Gentechnik-Zutaten ausgeschlossen. Dies habe das USDA selbst in einer Studie bestätigt. „Das USDA sollte Textangaben auf der Verpackung oder die Verwendung von Symbolen als enzige faire und effektive Möglichkeit der Kennzeichnung vorschreiben“, sagte CFS-Geschäftsführer Andrew Kimbrell. Er kritisierte auch, dass die USDA die seit 30 Jahren eingeführten Bezeichnungen ‚gentechnisch verändert’ oder GVO (gentechnisch veränderter Organismus) nicht verwenden wolle und statt dessen den Begriff ‚biotechnologisch’ (bioengineered) vorschreibe. Das verwirre die Verbraucher und führe sie in die Irre.

Das Portal Food Navigator weist darauf hin, dass der USDA-Vorschlag mehrere Fragen offen lasse, etwa ob stark verarbeitete Lebensmittel wie Öl aus Gentech-Soja oder Zucker aus Gentech-Zuckerrüben gekennzeichnet werden soll. Auch beim Umgang mit Zutaten aus Genome Editing legt sich das USDA noch nicht fest. Der Vorschlag steht jetzt 60 Tage lang zur Kommentierung im Netz, bevor das Ministerium die endgültige Fassung erarbeitet. Das CFS hat deshalb dazu aufgerufen, die Kommentierungsphase dazu zu nutzen, eine seriöse Kennzeichnung zu verlangen.

Zur Vorgeschichte: 2014 hatten einzelne US-Staaten wie Vermont eine strikte Gentechnikkennzeichnung beschlossen. Um solche Einzelregelungen auszuheben, entschied der US-Kongress im Sommer 2016, dass es eine US-einheitliche Gentechnik-Kennzeichnung geben soll und beauftragte das USDA damit, bis Ende Juli 2018 die Detailregelungen vorzulegen. Der Kongress legte damals auch QR-Codes als eine Möglichkeit der Kennzeichnung fest. Ärger gab es deshalb in der US-Bioszene, weil der Herstellerverband OTA (Organic Trade Association) den Kongress-Vorschlag aktiv unterstützt hatte.

 

Baumwollkapselbohrer: Bt-Resistenzen nehmen zu – Warnung vor Mega-Schädling

Der Baumwollkapselbohrer wird in den USA immer schneller gegen die Bt-Toxine immun, die gentechnisch veränderten Baumwollpflanzen zur Schädlingsabwehr produzieren. Der texanische Insektenforscher David Kern warnte, die von ihm untersuchten Populationen des Schädlings in den südlichen Bundesstaaten seine fast alle gegen das Bt-Toxin Cry1Ac resistent. „70 bis 75 Prozent dieser Populationeen zeigen auch eine Resistenz gegenüber den Cry2 Toxinen”, sagte Kern der SouthWest Farmpress. Das ist eine schlechte Nachricht für den Gentechnikkonzern Monsanto. Denn diese zweite Generation von Bt-Toxinen wurde von ihm eigens entwickelt und in Pflanzen eingebaut (Bollguard II), um den schon seit 2010 zunehmenden Resistenzen gegen Cry1Ac etwas entgegenzusetzen. Laut Kern ist die einzige noch wirksame Variante derzeit das Bt-Toxin Vip3A, das ebenfalls von Monsanto entwickelt und in die neueste Generation von Gentech-Baumwolle (Bollguard III) eingebaut wurde. Doch auch dagegen dürfte der Kapselbohrer bald eine Resistenz entwickeln- vor allem, wenn er sich mit sienen Verwandten zusammentut.

Wissenschaftler der australischen Risikobewertungsbehörde CSIRO haben davor gewarnt, dass der in Amerika heimische Kapselbohrer (Helicoverpa zea) sich mit der nahe verwandten und in Europa und Asien vorkommenden Baumwollkapsel-Eule (Helicoverpa armigera ) verbinden kann. Sie hatten erste Hybride mit dem Erbgut beider Aten in Brasilien gefunden. Helicoverpa armigera sei berüchtigt dafür, dass sie sehr schnell Resistenzen entwickle und diese auch weitergebe. Zudem könne sie weitaus mehr Pflanzenarten schädigen als der Kapselbohrer, heißt es in der Studie der Australier. Wenn sich diese Hybriden als eigene Art etablieren, würde dieser Mega-Schädling eine Bedrohung der Ernten in Amerika und darüber hinaus bedeuten. Zwei Drittel der US-Ernte könnten betroffen sein, warnte CSIRO.

EU-Staaten holen bienengiftige Neonics vom Acker

Die Mitgliedsstaaten der EU haben auf Vorschlag der Kommission drei bienengiftige Pestizidwirkstoffe für den Einsatz im Freiland verboten. Auch Deutschland hat das Verbot unterstützt. Den Umweltverbänden geht die neue Regelung nicht weit genug.

Mit dem Beschluss der Mitgliedsstaaten sind die Insektizide Imidacloprid, Clothianidin und Thiamethoxam im Freiland komplett verboten und dürfen nur noch in Gewächshäusern eingesetzt werden. Die drei Substanzen zählen zur Wirkstoffklasse der Neonikotinoide (Neonics) und gelten schon seit Jahren als extrem bienengiftig. Bereits 2013 hatte die EU ihren Einsatz deshalb eingeschränkt. Ende Februar 2018 legte die EU-Lebensmittelbehörde EFSA eine neue Bewertung vor, die zeigte, dass die drei Neonics für Honigbienen, Hummeln und Wildbienen eine Gefahr darstellen. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner begründete ihre Zustimmung im Bundestag mit dem Satz: „Bienen sind systemrelevant, und was der Biene schadet, muss vom Markt.“

Grüne und Umweltverbände bezeichneten das Verbot als längst überfällig, allerdings geht es ihnen nicht weit genug. „Nicht nur die drei Stoffe sondern alle Neonikotinoide gehören verboten“, sagte BUND-Pestizidexpertin Corinna Hölzel: „Denn sonst können Landwirte einen Stoff leicht mit einem anderen, ähnlich gefährlichen, ersetzen.“ Sie wies darauf hin, dass Neonics langlebig sind und sich im Boden anreichern. „Sie schädigen auch Bodenlebewesen wie Regenwürmer, Ameisen und Springschwänze“.

Leif Miller, Geschäftsführer des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) sagte: „Wenn die Bundesregierung es mit dem Schutz von Bienen und Insekten ernst meint, müssen alle Neonikotinoide und ähnlich wirkenden Insektizide komplett vom Markt verschwinden.“ Derzeit seien EU-weit noch vier weitere Neonikotinoide zugelassen, sowie mehrere ähnlich wirkende Insektizide.

Der grüne Abgeordnete Harald Ebner forderte die Bundesregierung ebenfalls auf, alle Neonics vom Acker zu nehmen. Auch solle sie Importe von Saatgut stoppen, das mit gar nicht zugelassenen Neonikotinoiden behandelt sei.

GVO und Pestizide: EU-Zulassungsverfahren sollen transparenter werden

Die EU-Kommission hat einen Verordnungsvorschlag vorgelegt, der die Transparenz bei der EU-Risikobewertung von gentechnisch veränderten Organismen (GVO), Pestiziden, und Lebensmittelzusätzen verbessern soll. Sie reagierte damit auf die andauernde Kritik an intransparenten Verfahren, starkem Lobbyeinfluss und Interessenskonflikten bei den Experten der EU-Lebensmittelbehörde EFSA.

Ein wesentlicher Kritikpunkt war auch, dass die Hersteller selbst die für eine Zulassung notwendigen Studien erstellen, einreichen und als vertraulih deklarieren. „Das Zulassungsverfahren der EU, einschließlich der wissenschaftlichen Bewertung von Stoffen, sollte sich nur auf veröffentlichte, von Fachleuten geprüfte und unabhängige Studien stützen, die von den zuständigen Behörden in Auftrag gegeben wurden“, forderte deshalb im Oktober 2017 das Europäische Parlament.

In ihrem Verordnungsvorschlag stellt die Kommission klar, dass die für eine Zulassung notwendigen Studien weiterhin von den Herstellern erstellt werden. Künftig sollen jedoch sämtliche Studien in einem EU-Register veröffentlicht werden. Allerdings dürfen die Hersteller dabei weiterhin Daten, die sie als Geschäftsgeheimnisse definieren, zurückhalten. Die EFSA erhält die Möglichkeit, bei heftigen Kontroversen zusätzliche Studie in Auftrag zu geben, die aus dem EU-Haushalt finanziert werden. Zudem müssen bei Industriestudien künftig interessierte Nichtregierungsorganisationen konsultiert werden. Diese Regelungen sollen für alle Risikobewertungen in der Lebensmittelkette gelten, etwa für GVO, Zusatzstoffe, Enzyme oder Verpackungsmaterialien.

Martin Pigeon, Campaigner für Lebensmittelpolitik bei Corporate Europe Observatory sprach von ersten wichtigen Schritten, wies auf dem Portal Euractiv aber auf einen großen Haken der Regelung hin:Jeder, der die Daten zitieren und verwenden will, muss die Erlaubnis des Unternehmens einholen, das der EFSA diese Daten zur Verfügung gestellt hat.“ Greenpeace-Sprecher Mark Breddy kritisierte, dass nach wie vor die Hersteller von Pestiziden die Prüfung ihrer eigenen Produkte kontrollieren: „Dies sollte in der Regel Aufgabe der EU sein – nicht nur in kontroversen Fällen.“ Zahlen dafür sollen laut Breddy die Unternehmen, die ihre Produkte zulassen wollen. Die Verbraucherorganisation Foodwatch kritiserte dass die von der EU-Kommission erwogenen Korrekturen insgesamt zu kurz greifen. „Da wird eine Riesenchance vertan“, sagte der Geschäftsführer von Foodwatch International, Thilo Bode.

Die Kommission will ihren Vorschlag nun mit dem Europäischen Parlament und den Mitgliedstaaten diskutiert und bis Mitte 2019 verabschieden. Parallel dazu arbeitet im Parlament ein Sonderausschuss die Erfahrungen mit der Risikobewertung des Herbizids Glyphosat auf. Dabei nehmen 30 Abgeordnete das Zulassungsverfahren für Pestizide, potenzielle Mängel bei der wissenschaftlichen Bewertung und mögliche Interessenskonflikte unter die Lupe. Sie sollen in neun Monaten einen Abschlussbericht mit Tatsachenfeststellungen und Empfehlungen vorlegen, die sicher auch die Haltung des Parlaments zu dem Vorschlag der Kommission beeinflussen werden.

Gentechnik: Grüner Bundesvorstand will neu nachdenken

Der Bundesvorstand der Grünen hat die bisherige ablehnende Position der Partei zur Agro-Gentechnik in Frage gestellt. In einem Impulspapier zur anstehenden Debatte über ein neues Grundsatzprogramm der Partei betonte der Vorstand mögliche positive Wirkungen neuer gentechnischer Verfahren.

Konkret heißt es in dem Papier, Biotechnologie, Nanotechnologie oder Gentechnik könnten „Krankheiten ausrotten oder heilen, sie können Leben verlängern – theoretisch sogar den Tod überflüssig machen.“ Zwar hätten sich die Grünen gegen Genveränderungen bei Lebensmitteln ausgesprochen, „sollten aber noch einmal hinterfragen, ob bestimmte neue Technologien nicht helfen könnten, die Versorgung mit Nahrungsmitteln auch dort zu garantieren, wo der Klimawandel für immer weniger Regen oder für versalzenen Boden sorgt.“ Dazu müssten allerdings „die in marktschädlichen Oligopolen organisierten Konzerne“ so reguliert werden, „dass sie in neuer Form am Ende der Allgemeinheit, also zum Beispiel auch den Kleinbauern des Südens dienen.“

Bei den Fachpolitikern der Partei stieß der Beitrag auf wenig Verständnis. In einem Positionspapier fasste der grüne Europaparlamentarier und Bio-Bauer Martin Häusling die Argumente für eine weiterhin strikte Haltung gegen Agro-Gentechnik zusammen, vom Risiko der mit Gen-Scheren wie CRISPR/Cas erzeugten Organismen über die Erfolge herkömmlicher Züchtung bis hin zu den Chancen, mit agrarökologischen Methoden die Ernährung nachhaltig zu sichern. Harald Ebner, Sprecher für Gentechnik und Bioökonomie der grünen Bundestagsfraktion, veröffentlichte zwei Statements, in denen er eine Bilanz der bisherigen Agro-Gentechnik zog. Die Agrarkonzerne könnten „auch nach Jahrzehnten keine nachhaltigen Erfolge vorweisen, sie haben keines ihrer Versprechen über höhere Erträge, trockenheits- oder salzresistente Pflanzen halten können“, schrieb Ebner und forderte die Bundesregierung auf klarzustellen, „dass neue Gentechnik wie CRISPR/Cas genauso Gentechnik ist wie ‚herkömmliche’ Gentechnik und genauso geregelt, geprüft und gekennzeichnet wird.“

Die Taz kommentierte, dass die grüne Parteispitze „Gentechnik zum Allheilmittel“ erhebe. Sie wolle mit dem neuen Grundsatzprogramm „störenden Ballast“ für künftige Koalitionen abräumen und da stünden die ablehnende Positionen der Partei zur Gentechnik ganz oben auf der Liste. „Die grüne Parteispitze fällt den Umweltorganisationen damit in den Rücken“, kommentierte die taz.

Der Spiegel nutzte den Vorstoß dazu, die bisherige Haltung der Grünen zu Glyphosat und Gentechnik als unwissenschaftlich zu geißeln und das Hohe Lied der Agro-Gentechnik zu singen. Gerade die Partei des Umweltschutzes müsste sich darum kümmern, „Gentechnikansätze zum Nutzen von Mensch und Umwelt zu fördern, statt sie aus Prinzip zu verteufeln“, schrieb der Spiegel.

Die Zeit vermisste bei den Grünen „den ökologischen Wumms“. Das strategische Problem der Partei sei nicht die Gentechnik, sondern die wachsende Kluft „zwischen dem, was ökologisch getan werden müsste, und dem, was ökologisch getan wird“ sowie die „die Kluft zwischen dem, was Politik, Medien und Bevölkerung sich einreden, und dem, was in der real existierenden Natur geschieht“.

Glyphosat: Der Einstieg in den Ausstieg?

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat ihre Glyphosat-Minderungsstrategie vorgestellt. Konkrete Zahlen und Fristen nannte sie nicht.

So sieht die Strategie aus: In der Landwirtschaft soll das Herbizid nur noch in bestimmten Fällen eingesetzt werden dürfen: Gegen Problemunkräuter wie Distel und Quecke, wenn wegen schlechten Wetters die Ernte bedroht ist und zur Erosionsvermeidung bei der Stoppelbearbeitung. Außerdem müssten in den Einsatzgebieten Saumstrukturen und Hecken vorhanden sein, sagte die Ministerin. In Parks und Sport- und Spielanlagen sowie in Naturschutzgebieten soll das Glyphosatspritzen verboten werden, in Haus und Kleingärten darf das Herbizid nur eingesetzt werden, wenn es keine Alternativen gibt und der Anwender einen Sachkundenachweis hat. Außerdem will die Ministerin einheitliche Gewässerabstände für die Ausbringung festlegen. Das alles stehe in einem Verordnungsentwurf, der nun in die Ressortabstimmung gehe.

Da ist dann Bundesumweltministerin Svenja Schulze gefragt. Sie reagierte zurückhaltend auf den Vorstoß. Damit sei „ein erster Schritt gemacht“, teilte die SPD-Politikerin laut Spiegel online mit. „Für unser gemeinsames Ziel, den Einsatz von Glyphosat grundsätzlich zu beenden, werden weitere Schritte folgen müssen.“ Schulze hatte sich zuvor für einen Glyphosatausstieg bis Ende 2021 ausgesprochen.

Umstritten ist, ob und wie dies europarechtlich möglich ist. Das österreichische Bundesland Kärnten hatte ein Gesetz beschlossen, dass Glyphosat für drei Jahre verbieten sollte. Dagegen hatte die EU-Kommission „ernsthafte Bedenken“ ins Feld geführt, berichtete der Kurier. Ein Mitgliedsstaat müsse jedes Pflanzenschutzmittel individuell prüfen. Dann könne er einzelne Zulassungen nicht erneuern oder neue Zulassungen verweigern, beschrieb die Kommission laut Kurier das Vorgehen. Dabei sei es aber nicht zulässig, sich nur auf das Vorsorgeprinzip zu berufen.

Wie der Infodienst Gentechnik berichtete, prüft das deutsche Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) aktuell, ob es 36 glyphosathaltige Spritzmittel in der Bundesrepublik neu zulässt. Das BVL untersteht Julia Klöckner, weswegen der grüne Bundestagsabgeordnete Harald Ebner kommentierte: „Hier kann und muss die Agrarministerin jetzt sehr wohl handeln!“. Das Europa-Referat des Bundestages habe bestätigt, dass nationale Verbote und Anwendungsbeschränkungen von Pestiziden mit dem Wirkstoff Glyphosat durchaus möglich seien.

Verunreinigte Bio-Baumwolle: Oeko-Tex führt GVO-Prüfung ein

Gut zwei Drittel der weltweit verarbeiteten Bio-Baumwolle stammt aus Indien. Gleichzeitig sind 90 Prozent der dort angebauten konventionellen Baumwolle gentechnisch verändert. Es besteht also ein hohes Rosiko, dass Bio-Baumwolle aus Indien mit Gentech-Baumwolle verunreinigt ist.

Deshalb brauchen Bio-Baumwolltextilien, die zusätzlich nach dem internationalen Textiltandard Oeko-Tex 100 zertifiziert werden wollen, künftig einen Nachweis, dass die Baumwolle frei von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) ist. Das teilte der Standardgeber, die Schweizer Oeko-Tex Service GmbH, mit. Die neue Überprüfung gebe den Herstellern und Vermarktern die Gewissheit, dass ihre Produkte aus Bio-Baumwolle gesetzliche Vorgaben und Verbrauchererwartungen in Bezug auf GVO erfüllen, begründete Oeko-Tex Generalsekretär Georg Dieners den Vorstoß.

Dessen Hintergrund: Im August 2017 hatte das Schweizer Verbrauchermagazin Saldo aufgedeckt, dass nach dem Biotextil-Standard GOTS zertifizierte Bio-Baumwolle aus Indien stark mit gentechnisch veränderter Baumwolle verunreinigt war. Natürlich hat Bio-Baumwolle gentechnikfrei zu sein und der GOTS-Standard schreibt die Gentecnikfreiheit auch ausdrücklich fest. Allerdings überlässt es GOTS den Zertifizierern, inwieweit sie das kontrollieren. Auch gebe es keine international anerkannte Testmethode für GVO in Baumwollfasern, die Labore würden nur selbstentwickelte Analyseverfahren verwenden, hieß es im Herbst 2017 in einer Stellungnahme von GOTS. Diese aus Sicht mancher Branchenexperten zögerliche Haltung hat sich nun Oeko-Tex zunutze gemacht. Viele Hersteller, die sich nach GOTS zertifizieren lassen, nutzen den Oeko-Tex 100 Standard nicht, da dieser schadstoffseitig weniger streng als GOTS ist. Nun will Oeko-Tex mit der nachweislichen GVO-Freiheit punkten – weil das GOTS-Zertifikat dies zwar verspricht, aber offensichtlich derzeit nicht gewährleisten kann.