Alle Beiträge von Leo Frühschütz

Gentechnikfreie Regionen fordern internationales GVO-Register

Das europäische Netzwerk gentechnikfreier Regionen hat in einer Deklaration gefordert, ein internationales Register gentechnisch veränderter Organismen (GVO) einzurichten. Dort sollen auch Pflanzen und Tiere eingetragen werden, deren Erbgut mit Hilfe von Gentechnik-Scheren wie CRISPR/Cas manipuliert wurde. Als passenden Rahmen dafür schlug das Netzwerk das bestehende Register des Biosafety Clearinghouse aus dem Cartagena Protokoll für die biologische Sicherheit vor.

Dem Netzwerk gehören 64 europäische Regionen an, die sich als gentechnikfrei erklärt haben. Präsidentin ist die hessische Umweltstaatssekretärin Beatrix Tappeser. Sie begrüßte bei der Eröffnung des neunten Netzwerktreffens vergangene Woche in Berlin die jüngste Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) zur Einstufung von CRISPR/Cas. „Das ist für uns ein wichtiger Meilenstein, mit dem klargestellt wird, dass auch die mit den neuen Gentechnikverfahren erzeugten Lebens- und Futtermittel einer umfassenden Risikobewertung, Rückverfolgbarkeit und Kennzeichnung unterliegen müssen.“ Da in zahlreichen Staaten außerhalb der EU solche Erzeugnisse nicht als Gentechnik eingestuft würden, sei ein öffentliches internationales Register aller weltweit freigesetzten GVO erforderlich.

Als besorgniserregend bewerteten die Mitglieder des Netzwerks, sogenannte „gene drives“. Dabei werden die Gene etwa eines Insekts so manipuliert, dass die Veränderung sich in innerhalb weniger Generationen in einer ganzen Population ausbreitet und diese auslöschen kann. „Eine Freisetzung solcher Organismen, die ganze Populationen vernichten können, ist aus unserer Sicht nicht vertretbar“, erkläre Tappeser. Die EU und die internationale Staatengemeinschaft müssten ein Moratorium beschließen.

Angesichts der deutlich gestiegenen Konzentration von Markt – und Forschungsmacht im Saatgut – und Agrochemiegeschäft plädierten die gentechnikfreien Regionen für mehr öffentliches Engagement in der Saatgutzüchtung und –forschung ohne Gentechnik. „Die genetische Vielfalt aller Pflanzen und Tiere sollte als eines der wertvollsten öffentlichen Güter der Menschheit erhalten und zugänglich bleiben“, heißt es in der Deklaration.

Darin bezeichnete das Netzwerk das Konzept der gentechnikfreien Regionen als Erfolgsgeschichte. Die regionale Zusammenarbeit mit Bauernverbänden, Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen entlang der gesamten Agrar – und Lebensmittelwertschöpfungskette sei ein starkes und solides Fundament dieser regionalen Bewegung. Zusätzlich sei durch die zunehmende Gentechnikfrei-Kennzeichnung von Lebensmitteln die Nachfrage nach regional produzierten, gentechnikfreien Eiweißpflanzen angestiegen – mit vielfältigen Vorteilen für die regionale Wirtschaft, die Fruchtfolge und die Bodenfruchtbarkeit.

 

Klöckner denkt über neues EU-Gentechnikrecht nach

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner hält die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs über Gentechnik-Scheren wie CRISPR/Cas für falsch und will über eine Änderung des EU-Gentechnikrechts zumindest diskutieren. Dies geht aus einer Meldung der Nachrichtenagentur Reuters hervor.

„Die klassische grüne Gentechnik mit CRISPR/Cas in einen Topf zu werden, halte ich für sachlich falsch” sagte die Ministerin Reuters. Man müsse eine Debatte führen, „die wissenschaftsbasiert ist und nicht nach Stimmungen geht.” Ob es zu Gesetzesänderungen komme, werde man sehen. „Wir müssen achtgeben, dass wir nicht aus Luxuspositionen des Überflusses heraus in Europa eine neue Technologie vor die Tür setzen”, zitierte Reuters die Ministerin. Die neue Technologie könne die Lösung für landwirtschaftliche Probleme werden. “Damit könnten beispielsweise dürre-resistente Pflanzen gezüchtet werden.” Bereits direkt nach der Urteilsverkündung Ende Juli hatte die Ministerin verkündet, sie wolle „ den Blick für Entwicklungen und Innovationen offen halten.“

Reuters meldete ebenfalls, dass der Vorstoß der Ministerin bei SPD und Grünen auf Kritik gestoßen sei. Der Gerichtshof habe klargestellt, dass neue Gentechnikverfahren, wie die Genschere CRISPR/Cas und die damit erzeugten Produkte dem Gentechnikrecht unterliegen, sagte der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Fraktion, Matthias Miersch, Reuters: „Das Urteil des EuGH sollte auch die Bundeslandwirtschaftsministerin anerkennen.” Harald Ebner, der Gentechnik-Sprecher der grünen Bundestagsfraktion, warf der Ministerin laut topagrar vor, Klöckner stimme „nach kürzester Schamfrist voll ein in den Chor der Gentechnik-Lobby, der sich seit dem Gentechnik-Urteil überschlägt in schriller Richterschelte und Forderungen nach Gesetzesänderungen.“

 

 

 

Medien kritisieren: Bund fördert eine gentechnikkritische Organisation

Mit Steuergeldern eine gentechnikkritische Organisation unterstützen? Das geht gar nicht, meint die FDP, unterstützt von einigen Medien. Darüber, dass die Bundesregierung Gentechnik-Forscher mit Millionen unterstützt, verlieren sie kein Wort.

Der Stein des Anstoßes: Das dem Bundesumweltministerium unterstehende Bundesamt für Naturschutz fördert für drei Jahre eine Fachstelle Gentechnik und Umwelt (FGU) mit insgesamt 200.000 Euro. Gerade genug Geld für eine Wissenschaftlerstelle und etwas Bürokosten. Die Fachstelle ist ein Projekt des gentechnikkritischen Vereins Testbiotech. Ihr Ziel ist „die Förderung einer informierten gesellschaftlichen Diskussion auf der Basis aktueller Informationen und wissenschaftlich verlässlicher Analysen“, heißt es im Förderantrag. Festgelegt würden die Inhalte von Non-Profit-Organisationen, „die sich unter der Perspektive des Vorsorgeprinzips mit dem Thema befassen, ohne eigene ökonomische Interessen an der Verwertung der Technologie zu haben.“ Dazu sind sieben Organisationen in einem Beirat vertreten, darunter der Umweltverband BUND, die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschfat (AbL) und Save our Seeds.

Auslöser der Kritik an der Fachstelle Gentechnik und Umwelt war eine Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion. Diese will mit einer Reihe von Anfragen thematisieren, dass die Bundesregierung Verbände und Organisationen aus dem Umweltbereich unterstützt (die der FDP anscheinend ein Dorn im Auge sind). Ziele dieser Anfragen sind unter anderem der Naturschutzbund Deutschland, das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, Greenpeace und die Deutsche Umwelthilfe. Die Antwort der Bundesregierung nahmen Süddeutsche Zeitung und Spiegel zum Anlass, um über die Fachstelle zu berichten. Deren Tenor: Der Bund finanziere mit Steuergeldern eine gentechnikkritische Lobbyorganisation. Testbiotech hat zu den Vorwürfen Stellung genommen und darauf hingewiesen, dass die Journalistinnen in beiden Fällen nicht um eine Stellungnahme angefragt hatten. Deutlich wies Testbiotech den Vorwurf zurück, unwissenschaftlich zu arbeiten: „Testbiotech legt Wert darauf, nach wissenschaftlichen Standards zu arbeiten und gleichzeitig unabhängig von den Interessen derer zu sein, die von Anwendungen der Gentechnik profitieren“, heißt es in der Stellungnahme. Und weiter: „Im Vordergrund unserer Arbeit steht die Perspektive des Umwelt- und Verbraucherschutzes.“ Dies rechtfertige es jedoch nicht, Testbiotech als Lobby-Organisation oder Technikfeinde zu bezeichnen.

Kein Thema für SZ und Spiegel ist es, dass die Bundesregierung seit Jahren angewandte Gentechnik-Forschung unterstützt. So gab das Forschungsministerium 2017 sechs Millionen Euro frei, um zwei Jahre lang „Nutzpflanzen der Zukunft“ zu fördern, die mit Hilfe neuer gentechnischer Verfahren hergestellt werden sollen. Aktuell fördert das Ministerium auch Projekte zur Genom-Editierung von Äpfeln und Sojabohnen. Geld bekommt auch das Forschungsprojekt „Ethische, rechtliche und sozioökonomische Aspekte der Genom-Editierung in der Agrarwirtschaft“ (Dialog GEA). Dessen Träger ist das Max-Planck-Institut für Molekulare Pflanzenphysiologie, dessen Direktor Ralph Bock ein entschiedener Befürworter der Agro-Gentechnik und des Einsatzes neuer gentechnischer Verfahren ist. Fördersumme: Über eine Million Euro, verteilt auf drei Jahre. Seit 2009 berät der Bioökonomierat die Bundesregierung. Kürzlich haben dessen 17 Mitglieder aus Forschung und Industrie ein neues Gentechnikrecht gefordert, das Genome Editing teilweise ausnimmt. Der Informationsdienst Gentechnik hat herausgefunden, dass der Bund für die Geschäftsstelle dieses Rates in den letzten zehn Jahren 6,8 Millionen Euro ausgegeben hat.

Bioökonomierat: Bundesregierung soll sich für neues EU-Gentechnikrecht stark machen

Der Bioökonomierat hat „die Politik“ aufgefordert, das EU-Gentechnikrecht zu modernisieren. Notwendig sei eine „Regulierung, die zwischen Mutationen und Gentransfers unterscheidet und risikoorientierte Verfahren für die Zulassung und Freisetzung vorsieht“. Der Rat ist ein 2009 eingerichtetes Gremium aus Wissenschaftlern und Firmenvertretern, dessen 17 Mitglieder die Bundesregierung beraten.

Nach Ansicht des Rates wäre es unverantwortlich „die EU dauerhaft von einer technologischen Entwicklung abzukoppeln, die große Potenziale für Nachhaltigkeit und menschliches Wohlergehen bietet und die deshalb die Entwicklung der Bioökonomie im Rest der Welt immer stärker prägen wird.“ Auch werde es auf Dauer nicht gelingen, „den Import von Produkten zu verhindern, die unter Verwendung von Genome Editing erzeugt wurden.“ Es sei jedoch keine Lösung, auf eine komplette Deregulierung zu setzen. Manche Einsatzfelder könnten „durchaus erhöhte Risiken mit sich bringen, und deshalb sind hier erhöhte Schutzvorschriften erforderlich“, heißt es in der Stellungnahme des Rates. Deshalb sei eine „differenzierte Betrachtung der Technologie und ihrer Anwendungsgebiet“ gefragt. Dies könne das aktuelle EU-Gentechnikrecht nicht leisten, es bediene statt dessen „die gefühlsmäßige Haltung vieler Bürger, die neue Technik wegen risiko- oder ethikbezogener Bedenken verbieten zu wollen.“

Der Bioökonomierat fordert deshalb, das EU-Gentechnikrecht zeitnah anzupassen und abgestufte Genehmigungs- und Zulassungsverfahren für unterschiedliche Risikoklassen einzuführen. So könnten etwa gentechnische Veränderungen von nur wenigen Basenpaaren ungeregelt bleiben, während Eingriffe, „bei denen größere Genabschnitte (zum Beispiel mehr als 20 Basenpaare) verändert werden oder ein Transfer von Gensequenzen über Artgrenzen hinweg erfolgt“, weiterhin nach Gentechnikrecht geregelt würden. Ein „besonders hohes Schutzniveau“ sei notwendig, wenn es um die Freisetzung manipulierter Schadinsekten gehe. Der Rat behauptet, dass sich gentechnische Punktmutationen oder der präzise Einbau arteigener Gene nicht eindeutig nachweisen lassen und plädiert dafür, die Gentechnik-Kennzeichung „auf größere, artfremde Genomveränderungen, die eindeutig nachweisbar sind“ zu beschränken. Ansonsten wäre „keine Rechtssicherheit im Warenverkehr gegeben“.

Der Rat verlangt auch mehr Engagement in der staatlichen Forschungsförderung. Ein Biodiversitätsmonitoring in der Agrarlandschaft müsse aufgebaut werden. Auch sei es „dringend erforderlich, die vielen offenen Fragen bezüglich Eigentumsrechten, ‚Open-Source’-Daten und Technologien, Wirtschaftsstrukturen und ‚global governance’ einer systematischen wissenschaftlichen Bearbeitung zuzuführen.“ Auch brauche es neue Formen des gesellschaftlichen Dialogs über Genome Editing. Der Rat empfiehlt dafür dialogorientierte Verfahren, „die auf Bürgerbeteiligung und demokratische Öffentlichkeit ausgerichtet sind.“

 

 

Gegen den Heerwurm hilft keine Gentechnik

Die Befürworter der Agro-Gentechnik haben einen neuen Lieblingsschädling, den Herbst-Heerwurm. Dieser Schmetterling mit seinen gefräßigen Raupen stammt aus den USA und hat binnen weniger Jahre die halbe Welt erobert: Zuerst Südamerika, seit 2016 Afrika und inzwischen sind erste Exemplare in Indien gesichtet worden. Die Raupen stürzen sich auf jungen Mais und 80 andere Pflanzenarten und fressen die Felder kahl.

Gegen den Siegeszug des Schädlings durch das von Hunger geplagte Afrika propagieren manche Wissenschaftler und Hersteller gentechnisch veränderten Bt-Mais als Lösung. In Uganda und Mozambik fanden Feldversuche mit einer Variante des Gentech-Maises MON810 statt. Doch schon jetzt ist klar, dass gegen den anpassungsfähigen Schmetterling Gentechnik nicht auf Dauer hilft. Denn in den USA und später in Brasilien entwickelte der Schädling relativ bald Resistenzen gegen Bt-Toxine. Und auch gegen chemische Spritzgifte wird er schnell widerstandsfähig. Das African Centre for Biodiversity (ACB) kam in einer Studie zu dem Ergebnis, dass Gentech-Mais keine Lösung im Kampf gegen den Heerwurm sei. Statt dessen bräuchte es ganzheitliche Strategien.

Dazu zählt das Push&Pull-System, bei dem innerhalb eines Maisfeldes Pflanzen angebaut werden, die den Heerwurm abschrecken, während um das Feld herum Pflanzen wachsen, die ihn anziehen. Damit habe sich der Befall um 80 Prozent verringern lassen, heißt es in einer Studie des International Centre of Insect Physiology and Ecology, über die GMWatch berichtete. Die gentechnikkritische Organisation verweist auch auf Studien und Medienberichte, wonach bestimmte Ameisen die Eier des Schmetterlings fressen und die Blätter des Neembaumes eine abwehrende Wirkung zeigen. Die Welternährungsorganisation FAO hält den Einsatz von Gentech-Mais ebenfalls für wenig hilfreich. Sie setzt auf Frühwarnsysteme mit Pheromonfallen und eine angepasste Bekämpfung, zu der als letztes Mittel auch Insektizide zählten, wie die Frankfurter Rundschau berichtete. In dem Artikel werden auch die Forschungen des Internationalen Instituts für Tropische Landwirtschaft (IITA) im westafrikanischen Benin. Dessen Wissenschaftler entwickeln ein Bio-Pestizid auf der Basis von Viren, die nur die Heerwurm-Raupen befallen. Sie experimentieren auch mit Schlupfwespen als natülichen Feinden.

 

Behörde zieht alten Bescheid zurück: Cibus-Raps ist doch Gentechnik

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) hat mitgeteilt, dass der herbizidtolerante Raps der Firma Cibus als gentechnisch veränderter Organismus (GVO) zu betrachten sei. Gleichzeitig nahm die Behörde ihren Bescheid vom 5. Februar 2015 zurück, mit dem sie feststellt hatte, dass dieser Raps kein gentechnisch veränderter Organismus im Sinne des Gentechnikgesetzes sei. Damit hat sich das Urteil des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) zu neuen gentechnischen Verfahren erstmals in der Genehmigunspraxis ausgewirkt.

Die US-Firma Cibus hatte das Erbgut ihres Rapses mit einem als RTDS bezeichneten Verfahren der Oligonukleotid-gesteuerten Mutagenese (OgM) so verändert, dass er gegen ein Herbizid resistent wurde. Das Unternehmen vermarktet seinen Raps derzeit in den USA und Kanada als „non-GMO“ also gentechnikfrei. Weitere Länder sollen folgen. In der Pipeline hat das Unternehmen auch mittels OgM entwickelte glyphosatresistente Leinsaat sowie Reis und Kartoffel. OgM war eines der ersten neuen gentechnischen Verfahren, mit denen sich das Erbgut gezielt ändern ließ. Da es aufwändiger ist als die später entwickelte Gen-Schere CRISPR/Cas, spielt das Verfahren heute kaum noch eine Rolle. Relevant sind jedoch weiterhin die damit entwickelten Pflanzen.

Das BVL hatte im Februar 2015 auf Anfrage der Firma Cibus entschieden, dass deren Raps nicht als gentechnisch veränderter Organismus im Sinne des Gentechnikgesetzes einzustufen sei, da es sich bei dem angewandten Verfahren um eine zielgerichtete Mutation handle, die vom Gentechnikrecht ausgenommen sei. Gegen diesen Bescheid des BVL hatte ein Bündnis aus Landwirtschafts- und Umweltverbänden, Saatgut-Initiativen und betroffenen Unternehmen unter Koordination der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) Widerspruch und Klage erhoben. Das Verfahren beim Verwaltungsgericht Braunschweig ist immer noch anhängig und verhinderte bisher einen Anbau des Cibus-Rapses. Aufgrund des EuGH-Urteils „musste das Bundesamt seinen verantwortungslosen Testballon zurückziehen“, kommentierte AbL-Vorstandsmitglied Elisabeth Waizenegger die Mitteilung der Behörde.

„Das Beispiel Cibus-Raps zeigt, wie elemantar wichtig die EuGH-Entscheidung für eine glaubwürdige, gentechnikfreie Landwirtschaft ist“, sagte Alexander Hissting, Geschäftsführer des Verbandes Lebensmittel ohne Gentechnik (VLOG). „Ohne dieses Urteil hätten gentechnisch veränderte Pflanzen wie der Cibus-Raps mit behördlicher Erlaubnis ohne jede Kennzeichnung und Kontrolle angebaut werden können.“ Aus Sicht des VLOG muss nun dafür gesorgt werden, dass Cibus-Raps aus den USA oder Kanada in die EU kommt. „Die EU-Kommission und die Behörden der Mitgliedsstaaten müssen umgehend sicherstellen, dass alle Rapsimporte aus diesen Ländern nicht nur auf die üblichen gentechnisch veränderten Rapslinien untersucht werden, sondern auch auf die Anwesenheit von Cibus-Raps“, forderte Hissting deshalb.

Klären sollten die Behörden noch den Umgang mit einer anderen Rapssorte, dem seit 2013 als konventionelle Pflanze angebauten Clearfield-Raps des Konzerns BASF. Dieser herbizidresistente Raps wurde von BASF zusammen mit der Firma Cibus entwickelt – angeblich mit konventioneller Züchtung. Doch Cibus selbst teilte bereits 2009 mit, dass dabei das RTDS-Verfahren verwendet worden sei.

 

Monsanto muss für Krebs zahlen – Bayer-Aktie fällt

Eine Geschworenen-Jury in San Francisco hat den von Bayer übernommenen Konzern Monsanto dazu verurteilt, 250 Millionen Euro an eine krebskranken Platzwart zu zahlen. Zwar will Monsanto in Berufung gehen, doch der Kurs der Bayer-Aktie fiel deutlich. Schließlich ist das nicht der einzige Prozess, den sich das Unternehmen mit der Mosanto-Übernahme eingekauft hat.

Einstimmig hatten die Geschworenen Monsanto für schuldig befunden. Sie sprachen dem 46-jährigen Dewayne Johnson, der seine Krebserkrankung auf die Arbeit mit glyphosathaltigen Spritzmitteln zurückführt, 34 Millionen Euro Schmerzensgeld zu sowie einen Strafzuschlag von 216 Millionen Euro. Dieser wurde fällig, weil die Jury davon ausging, dass Monsanto vorsätzlich gehandelt und die Risiken seines Herbizids verschwiegen habe. Zwar handelt es sich um die Entscheidung in einem Einzelfall und vermutlich wird die Berufungsinstanz die Schadensersatzsumme reduzieren. Dennoch hat das Urteil Signalwirkung für die 5.000 weiteren Klagen, in denen Krebspatienten oder ihre Angehörigen Monsanto und dessen glyphosathaltigen Herbizide für die Erkrankung verantwortlich machen. Ebenfalls in San Francisco hatte ein Richter im Juli den Weg für eine Verhandlung von 450 Sammelklagen freigemacht.

Der Kurs der Bayer-Aktie fiel binnen weniger Tage von 95 auf 75 Euro und hat sich inzwischen bei 82 Euro gefangen. Eine Rolle bei diesem beispiellosen Absturz dürften auch die anderen Prozessrisiken spielen, die Bayer sich mit Monsanto eingekauft hat. So haben Farmer aus acht US-Bundesstaaten Sammelklagen wegen Ernteschäden durch den Unkrautvernichter Dicamba eingereicht. Die Klagen richten sich sowohl gegen Bayer-Monsanto wie gegen BASF, die beide das Herbizid vertreiben, berichtet der Informationsdienst Gentechnik. In Frankreich haben Imker Bayer wegen Glyphosatrückständen in ihrem Honig verklagt, in Brasilien streitet sich der Konzern um Patentzahlungen. „Klagewellen und Imageschaden – Monsanto ist für Bayer ein Milliardenrisiko“, folgerte daraus das Handelsblatt.

 

 

Neue Studien zeigen einmal mehr: Glyphosat-Pestizide schädigen Ungeborene

Frauen in den durch Pestizide stark belasteten Agrargebieten Argentiniens erleiden dreimal häufiger eine Fehlgeburt, als dies im nationalen Durchschnitt der Fall wäre. Kommen die Kinder zur Welt, leiden sie doppelt so oft an Missbildungen. Das ergab eine Feldstudie der Universitätsklinik im argentinischen Cordoba. Deren Wissenschaftler hatten in einer Kleinstadt mit 8.000 Einwohner inmitten einer Agrargregion die Rate an Fehlgeburten und Missbildungen erhoben. Parallel dazu ermittelten die Wissenschaftler, dass in der Umgebung der Stadt auf 80.000 Hektar Land insgesamt 975 Tonnen Pestizide pro Jahr verprüht wurden, davon 650 Tonnen Glyphosat. Bei Messungen an mehreren Stellen in der Stadt wurden stark erhöhte Wert von Glyphosat im Boden festgestellt. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass ihre Studie trotz methodologischer Schwächen einen klaren Zusammenhang zwischen der Pestizidbelastung und den Auswirkungen auf die Schwangerschaft zeige.

Einen solchen Zusammenhang zeigt auch eine Studie der Universität im argentinischen Santa Fe – allerdings erst in der zweiten Generation. Maria Milesi und ihr Team hatten schwangeren Ratten ein in Argentinien übliches glyphosathaltiges Pestizid ins Futter gemischt. Die Konzentration lag im Bereich dessen, was bei Glyphosatrückständen in den US noch als sicher für den Menschen angesehen wird, schrieb das Portal GMWatch in seiner Besprechung der Studie. Die so ernährten Embryonen zeigten bei der Geburt keine Auffälligkeiten und wurden noch bis zum Ende der Säugezeit dem Pestizid ausgesetzt. Die Wissenschaftler paarten die weiblichen Ratten aus diesen Würfen und analysierten am 19. Tag nach der Begattung die Embryos der zweite Generation. Dabei zeigten sich die Tiere unverändert fruchtbar, allerdings war der Nachwuchs deutlich schwächer, was Größe und Gewicht der Embryos betraf. Überraschenderweise, wie die Forscher selber schreiben, stellten sie auch Anomalien fest wie zusammengewachsene Föten und Fehlentwicklungen der Gliedmaßen.

Bemerkenswert bei beiden Studien ist, dass sie nicht den reinen Wirkstoff Glyphosat betrachten, sondern die in der Praxis relevanten fertigen Pestizidmischungen mit ihren oft unbekannten Zusatzstoffen. Bei der Neuzulassung glyphosathaltiger Pestizide, an der derzeit das Bundeamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit arbeitet, sollten solche Ergebnisse also mit berücksichtigt werden.

 

 

EuGH-Urteil: CRISPR/Cas ist Gentechnik – ohne Ausnahme

Der Einsatz neuer gentechnischer Verfahren wie CRISPR/Cas fällt ohne Ausnahme unter das EU-Gentechnikrecht. Das hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) entschieden und damit der Argumentation von Bio- und Umweltverbänden Recht gegeben. Begründet haben die Richter ihre Entscheidung mit dem Vorsorgeprinzip.

Zu entscheiden hatten die Richter die Frage, ob Pflanzen und Tiere, deren Erbgut mit Hilfe von Gentechnik-Scheren wie CRISPR/Cas verändert wurde, als gentechnisch veränderte Organismen (GVO) im Sinne des EU-Gentechnikrechts gelten. Und zwar dann, wenn dabei kein fremdes Erbgut eingefügt sondern nur die vorhandene DNA verändert wird. Mutagenese ist der Fachbegriff dafür und der EuGH hat entschieden: „Durch Mutagenese gewonnene Organismen sind genetisch veränderte Organismen (GVO) und unterliegen grundsätzlich den in der GVO-Richtlinie vorgesehenen Verpflichtungen“. Ausgenommen davon seien nur Mutagenese-Verfahren „die herkömmlich bei einer Reihe von Anwendungen verwendet wurden und seit langem als sicher gelten.“ Gemeint ist damit die in der herkömmlichen Züchtung angewandte Methode, durch Bestrahlung oder Chemikalien zufällige Mutationen im Saatgut hervorzurufen und mit dabei zufällig entstandenen positiven Eigenschaften weiter zu züchten.

Im Hinblick auf Mutagenes durch neue Verfahren wie CRISPR/Cas argumentierten die Richter so: Die mit dem Einsatz dieser Verfahren verbundenen Risiken könnten sich als ebenso groß erweisen wie die mit der klassischen Gentechnik verbundenen Risiken. Durch die neuen Verfahren würden genetisch veränderter Sorten „in einem ungleich größeren Tempo und Ausmaß“ erzeugt als durch die Züchtung mit den altbekannten Mutagenese-Verfahren. Würde man die neuen Mutagenese-Verfahren aus dem Anwendungsbereich des EU-Gentechnikrechts ausklammern, könnten mögliche schädliche Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt nicht verhindert werden. Dies jedoch laufe dem Vorsorgeprinzip zuwider. Folglich muss die GVO-Richtlinie bei neuen gentechnischen Verfahren angewandt werden.

Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) zeigte sich erleichtert und lobte den EuGH dafür, dass er das Vorsorgeprinzip gestärkt und es klar vor die Profitinteressen der Gentechnik-Konzern gestellt habe. Hubert Weiger, Vorsitzender des Umweltverbandes BUND, sagte: „Das Gericht hat klargestellt, dass künstlich erzeugte Organismen nicht ungeprüft als großes Freilandexperiment in die Umwelt gelangen und den Verbrauchern untergejubelt werden dürfen.“ Der Verband Lebensmittel ohne Gentechnik (VLOG) sprach von einem wegweisenden und klugen Urteil, das Umwelt und Verbraucher zu Gewinnern mache. Der Bio-Dachverband BÖLW sieht jetzt die Bundesregeirung am Zug. Sie müsse „gewährleisten, dass die gesetzlich vorgeschriebene Regulierung und Kennzeichnung für die neuen Gentechniken vollumfänglich umgesetzt werden.“ Bundesministerin Julia Klöckner müsse in Berlin und in Brüssel darauf dringen, dass die Unternehmen verpflichtet werden, für Verfahren wie CRISPR/Cas Referenzmaterial und Nachweisverfahren zu liefern.

Das Urteil des EuGH

CRISPR/Cas bringt das Erbgut durcheinander

Die Gentechnik-Schere CRISPR/Cas verursacht beim Schneiden mehr Schäden im Erbgut als bislang bekannt. Das zeigt eine Studie britischer Wissenschaftler, die in der Zeitschrift Nature Biotechnology veröffentlicht wurde.

Die Forscher des Sanger Institute stießen zuerst zufällig auf die Veränderungen und untersuchten daraufhin systematisch das Erbgut verschiedener Zelllinien von Mäusen und Menschen, nachdem mit CRISPR/Cas einzelne Gen-Sequenzen aus dem Erbgut entfernt worden waren. Dabei zeigte sich, dass der Eingriff in bis zu 20 Prozent der Fälle zu unerwarteten Defekten im Erbgut geführt hatte. Mal gingen größere Stücke DNA verloren, andere Erbgutschnipsel wurden umgedreht oder an einer falschen Stelle eingebaut.

Dies sei die erste systematische Suche nach unerwarteten Nebeneffekten von CRISPR/Cas in therapeutisch relevanten Zellllinien gewesen, sagte Professor Allan Bradley, einer der Autoren der Studie. Er riet dazu, beim Einsatz der Gentechnik-Schere in der Gentherapie beim Menschen vorsichtig vorzugehen und sehr sorgfältig nach möglichen schädlichen Effekten zu suchen. Bereits vor einigen Wochen hatte ein schwedisches Forscherteam gemeldet, dass CRISPR/Cas indirekt die Entstehung von Krebs fördern könnte. Die Wissenschaftler waren darauf gestoßen, dass CRISPR/Cas besonders gut in Zellen funktioniert, denen ein bestimmtes Protein für die DNA-Reparatur fehlt. Gerade solche Zellen neigen aber dazu dazu, unkontrolliert zu wachsen und sich zu Tumorzellen zu entwickeln. „Transplantieren wir solche Zellen einem Patienten, könnten wir demnach versehentlich die Entstehung von Krebs fördern“, zitierte das Wissenschaftsmagazin Scinexx einen der Studienautoren.

Beide Studien beschäftigten sich mit dem Einsatz gentechnisch veränderter Zellen zu therapeutischen Zwecken bei Menschen. Doch die Ergebnisse könnten auch für die Anwendung von CRISPR/Cas und anderen Gentechnik-Scheren bei Tieren und Pflanzen relevant sein. Das Portal GMWatch zitierte den Londoner Molekularbiologe Michael Antoniou. Er argumentierte, dass für die beobachteten Effekte der Reparaturmechanismus der Zelle verantwortlich sei. Es helfe deshalb nichts, CRISPR noch zielgenauer oder effektiver zu machen, die Effekte blieben die gleichen. Dem widersprach in der Süddeutschen Zeitung ein bekannter Gentechniker mit dem Argument, dass große DNA-Abschnitte nur verloren gehen könnten, „wenn die Crispr-Technologie zum Schneiden der DNA eingesetzt werde. Zahlreiche Anwendungen zielten jedoch darauf ab, lediglich einzelne Bausteine in Genen zu verändern oder Gene stumm zu schalten.“ Doch auch dabei wurden immer wieder unerwünschte Nebeneffekte nachgewiesen, wie die Organisation Testbiotech bereits 2017 in einem Bericht zusammenstellte.