Alle Beiträge von Leo Frühschütz

Mais-Saatgut verunreinigt

Bei der Maisaussaat in Deutschland ist in mehreren Fällen gentechnisch verunreinigtes Saatgut auf den Acker gekommen. Entdeckt wurden die Fälle durch das bundesweite GVO-Saatgut-Monitoring. Doch das zieht nur Stichproben. Die Dunkelziffer dürfte höher sein.

Sächsische Behörden hatten in einer Charge von konventionellem Maissaatgut geringe Spuren der gentechnisch veränderten Maislinie NK 603 entdeckt. Die Gehalte lagen unterhalb der Bestimmungsgrenze von 0,1 Prozent und über der Nachweisgrenze von 0,03 Prozent. NK 603 ist für den Anbau in der EU nicht zugelassen. Der verunreinigte Mais wurde ausschließlich in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ausgesät. Betroffen waren 20 Landwirte und 270 Hektar Fläche.

Die dortigen Behörden empfahlen betroffenen Landwirten, die bereits gekeimten Maispflanzen umzubrechen und eine Neuaussaat vorzunehmen. Von den Behörden wird jedoch auch akzeptiert, wenn die Mauspflanzen in einer Biogasanlage verwertet werden. In diesem Fall müssten die betroffenen Landwirte die Bewirtschafter benachbarter Maisflächen in einem Umkreis von 300 Metern über die Situation informieren. Falls der Aufwuchs der benachbarten Flächen nicht im Betrieb oder in einer Biogasanlage verwertet wird, muss die Ernte außerdem auf Spuren von GVO untersucht werden. Umweltverbände kritisierten die Erlaubnis, den Mais auch in Biogasanlagen zu verwerten, weil dadurch die Genmais-Pollen ausfliegen und Nachbarfelder sowie Bienenstöcke verunreinigen können.

In Hessen entdeckten die Behörden Saatgut, dass gleich mit vier verschiedene Gen-Maislinien verunreinigt war. Ausgebracht hatte es ein hessischer Bauer auf vier Hektar. Von der betroffenen Charge dürfte allerdings deutlich mehr in den Handel gelangt sein.

Die amtlichen Behörden können nur mit Stichproben arbeiten. Baden-Württemberg analysierte in diesem Jahr 99 Proben von Maissaatgut, davon waren fünf leicht verunreinigt. In Sachsen war eine von 33 Proben verunreinigt. Das lässt darauf schließen, dass durch zwei bis fünf Prozent des Maissaatgutes verunreinigt sein können, meist in Spuren von weniger als 0,1 Prozent. Tätig werden die Behörden nur, wenn die Verunreinigung von einer Sorte stammt, die nicht für den Anbau zugelassen ist. Verunreinigungen mit dem Gen-Mais MON 810 bis zu 0,1 Prozent wurden (bis zu dessen Verbot) durchgewunken.

Cholera-Kartoffel darf nicht auf den Acker

In diesem Jahr dürfen keine genmanipulierten „Cholera-Kartoffeln“ im Freiland angebaut werden. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) teilte mit, dass über einen entsprechenden Antrag der Universität Rostock „zu einem späteren Zeitpunkt entschieden“ werde. Zwei andere Anbauversuche mit Gen-Knollen genehmigte das BVL jedoch. Das Umweltinstitut München begrüßte, dass die 57.000 Einwendungen im Rahmen des Genehmigungsverfahrens etwas Wirkung gezeigt hätten.

Die Universität Rostock wollte von 2009 bis 2012 in Üplingen (Sachsen-Anhalt) und Thulendorf (Mecklenburg-Vorpommern) drei Sorten genmanipulierte Kartoffeln anbauen. Einer Sorte wurden Teile des Cholera-Bakteriums eingebaut. Damit soll ein Impfstoff bzw. ein Impfstoff-Hilfsmittel erzeugt werden. Andere Kartoffelpflanzen sollen einen Impfstoff für Kaninchen herstellen. Eine dritte Linie der Gentechnik-Knollen soll den plastikähnlichen Stoff Cyanophycin produzieren, der in der Bau- und Waschmittelindustrie genutzt werden könnte.

Für den Kaninchen-Impfstoff und die Plastik-Knolle gab das BVL grünes Licht. Sie dürfen auf einigen hundert Quadratmetern angebaut werden, 20 Meter vom nächsten konventionellen Kartoffelacker entfernt. Den geplanten Anbau der Cholera-Kartoffel legte das BVL dagegen auf Eis. Offiziell hieß es, dass der Antragsteller diese Kartoffellinie 2009 nicht freisetze und daher später entschieden werden könne. Tatsächlich dürften jedoch wahltaktische Gründe ausschlaggebend sein. Die Cholera-Kartoffel war der umstrittenste und bekannteste der drei beantragten Versuche. Schlagzeilen wie „Ministerin Aigner genehmigt Cholera-Knolle“ wollte die CSU-Führung vor der Europawahl nicht lesen. Das Aigner unterstehende BVL hat mit der Cholera-Kartoffel keine grundsätzlichen Probleme. Bereits 2006 hatte die Behörde erste Anbauversuche mit der manipulierten Knolle genehmigt.

„Die CSU will heikle Entscheidungen bei der Agro-Gentechnik offensichtlich auf einen unkritischen Zeitpunkt verschieben. Doch dieses Manöver wird der Partei bei den Europa und Bundestagswahlen um die Ohren fliegen“, glaubt Harald Nestler, Vorstand beim Umweltinstitut München. Die beiden genehmigten Kartoffel-Experimente und der erlaubte Anbau von Gen-Gerste entlarven seiner Meinung nach den gentechnikkritischen Kurs der CSU als versuchte Wählertäuschung.

Brasilien: Gen-Sojaanbau verletzt Menschenrechte

Die brasilianische Bauernorganisation Via Campesina Brazil hat vor dem Menschenrechtsausschuss der Vereinten Nationen einen Bericht über die Auswirkungen des Gensoja-Anbaus in Brasilien vorgelegt. Nach Ansicht der Organisation verletzt der Anbau massiv die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechte von brasilianischen Kleinbauern. Via Campesina hofft, dass der UN-Ausschuss die Folgen der grünen Gentechnik in seinen Bericht über die Lage der Menschenrechte in Brasilien mit aufnimmt und sie entsprechend verurteilt.

Zusammen mit Christiane Lüst von der Aktion GEN-Klage hatte der brasilianische Agrarexperte Antonio Andrioli, als Sprecher für Via Campesina Brazil, den Bericht Anfang Mai dem UN- Menschenrechtsausschuss in Genf vorgetragen: “Entwaldung, Zunahme des Pestizideinsatzes, Zerstörung der Lebensgrundlagen von indigenen Völkern und Kleinbauern, Landkonzentration, Sklavenarbeit, Landflucht und Zunahme der Armut auf dem Land sind Auswirkungen, die eine andere Seite der Sojamonokultur deutlich machen. Die Flächen für den Eigenanbau werden reduziert. Urwald wird in großen Mengen abgeholzt, um neue Anbauflächen zu gewinnen. Urwaldbewohner und Kleinbauern werden von Guerillas der Großgrundbesitzer oft mit Gewalt von ihrem Grund vertrieben oder ermordet, um weitere Anbauflächen für sich zu gewinnen”, berichtete Andrioli dem Ausschuss.

Ausführlich ging er auch auf die Folgen des intensiven Einsatzes des Monsanto-Pestizids Round Up ein, das meist mit Flugzeugen versprüht wird. Dadurch würden nicht nur die Felder benachbarter Kleinbauern zerstört: “Ihre Hühner waren gestorben und andere Tiere vor allem Pferde erlitten Schaden. Bei den Menschen führten die gesprühten Unkrautvernichtungsmittel zu schwerer Übelkeit, Durchfall, Erbrechen und Hautverletzungen. Aus Berichten geht hervor, dass Tiere in der Nähe von GVO-Sojabohnenfeldern mit Missbildungen geboren wurden. Man hörte von missgebildeten Bananen und Süßkartoffeln, von Seen, die plötzlich voller toter Fische waren. Bauernfamilien berichteten, nach dem Besprühen der nahe gelegenen Sojafelder bei ihren Kindern plötzlich seltsame Flecken auf dem Körper entdeckt zu haben. Auch ein Eigenanbau von Gemüse usw. ist in der Nähe von Gensojaflächen für die Bauern nicht mehr möglich, Haus- und Nutztiere sind gefährdet. Dazu kommt die Vergiftung der Wasserquellen.“

In ihrem Bericht fordert Via Campesina die brasilianische Regierung auf, die Gentechnik in der Landwirtschaft in Brasilien gesetzlich zu verbieten. Zudem solle sie den Zugang zu traditionellem Saatgut sicherstellen und den Landbesitz der Kleinbauern und indianischen Ureinwohner sichern.

Gentechnik nützt den Entwicklungsländern nicht

Der Anbau transgener Saatgutsorten spielt für die Ernährungssicherung oder für lokale Märkte in Entwicklungs- und Schwellenländern kaum eine Rolle. Zu diesem Ergebnis kommt ein Bericht des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB-Büro). Darin wird auch bemängelt, dass es bisher kaum Daten über die sozioökonomischen Effekte des kommerziellen Anbaus von Genpflanzen gibt.

Der TAB-Bericht mit dem Titel „Transgenes Saatgut in Entwicklungsländern – Erfahrungen, Herausforderungen, Perspektiven“ gibt einen Überblick über die internationale Debatte zu diesem Thema und vertieft es in vier Fallstudien über Brasilien, Chile, China und Costa Rica. Die Untersuchung zeigt, dass die Kontroversen dort nicht vorrangig um Fragen der biologischer Sicherheit geführt werden. Wichtigster Streitpunkt sind die Themen Teilhabe und Sozialverträglichkeit. Im Bericht heißt es dazu: „Angesichts der teils monopolartigen Machtstellung der großen Biotechsaatgutunternehmen im Bereich transgener Sorten, die zum Teil auf wenig entwickelte, dezentrale Saatgutmärkte trifft, ergeben sich drängende Fragen zu den Möglichkeiten einer Steuerung der weiteren Entwicklung.“

Gegen den Hunger helfen die derzeit angebauten Gen-Pflanzen nicht. In Entwicklungs- und Schwellenländern würden fast keine Nahrungsmittel, sondern beinahe ausschließlich die sogenannten Cash Crops angebaut, landwirtschaftliche Produkte, die in großen Mengen meist für den Export hergestellt werden, wie beispielsweise Soja und Baumwolle, schreibt das TAB. Das Spektrum der Pflanzenarten, Sorten und Eigenschaften sei bislang sehr begrenzt. Auch nach über 20 Jahren Forschung und zwölf Jahren Anbau gebe es kaum entwicklungsländerspezifische transgene Sorten.

Der Gentech-Anbau habe auf den Aspekt der Ernährungssicherung nur indirekten Einfluss, sagte TAB-Projektleiter Arnold Sauter bei der Vorstellung des Berichtes im Bundestag. „Wenn Kleinbauern in Indien oder China mit dem Anbau von transgenem Saatgut ihr Einkommen erwirtschaften, dann können sie sich ernähren.“ Doch ob es tatsächlich zu positiven wirtschaftlichen Auswirkungen kommt, ist offen. „Die Datenlage zu den sozioökonomischen Effekten ist nach wie vor schwach und lässt noch nicht einmal auf nationaler Ebene eine abschließende Bewertung der bisherigen betriebs- und volkswirtschaftlichen Effekte (Erträge, Gewinne und Gewinnverteilung, Sektoreinkommen) zu“, heißt es im Bericht.

Für die Zukunft will sich das TAB nicht festlegen: „Die Frage, ob gentechnisch veränderte Pflanzen in mittlerer und fernerer Zukunft nachhaltige, regional angepasste Optionen für unterschiedlich entwickelte Agrarwirtschaften bieten können, lässt sich gegenwärtig nicht fundiert beantworten.

Der gesamte 300-Seiten-Bericht

Versuchsanbau von Gen-Gerste erlaubt

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) hat einen Anbauversuch mit gentechnisch manipulierter Gerste erlaubt. Der von der Gießener Universität geplante Freilandversuch musste im letzten Jahr aufgrund großen Widerstandes der Bevölkerung in Gießen abgebrochen werden. Er soll nun auf einem Gelände des Agrobiotechnikums in Groß-Lüsewitz stattfinden, das bereits für mehrere Gentechnikversuche im Freiland genutzt wird.

Die manipulierte Gerste hat eine neue Pilzresistenz und soll sich in der Mälzerei und bei der Futtermittelherstellung besser verarbeiten lassen. Der Freilandversuch findet nach Angaben des BVL auf einer landwirtschaftlichen Versuchsfläche von rund 780 Quadratmetern statt, von der die Freisetzungsfläche mit gentechnisch veränderter Gerste 9,6 Quadratmeter einnimmt. Anfang April hatten Gentechnik-Gegner die Fläche kurzzeitig besetzt.

„In unseren Getreidepflanzen hat die Gentechnik nichts zu suchen“, kommentierte Steffi Ober, Gentechnikexpertin des Naturschutzbundes Deutschland (NABU), die Emtscheidung. „In Deutschland gibt es wildlebende Verwandte der Nutzgetreidesorten. Es ist sinnvoller, daraus widerstandsfähige Sorten mit konventionellen Züchtungsmethoden zu züchten.“ Gegen das Vorhaben gingen rund 1400 Einwendungen ein, denen das BVL, wie immer in solchen Verfahren, nicht folgte. Bei Einhaltung der Sicherheitsbestimmungen sehe sie keine Risiken für Mensch und Umwelt, teilte die Behörde mit.

Die Gen-Gerste soll einmal zu Bier verbraut werden. Dagegen wehren sich heute schon der Verband Private Brauereien Deutschland und der Deutsche Brauerbund mit der ‚Initiative Bier ohne Gentechnik’.

MON 810: Monsanto-Klage vorerst abgewiesen

Der Gentechnik-Mais MON 810 bleibt in Deutschland vorerst verboten. Das Verwaltungsgericht Braunschweig hat vergangenen Montag den Eilantrag von Monsanto abgelehnt. Der Konzern zeigte sich enttäuscht, die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft begrüßte die Entscheidung als Sieg des Vorsorgeprinzips gegen Konzerninteressen.
Die Richter begründeten ihre Entscheidung damit, dass nach vorläufiger Prüfung eine Gefahrenlage bestehe, wie sie das Gentechnikgesetz für ein solches Verbot verlange. „Es genüge, wenn sich aus neuen oder zusätzlichen Informationen Anhaltspunkte dafür ergeben, dass Menschen oder Tiere geschädigt werden können. Die auf dieser Grundlage durchzuführende Risikoermittlung und -bewertung sei Aufgabe der Behörde, der insoweit ein Beurteilungsspielraum zukomme. Das Gericht habe nur zu prüfen, ob die Behörde die Risiken ausreichend ermittelt und willkürfrei bewertet habe. Dies sei hier der Fall“, schreibt das Gericht in seiner Mitteilung.
Monsanto äußerte sich enttäuscht über die Entscheidung und kündigte an weitere Rechtsmittel prüfen. „Das willkürliche Verbot von MON 810 durch Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner ist nicht durch überzeugende wissenschaftliche Beweise untermauert, die eine solche Maßnahme rechtfertigen würden“, sagte Ursula Lüttmer-Ouazane, Geschäftsführerin Monsanto Agrar Deutschland. Der Konzern kann beim Niedersächsischen Oberverwaltungsgericht in Lüneburg Beschwerde einreichen und versuchen, das Verbot doch noch im Eilverfahren zu kippen. Eine endgültige Entscheidung wird erst im Hauptsacheverfahren getroffen, dann mit mündlicher Verhandlung und vermutlich zahlreichen Experten. In Frankreich, wo der Anbau des MON 810 auch verboten ist, hatte Monsanto letztes Jahr ebenso versucht, das Verbot im Eilverfahren zu kippen. Die Richter bestätigten jedoch auch dort die Rechtmäßigkeit des Verbots.
Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) bezeichnete die Entscheidung als „einen wichtigen Schritt für den Erhalt der gentechnikfreien Land- und Lebensmittelwirtschaft, der gentechnikfreien Imkerei und für den Naturschutz.“. Ein Nebeneinander von Gentechnikanwendern und gentechnikfreier Landwirtschaft sei nicht möglich und werde auf Kosten der gentechnikfreien Betriebe durchgesetzt. Diesem Vorgehen habe das Verbot einen Riegel vorgeschoben. „Das Urteil stärkt das Vertrauen von Landwirten und Konsumenten in eine Politik, die sich nicht der Wirtschaftsmacht internationaler Saatgutkonzerne beugt“, kommentiert Bioland-Präsident Thomas Dosch die Gerichtsentscheidung. „Der Schutz von Mensch und Umwelt muss absoluten Vorrang vor den Einzelinteressen internationaler Saatgutkonzerne haben“.

Anbau-Moratorium für ganz Europa

Auf ihrer Konferenz „Food and Democracy“ forderten die gentechnikfreien Regionen in Europa ein EU-weites Moratorium für die Zulassung und den kommerziellen Anbau von gentechnisch veränderten Organismen (GVO). In ihrer Abschlusserklärung forderten sie die Agro-Gentechnik-Konzerne auf, das Hungerproblem nicht länger zu missbrauchen, um die Einführung von GVO zu rechtfertigen.

In Europa gibt es derzeit 196 Regionen, 93 Provinzen und 4567 Kommunen, die ihr Territorium öffentlich zu gentechnikfreien Zonen erklärt haben. In Deutschland sind es 188 Initiativen, die zusammen eine Anbaufläche von über einer Million Hektar umfassen. Jedes Jahr treffen sich die gentechnikfreien Regionen Europas zu einer Konferenz, dieses Mal am letzten Aprilwochenende in Luzern. Unter dem Motto „Food and Democracy“ diskutierten sie das Recht und die Möglichkeiten der Bevölkerung, selbst die Qualität der Lebensmittel zu bestimmen, die auf ihren Teller kommen und in ihrer Region angebaut werden.
Nachdem sechs EU-Mitgliedstaaten den Anbau von MON810 verboten haben und die Zahl der gentechnikfreier Regionen in ganz Europa rasant zunehme, sei der Augenblick für ein Moratorium so günstig wie noch nie, heißt es in der Abschlusserklärung. Die Zeit solle genutzt werden,
„• um die EU-Gesetzgebung zu überdenken und die regionale Selbstbestimmung zu
stärken.
• um die Risikobeurteilung im Sinne des Vorsorgeprinzips neu festzulegen. Dabei
sind auch sozio-ökonomische Auswirkungen einzubeziehen.
• um eine gentechnikfreie und vielfältige Landwirtschaft zu fördern und die
Ernährungssouveränität sicher zu stellen.“

Gen-Knolle darf wieder auf den Acker

Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) hat den Versuchsanbau der genmanipulierten Kartoffel Amflora von BASF genehmigt. Sie darf unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen auf 20 Hektar in Mecklenburg-Vorpommern angepflanzt werden. Die für die industrielle Nutzung gedachte Gen-Knolle weist einen höheren Stärkegehalt auf.

Bisher hat die EU den kommerziellen Anbau von Amflora nicht genehmigt. Denn die Knolle enthält eine Antibiotika-Resistenz als Marker-Gen. Es besteht das Risiko, dass die Antibiotika-Resistenz der Pflanze auf Bakterien übergehen kann, die Mensch oder Tier gefährlich werden könnten. Dennoch hatte bereits Aigners Vorgänger Horst Seehofer den großflächigen Versuchsanbau von Amflora genehmigt. Davon will der jetzige bayerische Ministerpräsident allerdings nichts mehr wissen. Er gibt jetzt den Gentechnik-Kritiker und lehnt Freilandversuche ab.

Beim Versuchsanbau in den letzten Jahren war es zu Unregelmäßigkeiten gekommen. Nach der Ernte waren übriggebliebene Gen-Knollen auf den Feldern für Wildtiere und Menschen frei zugänglich. Einige Knollen überwinterten und trieben im Jahr darauf aus. Die Ministerin forderte deshalb, dass die Kartoffeln weder in den Lebens- oder Futtermittelkreislauf noch in die Umwelt gelangen dürften. Außerdem sollen sie nur auf einer Fläche von 20 Hektar statt der ursprünglich geplanten 40 Hektar angebaut werden. Die BASF muss den Acker einzäunen.

Weitere Infos zu Amflora

Neue Broschüre zum Gen-Filz

„Organisierte Unverantwortlichkeit“ heißt eine Broschüre, die der hessische Gentechnik-Kritiker Jörg Bergstedt verfasst hat. Er beschreibt darin, wie stark staatliche Aufsichtsbehörden, Forschungsinstitute, Konzerne und Lobbyverbände miteinander verfilzt sind. „Es gibt keine unabhängigen Stellen und überall herrschen Seilschaften, die keinen Zweifel an ihrer Befürwortung der Gentechnik lassen“, fasst der Autor die Lage zusammen.

Im Mittelpunkt der Broschüre stehen die Kontrollbehörden sowie die vier Zentren der grünen Gentechnik in Gatersleben, Braunschweig, Üplingen und Groß Lüsewitz. Bergstedt stellt engagierte Gentechnik-Befürworter in den Genehmigungs- und Kontrollbehörden vor, zum Beispiel Hans-Jörg Buhk, den Leiter der Gentechnikabteilung im Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Lobbyorganisationen und Beratergremien werden ebenso aufgelistet wie die Firmen und Institute, die sich an den vier wichtigsten deutschen Gentechnik-Standorten niedergelassen haben. Bergstedt beschreibt, wie Genehmigungsverfahren ausgehebelt und Millionen an Forschungsgelder in windige Firmenkonstruktionen umgeleitet werden. „Rund um die vier Zentren der grünen Gentechnik in Gatersleben, Braunschweig, Üplingen und Groß Lüsewitz sind mafiose Geflechte von Kleinstunternehmen entstanden, zwischen denen Aufträge und Gelder hin- und hergeschoben werden“.

Die Fakten, die Jörg Bergstedt in seiner Broschüre zusammengetragen hat, sind nicht neu. In der Studie „Kontrolle oder Kollaboration? Agro-Gentechnik und die Rolle der Behörden“ haben Antje Lorch und Christoph Then vor einem Jahr für die grüne Politikerin Ulrike Höfken die Verquickungen noch wesentlich detaillierter dargestellt. Das Umweltinstitut München hatte ebenfalls im Frühjahr 2008 seine Erkenntnisse über die Gen-Filz-Biotope in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern veröffentlicht. Aus beiden Berichten zitiert Jörg Bergstedt reichlich. Doch im Gegensatz zu ihnen beschreibt er diesen Filz nicht wissenschaftlich-nüchtern. Der Ärger und die Wut des Gentechnik-Aktivisten über die korrupten Strukturen sind in jeder Zeile spürbar. Er nennt die Verbraucher-Initiative mit ihrer Datenbank Transgen „ein beeindruckendes Beispiel über die Käuflichkeit und Anpassungsfähigkeit von Umwelt- und Verbraucherverbänden.“ Staatliche Behörden wie das BVL sind für ihn „Handlanger der Interessen von Konzernen und Forschungszentren.“ Weil die Genehmigungs- und Kontrollbehörden derart mit Gentechnik-Firmen und Forscher verfilzt sind, hat Jörg Bergstedt sie – und auch die den Behörden vorstehenden Politiker – abgeschrieben und argumentiert für zivilen Ungehorsam. „Wer sich auf staatliche Stellen verlässt, ist verlassen. Gentechnikfreiheit gibt es nur dann, wenn die 80 Prozent Ablehnung auch in direkten Protest umschlagen – nicht nur per Protestmail oder am Supermarktregal!“

Feldbesetzungen: Der Widerstand geht weiter

Zwar ist der kommerzielle Anbau von MON 810 nun verboten. Doch auf zahlreichen Versuchsflächen in ganz Deutschland sollen auch dieses Jahr genmanipulierte Pflanzen wachsen. Darauf haben in den letzten Wochen mehrere Feldbesetzungen aufmerksam gemacht.

Braunschweig: Am frühen Morgen des 24. April haben Aktivisten einen Acker auf dem Gelände der ehemaligen Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft im Westen Braunschweigs besetzt. Dort plant das Julius-Kühn-Institut des Bundes Versuche mit dem Gen-Mais MON 810 und einer anderen Mais-Sorte, die offiziell als Sicherheitsforschung bezeichnet werden. Bei Redaktionsschluss dauerte die Besetzung noch an.

Dreileben: Die Saatgutfirma KWS will in dem Dorf in Sachsen-Anhalt genmanipulierte Zuckerrüben anbauen. Mitte April bauten Feldbesetzer über Nacht einen dreibeinigen Holzturm (Tripod) auf und richtete sich in dessen Spitze ein. Andere ketteten sich an Betonfässer am Boden. Die Polizei war den ganzen Tag damit beschäftigt, die Besetzer abzuräumen. Drei Tage später demonstrierten über 200 Bürger und Bauern vor dem Firmensitz im niedersächsischen Einbeck.

Lüsewitz bei Rostock: Anfang April besetzten Gentechnik-Aktivisten mit Tripod, Betonfässern und Zelten ein Feld des dortigen AgroBiotechnikums. Derzeit läuft auf dem Gelände ein Überwinterungsversuch von Kartoffeln, zwei weitere Kartoffelversuche sind für dieses Frühjahr geplant. Auch gentechnisch veränderter Weizen, Gerste, Zuckerrüben und Petunien sollen ausgebracht werden. Die Aktion wurde von der Polizei nach einem Tag beendet. Die Aktivisten setzten ihren Protest über Ostern mit einer Mahnwache am Feldrand fort.

Üplingen: Schon Mitte März hatten Aktivisten den Gentechnik-Schaugarten der Bio Tech Farm in Üplingen bei Magdeburg besetzt. Dort sollen in diesem Jahr unter anderem Pharma-Kartoffeln, Mais, Zuckerrüben und Weizen angebaut werden. Die Protestler kaperten einen fahrbaren Holzturm, der der Überwachung des Feldes diente, rollten diesen auf den Acker und ketteten sich am Dach fest. Zudem pflanzten sie auf dem für Pharma-Knollen vorgesehenen Feld Bio-Kartoffeln. Die Aktion wurde von der Polizei noch am gleichen Tag beendet.