Alle Beiträge von Leo Frühschütz

Gentechnik-Widerstand: Aktiver Sommer

Das vorläufige Anbauverbot für den Genmais MON 810 hat den Widerstand gegen die grüne Gentechnik beflügelt. „Da geht noch mehr“, denken viele Gentechnikgegner, zumal die Politiker wegen der anstehenden Bundestagswahl zusätzlich unter Druck stehen. So ist der Terminkalender mit Gentechnik-Aktionen prall gefüllt. Von Genfrei gehen bis zur Belagerung der Genehmigungsbehörde ist für jeden etwas dabei.

Den Auftakt machten diese Woche rund 1.500 Menschen aus der Bio- und Naturkostbranche. Sie starteten in Berlin die Aktion Genfrei gehen. Deren Initiator ist Joseph Wilhelm, Chef des Naturkostherstellers Rapunzel und passionierter Wanderer. Er will in den nächsten Wochen begleitet von möglichst vielen Menschen von Berlin nach Brüssel wandern. Wer für einen oder mehrere Tage mitwandern will, kann sich auf www.genfrei-gehen.de über die Route und die anstehenden Etappen informieren. Die Ankunft in Brüssel ist für den 30. Juli geplant.

Am 29. Juni hat in Berlin Bertram Verhaags Dokumentation „Percy Schmeiser – David gegen Monsanto“ Weltpremiere. Der Film beschreibt den Kampf des kanadischen Bauers Percy Schmeiser gegen den Gentechnikkonzern Monsanto. Percy Schmeiser ist natürlich mit dabei und reist in den darauf folgenden Tagen noch mit Vorträgen durch Deutschland. Der Film wird in den nächsten Monaten oft zu sehen sein, wenn Gentechnik-Inititiven zu Info-Abenden einladen. Interessierte können ihn auch kaufen und selbst öffentlich aufführen.

Die Gentechnikaktivisten rund um die Projektwerkstatt Saasen bringen Ende Juni eine Grossauflage der Broschüre „Organisierte Unverantwortlichkeit“ auf den Markt. Sie thematisiert den Genfilz zwischen Behörden, Politik und Wissenschaft, nennt konzernnahe Beamte beschreibt dubiose Machenschaften. Das Heft soll schnell über Rundbriefe, Magazine und als Auslage in Naturkostläden verteilt werden. Die Hauptstandorte der Gentechnik-Seilschaften sollen dann im September Besuch bekommen. Geplant sind Aktionen und Belagerungen der Bundesbehörden in Berlin sowie der Versuchszentren nahe Rostock und in der Magdeburger Börde vom 9. bis 15. September. Mehr Informationen dazu gibt es auf der Seite www.biotech-seilschaften.de.vu.

Feldbefreier sollen 100.000 Euro zahlen

Das Landgericht Magdeburg hält einen Schadensersatz von 100.000 Euro für die Zerstörung eines Genweizenfeldes für angemessen. Das Gericht verhandelt derzeit gegen sechs Feldbefreier, die im April 2008 den umstrittenen Versuch beendeten. Das Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) hatte 245.000 Euro beantragt. In einem Zwischenurteil kappten die Richter den Betrag auf 100.000 Euro, die nun im Detail verhandelt werden sollen.
Am 21. April 2008 pflügten vier Frauen und zwei Männer der Initiative Gendreck weg das 2500 Quadratmeter große Genweizenfeld der IPK mit Hacken um. Sie beendeten damit einen Versuchsanbau, gegen den über 30.000 Bürger Einwendungen erhoben hatten. Das Versuchsfeld lag in unmittelbarer Nähe einer Genbank mit Hunderten alter Weizensorten, die zur Erhaltung im Freiland angebaut werden müssen und durch den Gen-Weizen hätten verunreinigt werden können. Dennoch ließ der damalige Landwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) im Dezember 2007 den Versuch genehmigen.
Nach Ansicht des Gerichts handelten die sechs Feldbefreier rechtswidrig. Allerdings taten sie das öffentlich, so dass es für die IPK ein Leichtes war, vor Gericht Schadensersatz zu verlangen. Weniger leicht war es, die exakte Summe des Schadens zu berechnen. Der IPK-Anwalt Horst Rehberger, früherer FDP-Wirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt und bekennender Gentechnikfan, bezifferte den Schaden auf 245.000 Euro. Das Gericht hielt einen Teil von Rehbergers Berechnung jedoch für „nicht schlüssig“ und strich deshalb die Forderungen zusammen. Nach Pressemeldungen wollte Rehberger den Feldbefreiern sogar Auslagen für die Fahrbereitschaft des Instituts oder für Überwachungskameras in Rechnung stellen.
Uwe Schrader, FDP-Landtagsabgeordneter und Vorsitzender des Gentechnik-Lobbyvereins Innoplanta, wertete den Richterspruch dennoch als Entscheidung, die der Forschung den Rücken stärken werde. Denn bisher bewegten sich verhandelte Schadensersatzsummen bei öffentlichen Feldbefreiungen in der Größenordnung weniger Tausend Euro. Dieses Mal ist es deutlich mehr und die Summen könnten noch weiter steigen. Nach der Zerstörung eines Versuchs mit genmanipulierten Äpfeln bezifferte das betroffene Institut den Schaden auf mindestens 700.000 Euro.

Streit um Antibiotikaresistenz-Gene

Die EU-Lebensmittelbehörde EFSA hält Antibiotikaresistenz-Markergenen (ARMG) in gentechnisch veränderten (GV) Pflanzen für unbedenklich. Allerdings teilen nicht alle EFSA-Experten diese Einschätzung. Zwei Wissenschaftler warnen vor unkalkulierbaren Folgen.

Die meisten heute angebauten GV-Pflanzen enthalten ARMG. Diese Gene dienen dazu, den Erfolg der gentechnischen Veränderung in den manipulierten Zellen nachzuweisen. Wachsen die Zellen auf einem mit dem jeweiligen Antibiotikum getränkten Nährboden, war die Operation erfolgreich. Gentechnik-Kritiker befürchten, dass diese Resistenzgene bei einem Anbau auf Bodenbakterien übergehen und damit langfristig in die Nahrungskette und zum Menschen gelangen könnten.
Die EFSA hält dieses Risiko eines horizontalen Gentransfers für sehr gering und argumentiert, dass solche Resistenzen sowieso schon in Bodenbakterien vorkämen. In einem gemeinsamen Gutachten kamen die beiden für genetisch verändert Organismen sowie für biologische Gefahren zuständigen Wissenschaftlergremien (GMU und BIOHAZ) zu dem Ergebnis, „dass negative Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt durch den Transfer der beiden Antibiotikaresistenz-Markergene nptII und aadA von gentechnisch veränderten Pflanzen auf Bakterien im Zusammenhang mit der Verwendung gentechnisch veränderter Pflanzen den derzeitigen Erkenntnissen zufolge unwahrscheinlich sind.“ Zwei hochrangige BIOHAZ-Wissenschaftler widersprachen dem aber. Sie halten die Risiken des Tranfers und eventueller Auswirkung aufgrund der vorliegenden Daten für nicht abschätzbar.
Von Bedeutung ist das EFSA-Gutachten, weil die zur Anbauzulassung anstehende GV-Kartoffel Amflora das ARMG nptII enthält, das eine Resistenz gegen das in der Medizin verwendete Antibiotika Kanamycin vermittelt. Mit Hinweis auf die damit verbundenen Risiken hatte die EU-Kommission eine Entscheidung über den Anbau bisher verschoben. Nach Ansicht des Amflora-Produzenten BASF gebe das Gutachten der gesamten EU-Kommission die abschließende wissenschaftliche Klarheit, um Amflora zuzulassen. Die Umweltorganisation Greenpeace hingegen verwies auf die Bedeutungder beiden Minderheitenvoten. „Die EFSA ist das erste Mal zu keiner einstimmigen Meinung über die Sicherheit einer Gen-Pflanze gekommen. Dass sie trotzdem erneut grünes Licht für die Amflora gegeben hat, ist fahrlässig“, warnte Gentechnik-Expertin Stephanie Töwe.

Einkaufsratgeber ‚Essen ohne Gentechnik‘

Die Umweltorganisation Greenpeace hat ihren Einkaufsratgeber ‚Essen ohne Gentechnik’ neu aufgelegt. Sie listet darin nicht nur Firmen auf, die bewusst auf Gentechnik verzichten, sondern fasst auch die Entwicklung des letzten Jahres kurz zusammen.

Nur wenige Firmen nutzen bisher die Möglichkeit, ihre Produkte mit der freiwilligen Kennzeichnung „ohne Gentechnik“ zu versehen. Dazu gehören die Molkereien Campina und Breisgaumilch mit ihren Marken Landliebe und Schwarzwälder Weidemilch. Die Molkerei Berchtesgadener Land will bis Ende des Jahres ihre gesamte Milch auf gentechnikfrei umgestellt haben und dann auch ausloben. Das „Ohne Gentechnik“-Logo prangt auch auf den Nudeln von Albgold, den Schweinen der bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall und den Hähnchen des Geflügelmästers Stolle. Die Handelskette Tegut versieht peu à peu ihre Eigenmarkenartikel mit der Kennzeichnung. Gentechnikfrei – auch ohne Logo – sind sämtliche Bio-Produkte.
Der Greenpeace-Ratgeber erwähnt auch, dass immer mehr Firmen heimlich Gentechnik-Pflanzen aus den Futtertrögen ihrer Lieferanten verbannen. So fordert der Discounter Lidl von seinen Geflügelfleischlieferanten eine Fütterung ohne Gen-Pflanzen. Beim Tiefkühl-Hersteller Frosta müssen alle Fleischlieferanten ohne Gen-Pflanzen füttern. Bei Eiern sind die Lieferanten in der Umstellung. Auch die Milchprodukte für Frosta sollen zukünftig ohne Gen-Pflanzen produziert werden. Der Schoko-Fabrikant Ritter sucht laut Greenpeace derzeit aktiv nach gentechnikfreiem Milchpulver für seine Naschereien. Zu den Firmen, die sich aktiv bemühen, zählt Greenpeace auch den Hähnchenmäster Wiesenhof, den Babykosthersteller Hipp (für seine konventionellen Produkte) sowie die Allgäuer Emmentaler Werke und die Molkerei Ehrmann.
Rote Karten gab es für einige Molkereien, denen es egal ist, dass ihre Bauern Gen-Soja verfüttern. Oft werben sie sogar noch mit Weideland und Alpengipfeln. Es sind dies die Großmolkerei Müller samt ihrer Tochter, der Molkerei Weihenstephan, ebenso die Molkereien Allgäuland und die Joghurtmarke Bauer. Auch Bärenmarke und Milka enthalten „Gen-Milch“. Für die Verbraucher hat Greenpeace deshalb einen klaren Rat: „Sagen Sie Firmen wie Müller/Weihenstephan oder Bärenmarke Ihre Meinung und lassen Sie die Produkte im Supermarktregal stehen.“

US-Ärzte warnen vor Genfood

Die Amerikanische Akademie für Umweltmedizin (AAEM) warnt in einem Positionspapier vor gesundheitlichen Risiken durch genmanipulierte Nahrung und fordert ein Moratorium für Genfood und die Kennzeichnung bereits auf dem Markt befindlicher Produkte. Der Ärzteverband begründet seine Haltung damit, dass es „reichlich Belege“ für mögliche Schäden durch Genfood gebe.

Der 1965 gegründete Verband der US-Umweltmediziner untermauert seine Stellungnahme mit den Ergebnissen mehrerer im vergangenen Jahr veröffentlichten Studien. Diese Fütterungsversuche mit Mäusen und Ratten hatten Hinweise auf Unfruchtbarkeit, Leber- und Nierenschäden sowie negative Auswirkungen auf das Immunsystem ergeben. Angesichts der zunehmenden Daten sei es biologisch plausibel, dass gentechnisch veränderte Lebensmittel auch die menschliche Gesundheit negativ beeinflussen können, heißt es in der Stellungnahme. „Da Genfood in den Bereichen Toxikologie, Allergie und Immunfunktion, Fruchtbarkeit, Stoffwechsel und Physiologie ein ernsthaftes Gesundheitsrisiko darstellt, muss nach Auffassung der AAEM das Vorsorgeprinzip angewandt werden“

Die Ärzte fordert die AAEM auf, ihren Patienten und der Öffentlichkeit zu raten, auf Genfood wo immer möglich zu verzichten. Die Mediziner sollten bei der Behandlung mögliche Auswirkungen von Genfood beachten und erfassen, wie sich die Umstellung auf eine gentechnikfreien Ernährung auf die Gesundheit ihrer Patienten auswirkt. Außerdem müssten epidemiologische Studien mögliche gesundheitliche Wirkungen von Genfood erforschen.

Genmanipulierte Apfelbäume abgeschnitten

Unbekannte haben am Pfingstmontag 274 Apfelbäume in der Anlage des Julius-Kühn-Instituts in Dresden-Pillnitz zerstört. Das dortige bundeseigene Institut für Züchtungsforschung an gartenbaulichen Kulturen und Obst arbeitete seit Jahren an gentechnisch veränderten Äpfeln. Bereits 2003 wollten die Forscher ihre manipulierten Apfelbäume im Freiland anpflanzen. Sie scheiterten damals am Widerstand und öffentlichen Protest. Seither wuchsen die Bäume in Freiland-Käfigen heran. Das sind Gewächshäuser, bei denen ein feines, angeblich insektensicheres Gazegeflecht die Scheiben ersetzt.

Gegen diese staatlich finanzierte Gentechnik-Forschung im Obstbau hatten sich zahlreiche Verbände engagiert, darunter der Pomologen-Verein. Im Sommer 2008 verabschiedeten sie im Rahmen einer Tagung die Pillnitzer Erklärung. Darin forderten die Organisationen: „Es darf nicht zugelassen werden, dass mit dem Obst eine neue Pflanzengruppe dem Zugriff der Gentechnik ausgesetzt wird. Die Züchtungsziele im Obstbau sind auch mit klassischen Methoden – ohne die Risiken und Nebenwirkungen der Gentechnik – erreichbar.“
Diese Forderung hat nun anscheinend eine „Aktion Obelix“ umgesetzt. Auf Indymedia heißt es unter dem Titel „Dresden ist gentechnikfrei“: „Nun wollen und werden wir nicht bis zum St. Nimmerleinstag darauf warten, dass sich solche Einsicht auch in den Führungsschichten dieser Welt durchsetzt. Wer Veränderung will muss sie auch herbei führen.“

Die sächsischen Grünen und der Anbauverband Gäa distanzierten sich von der Aktion. „Die Zerstörung fremden Eigentums darf generell nicht toleriert werden, ganz gleich welche Motive dahinter stehen“ sagte Gäa Vorsitzende Kornelie Blumenschein. „Wir fühlen uns aber auch im höchsten Maße betroffen über den unakzeptierbaren Angriff unseres Staatsministers für Landwirtschaft und Umwelt in der Presse gegenüber allen, die sich nicht für, oder gar gegen Agrogentechnik in der Land- und Lebensmittelwirtschaft aussprechen“, fügte Blumenschein hinzu. Der sächsische Umweltminister Frank Kupfer hatte die Zerstörung der Apfelbäume so kommentiert: „Hoffentlich sind die selbsternannten Retter von Mensch und Umwelt zu Fuß nach Pillnitz gelaufen, waren mit einem Fell bekleidet und haben die 270 Bäume mit dem Faustkeil abgehakt. Das ist nämlich die Konsequenz aus Fortschrittsfeindlichkeit. Hätte die Menschheit niemals Neues gewagt, dann würden wir heute noch wie Affen auf dem Bäumen herumturnen.“ Das Ministerium bezifferte den entstandenen Schaden mit rund 700.000 Euro.

Zerstört wurde kurz vor Pfingsten auch ein Feld des Saatgutkonzerns KWS mit genmanipulierten Zuckerrüben bei Magdeburg. Allerdings hat die KWS nach eigenen Angaben neue Gen-Rüben angepflanzt. Bekannt wurde der Vorgang erst durch eine Meldung der örtlichen Polizei. Gänzlich unberichtet blieb, dass Mitte Mai Feldbefreier den Gen-Gersteversuch der Uni Gießen in Groß-Lüsewitz bei Rostock besucht hatten. Lediglich im Standortregister findet sich ein kleiner Hinweis: „Änderungsmitteilung v. 19.05.2009: Neuaussaat auf Grund von Zerstörung durch Fremdeinwirkung.“

Gen-Raps im Senf

Die Zeitschrift Ökotest hat in fünf von 30 Senfproben gentechnische Verunreinigungen mit Gen-Raps entdeckt. Betroffen davon waren auch bekannte Marken und Anbieter. Auch in Nuss-Nougat-Creme wurden die Tester fündig. Hier war das Lecithin nicht einwandfrei.

Beim Senf waren Düsseldorfer Löwensenf und ein Senf von Aldi Nord ebenso von den Verunreinigungen betroffen wie ein importierter echter Dijon Senf. Vermutlich stammte der Senf aus Kanada, wo Gen-Raps inzwischen als Unkraut weit verbreitet ist und wegen der Verwandtschaft auf Senffeldern kaum auffällt. Bereits 2004 und 2005 hatte Ökotest im Löwensenf Genraps-Erbgut gefunden. Die Hersteller von Löwensenf und dem Aldi-Produkt erklärten gegenüber Ökotest, dass die Anlieferungen an Senfsaat regelmäßig untersucht würden. Trotzdem könnten kleine Verunreinigungen durch gentechnisch veränderten Raps nicht gänzlich ausgeschlossen werden. Leider machte Ökotest keine Angaben darüber, ob es sich um quantifizierbare Mengen (zwischen 0,1 und 0,9 Prozent) handelte, oder um Spuren in geringeren Mengen
Dies gilt auch für die Nusscremes von Zentis und Lidl, in denen das Labor Spuren von Roundup Ready Sojabohnen fand. Der Hersteller Zentis teilte Ökotest mit, das Lecithin werde als gentechnikfreies Lecithin, zertifiziert mit einer Chargenanalyse bezogen. Man „gehe von einer unspezifischen Spurenkontamination im Bereich der Lieferkette aus, die nicht mehr geklärt werden kann.“
„Ein Nebeneinander von Gen-Technik und konventioneller Landwirtschaft ist nicht mehr möglich“, warnt Ökotest aufgrund seiner Funde.

Hickhack um Patent-Resolution

Das Bundesland Hessen hat eine Resolution gegen Patente auf Leben in den Bundesrat eingebracht. Die droht, im parteipolitischen Hickhack unterzugehen. Die Initiative „Kein Patent auf Leben“ ruft deshalb dazu auf, den Ministerpräsidenten Briefe zu schreiben.

Gentechnik-Konzerne haben in den letzten Jahren Hunderte Patente auf konventionell gezüchtete Pflanzen und Tiere beim Europäischen Patentamt beantragt. Dagegen wehrt sich eine immer breiter werdende Bewegung von Bauern-, Umwelt- und kirchlichen Organisationen, koordiniert von der Initiative „Kein Patent auf Leben“. Im Zuge der Proteste gegen ein von Monsanto beantragtes Patent auf Schweine sprach sich die hessische Umweltministerin Silke Lautenschläger (CDU) gegen solche Biopatente aus. Ihr bayerischer Kollege Markus Söder (CSU) schloss sich dieser Haltung an.
Die hessische Landesregierung brachte daraufhin im Bundesrat einen Antrag ein. Der Bundesrat solle die Bundesregierung auffordern, sich auf EU—Ebene dafür einzusetzen, die EU-Richtlinie über Biopatente so zu ändern, „dass eine Patentierung von Erfindungen, deren Gegenstand Pflanzen und Tiere sind, zukünftig ausgeschlossen wird, wenn sie auf klassischen Züchtungsverfahren wie Kreuzung und Selektion beruhen.“ Trotz der umständlichen Formulierung ist der Antrag politisch brisant. Denn erstmals bezogen hochrangige CDU-Politiker darin Stellung gegen die derzeit übliche Biopatentierung. Zudem hätte der Antrag die anderen Landesregierungen dazu gezwungen, Farbe zu bekennen.
Dazu wird es voraussichtlich vor den Bundestagswahlen nicht mehr kommen. Der Bundesrat hat den Antrag in seine Ausschüsse verwiesen. Dort ist die Beratung erst einmal vertagt worden. Nach Angaben von „Kein Patent auf Leben“ hätten nur Bayern, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen gegen eine Verschiebung gestimmt. Brandenburg, Bremen, Saarland und Schleswig-Holstein hätten sich enthalten. Insbesondere die FDP und die Regierung von Niedersachsen hätten sich für die Vertagung stark gemacht. Die FDP ist als extrem gentechnikfreundlich bekannt und in Bayern und Hessen an der Regierung beteiligt. Dort wollte die jeweilige Landes-FDP die Koalitionspartner nicht direkt brüskieren, deshalb wird jetzt im nachhinein über die FDP-Koalitionen in anderen Bundesländern gebremst. In Niedersachsen ist der in der grünen Gentechnik engagierte Saatgutkonzern KWS zuhause. In Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen, die ebenfalls für eine Vertagung stimmten, sitzen die Konzerne BASF und Bayer mit ihren Gentechnik-Abteilungen.
„Kein Patent auf Leben“ hat einen Musterbrief ins Netz gestellt. Darin kann man den Ministerpräsidenten seines Bundeslandes bitten, das Anliegen der Landesregierungen von Hessen und Bayern „auch mit Nachdruck zu verfolgen und sich darüber hinaus für ein allgemeines Verbot der Patentierung von Saatgut, Pflanzen und Tieren stark zu machen.“ Ziel ist es, bei der nächsten Bundesratssitzung am 12. Juni noch eine Abstimmung über den Antrag zu erreichen. „Sollte es dort nicht zur Abstimmung kommen, besteht die Gefahr, dass der Antrag in die Sommerpause gerät und dann nach der Bundestagswahl rasch beerdigt wird“, befürchtet Ruth Tippe von „Kein Patent auf Leben“.

Mehr Infos: Informationsdienst Gentechnik, Dossier „Patente in der Landwirtschaft“
Eine öffentliche Anhörung des Bundestages zum Thema Biopatente

Runder Tisch: Schavan wirbt für grüne Gentechnik

Mit Runder-Tisch-Gesprächen versucht Bundesforschungsministerin Annette Schavan, Werbung für die grüne Gentechnik zu machen. Zur ersten dieser als „Dialog“ titulierten Veranstaltungen lud die Ministerin – bei 30 Teilnehmern – gerade einmal sechs Gentechnikkritiker ein, zu einer „ fairen und verantwortungsbewussten Debatte.“ Die brachte keine konkreten Ergebnisse: „Alle Beteiligten sind sich ihrer Verantwortung für Mensch, Tier und Umwelt wie auch für das Wohlergehen nachfolgender Generationen bewusst“, teilte Schavan als Fazit des Treffens mit und lobte anschließend die Chancen der Gentechnik.

Ihre positive Haltung zur grünen Gentechnik machte die Ministerin zuletzt in einem Gastkommentar für die Financial Times Deutschland deutlich. Darin forderte sie zum wiederholten Male, die Chancen der Gentechnik zu nutzen: „Mit traditionellen Methoden allein wird sich selbst ein moderates Ziel wie der stabile Ertrag bei sich verändernden Umweltbedingungen nicht sichern lassen.“ Probleme sieht sie nicht: „Bis heute gibt es keine wissenschaftlichen Belege für gesundheitliche oder ökologische Schäden durch die grüne Gentechnik.“ Mit dieser Position liegt die Ministerin auf einer Linie mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft. Die beiden Organisationen forderten in einem Memorandum bessere Bedingungen für die Gentechnik-Forschung in Deutschland und einen klaren politischen Kurs zugunsten der grünen Gentechnik

Die Webseite des Bundesforschungsministeriums zum Runden Tisch Pflanzengenetik liest sich wie eine Werbebroschüre von Monsanto: Mehr Erträge, weniger Pestizide, bessere Lebensmittel und alles ist vollkommen sicher. Dazu kommen noch Unwahrheiten, etwa, der Anbau von genmanipulierten Pharma-Pflanzen „ist im freien Feld nicht vorgesehen“. Letzte Woche pflanzte die Uni Rostock Pharmaknollen auf einen Versuchsacker.

Von den Umwelt- und Bioverbänden kam herbe Kritik an der Veranstaltung: Eine extrem einseitige Veranstaltung sei das gewesen, bilanzierte für den Bund ökologische Lebensmittelwirtschaft BÖLW dessen Vorsitzender, Felix Prinz zu Löwenstein. So habe das Thema Welternährung einen Schwerpunkt gebildet, ohne dass ein Vertreter einer Entwicklungshilfeorganisation eingeladen gewesen sei. Für Bioland-Präsident Thomas Dosch zeigt die Zusammensetzung der Eingeladenen, „dass Forschungsministerin Schavan kein Interesse an der von ihr angemahnten Wertedebatte hat, sondern auf ein blindes ‚Weiter so‘ setzt.“

Es gab übrigens schon einmal einen Runden Tisch. Die damalige Landwirtschaftsministerin Renate Künast hatte 2002 zu einem Diskurs Grüne Gentechnik geladen. Dessen Referate und Diskussionen sind immer noch lesenswert.

Mais-Saatgut verunreinigt

Bei der Maisaussaat in Deutschland ist in mehreren Fällen gentechnisch verunreinigtes Saatgut auf den Acker gekommen. Entdeckt wurden die Fälle durch das bundesweite GVO-Saatgut-Monitoring. Doch das zieht nur Stichproben. Die Dunkelziffer dürfte höher sein.

Sächsische Behörden hatten in einer Charge von konventionellem Maissaatgut geringe Spuren der gentechnisch veränderten Maislinie NK 603 entdeckt. Die Gehalte lagen unterhalb der Bestimmungsgrenze von 0,1 Prozent und über der Nachweisgrenze von 0,03 Prozent. NK 603 ist für den Anbau in der EU nicht zugelassen. Der verunreinigte Mais wurde ausschließlich in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ausgesät. Betroffen waren 20 Landwirte und 270 Hektar Fläche.

Die dortigen Behörden empfahlen betroffenen Landwirten, die bereits gekeimten Maispflanzen umzubrechen und eine Neuaussaat vorzunehmen. Von den Behörden wird jedoch auch akzeptiert, wenn die Mauspflanzen in einer Biogasanlage verwertet werden. In diesem Fall müssten die betroffenen Landwirte die Bewirtschafter benachbarter Maisflächen in einem Umkreis von 300 Metern über die Situation informieren. Falls der Aufwuchs der benachbarten Flächen nicht im Betrieb oder in einer Biogasanlage verwertet wird, muss die Ernte außerdem auf Spuren von GVO untersucht werden. Umweltverbände kritisierten die Erlaubnis, den Mais auch in Biogasanlagen zu verwerten, weil dadurch die Genmais-Pollen ausfliegen und Nachbarfelder sowie Bienenstöcke verunreinigen können.

In Hessen entdeckten die Behörden Saatgut, dass gleich mit vier verschiedene Gen-Maislinien verunreinigt war. Ausgebracht hatte es ein hessischer Bauer auf vier Hektar. Von der betroffenen Charge dürfte allerdings deutlich mehr in den Handel gelangt sein.

Die amtlichen Behörden können nur mit Stichproben arbeiten. Baden-Württemberg analysierte in diesem Jahr 99 Proben von Maissaatgut, davon waren fünf leicht verunreinigt. In Sachsen war eine von 33 Proben verunreinigt. Das lässt darauf schließen, dass durch zwei bis fünf Prozent des Maissaatgutes verunreinigt sein können, meist in Spuren von weniger als 0,1 Prozent. Tätig werden die Behörden nur, wenn die Verunreinigung von einer Sorte stammt, die nicht für den Anbau zugelassen ist. Verunreinigungen mit dem Gen-Mais MON 810 bis zu 0,1 Prozent wurden (bis zu dessen Verbot) durchgewunken.