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Behörde muss Gentechnik-Akten offen legen

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) hat seinen Widerstand gegen die beantragte Akteneinsicht eines Gentechnik-Kritikers aufgegeben. Nachdem das Verwaltungsbericht Braunschweig dem BVL die Rechtslage erörtert hatte, erlaubte es nun die Einsicht in die Akten. Die befassen sich mit der Genehmigung von Anbauversuchen mit genmanipulierter Gerste und Mais durch das BVL.

Jörg Bergstedt, hessischer Gentechnik-Aktivist, wollte unter Berufung auf das Umweltinformationsgesetz die Akten einsehen, die beim BVL als Genehmigungsbehörde zu Anbau-Versuchen der Universität Gießen geführt werden. Doch das Amt verweigerte die Einsicht und schmettere auch den Widerspruch Bergstedts ab. Es stünden keine freien Räume zur Verfügung stehen, in denen die Akteneinsicht erfolgen könne, schrieb die Behörde. „Außerdem steht wegen der angespannten Personalsituation gegenwärtig kein Mitarbeiter des BVL für die Beaufsichtigung der Einsichtnahme zur Verfügung.“
Bergstedt zog vor das Verwaltungsgericht Braunschweig. Die Richter legten in einem Schreiben dar, dass sie die Ablehnung der Einsicht in die Akten vor Ort für nicht begründet halten. Daraufhin teilte die beklagte Behörde mit: „Nach Rücksprache mit der hausinternen Verwaltung der Beklagten hat die Beklagte inzwischen eine Möglichkeit gefunden, die Akteneinsicht vor Ort in einer Weise zu gewähren, bei der auch die Interessen der Beklagten gewahrt werden. Die Beklagte ist nunmehr also bereit, die Akteneinsicht vor Ort zu gewähren. Der Kläger wird somit gebeten, sich zwecks Vereinbarung eines Termins für die Einsichtnahme telefonisch mit dem Unterzeichner dieses Schreibens in Verbindung zu setzen.“ Die Behörde teilte noch mit, dass für den durch die Einsicht verursachten Aufwand voraussichtlich bis zu 200 Euro in Rechnung gestellt würden. „Auf evtl. Vorleistungen oder der den Nachweis der Leistungsfähigkeit durch den Kläger als Voraussetzung für die Gewährung der Einsichtnahme wird jedoch verzichtet.“
Die Initiative Gendreck weg Gießen hat den gesamten Vorgang ins Netz gestellt. Den sollten sich einige andere Bundesbehörden genau ansehen. Denn gerade auf Bundesebene sei die Lage schlimm, berichtet Jörg Bergstedt von weiteren Erfahrungen. Beim Bundessortenamt seien ihm bei einer Akteneinsicht nur wenige Blätter gezeigt worden – und das Julius-Kühn-Institut, als Bundesfachanstalt für Pflanzenbau intensiv mit gentechnischen Experimenten beschäftigt, würde sich bislang vollständig weigern, Akteneinsicht zu gewähren.

Monsanto-Monitoring: Papier ohne Inhalt

Der Ende März vom Gentechnikkonzern Monsanto vorgelegte Bericht zum Monitoring des Gen-Maises MON 810 ist unvollständig und unwissenschaftlich. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Umwelt-Organisation Greenpeace. Umweltforscher, deren veröffentlichte Daten Monsanto herangezogen hatte, distanzierten sich von dem Bericht. Landwirtschaftsministerin Aigner will in der Woche nach Ostern über den Anbau von MON 810 entscheiden.

Im Dezember 2007 hatte Monsanto einen Plan für eine allgemeine Überwachung des Anbaus von MON 810-Mais vorgelegt, den das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit mit Billigung des damaligen Agrarministers Horst Seehofer abgenickt hatte. Schon dieser Bericht war von Umweltforschern und dem Bundesamt für Naturschutz massiv kritisiert worden.
Nach Angaben von Greenpeace enthält der nun von Monsanto vorgelegte Bericht nur Aussagen zu einem der vier Elemente des Monitoringplans. Das betrifft die Auswertung existierender Monitoringprogramme für Schmetterlinge, Vögel und andere Tierarten. „Was der Konzern noch nicht eingereicht hat, sind die Auswertung der Befragung der Landwirte, die Informationen aus der wissenschaftlichen Literatur und den Bericht zu den Maßnahmen gemäß Produktinformation.“ Die fehlenden Informationen wolle der Konzern erst im Juli 2009 vorlegen, schreibt Greenpeace. Neben der Unvollständigkeit rügte Greenpeace auch das unwissenschaftliche Vorgehen des Konzerns sowie die fehlende Nachvollziehbarkeit und Transparenz. Zudem würden bestimmte Schutzgüter wie Gewässer gar nicht betrachtet.

Scharfe Kritik kam von den Organisationen, deren Daten Monsanto als Beleg für die Harmlosigkeit seines Gen-Maises anführt. Das Tagfalter-Monitoring Deutschland (TMD) erklärte: „Es gab zu keiner Zeit irgendwelche Absprachen oder Abstimmungen des TMD mit Monsanto und es wurden keine Daten weitergeleitet. Monsanto greift vor allem auf Angaben aus dem TMD-Jahresbericht für das Jahr 2007 zurück sowie auf öffentlich zugängliche Daten der Internet-Plattform science4you. Wir distanzieren uns aus wissenschaftlicher Sicht nachdrücklich von den im Bericht von Monsanto präsentierten Analysen und Interpretationen zum Tagfalter-Monitoring.“ Die vorliegenden Daten des TMD seien nicht geeignet, die Wirkungen des gentechnisch veränderten Mais MON 810 zu bewerten. Der Agrarbiologe Joseph Settele, der das TMD koordiniert, sagte der taz: „Wie Monsanto mit unseren und anderen Daten umgeht, das ist sehr willkürlich. Würde das bei uns ein Diplomand machen, fiele er mit Pauken und Trompeten durch.“
Die Vogelbeobachter vom Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) stellten klar: „Fakt ist: Das Vogelmonitoring in seiner derzeitigen Form ist für die allgemeine Überwachung von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) nicht nutzbar. Darauf hatte der DDA das BVL als Genehmigungsbehörde in einem Fachgespräch am 19. Juni 2008 ausdrücklich hingewiesen. Wir distanzieren uns deshalb nachdrücklich von den im Bericht von Monsanto getroffenen Aussagen und Interpretationen.

Landwirtschaftministerin Ilse Aigner hat versprochen, sie wolle prüfen, ob Monsanto die Monitoringauflagen für seinen Genmais MON 810 einhalte. Falls das nicht der Fall sei „werde ich die Zulassung von MON 810 widerrufen“, sagte die Ministerin in einem Interview.

EU-Länder verlangen nationale Anbau-Verbote

Die Niederlande haben beim letzten EU-Agrarministerrat vorgeschlagen, die Zulassung zum Anbau gentechnisch veränderter Organismen (GVO) wieder den Mitgliedsstaaten zu überlassen. Diese Idee stieß auf überraschend große Zustimmung.

Nach Ansicht der Niederländer soll nur noch der Import von GVO als Futter- und Lebensmittel weiter in Brüssel geregelt werden. Die wesentlich kritischere Entscheidung über den GVO-Anbau soll die EU dagegen den einzelnen Mitgliedstaaten überlassen. Die Niederlande begründeten ihren Vorschlag damit, dass die EU-Regelungen zur GVO-Zulassung die jüngsten Entwicklungen und die Besorgnis in der Gesellschaft ebenso wenig berücksichtige wie die sozioökonomischen Folgen des Einsatzes von GVO.

Laut Agenturmeldungen, die sich auf Ratskreise beriefen, lehnten lediglich Großbritannien, Estland, Portugal und Spanien den Vorstoß rundheraus ab; Italien mahnte zur Vorsicht. Unter den klaren Befürwortern finden sich neben Frankreich, Griechenland, Österreich und Ungarn, die alle ein Anbauverbot erlassen haben, auch Finnland, Polen und Zypern. Die deutsche Delegation sicherte eine grundsätzliche Sympathie zu, wollte aber noch keine abschließende Position einnehmen. EU-Gesundheitskommissarin Androulla Vassiliou versprach, den Vorschlag der Niederlande und die Meinungen der übrigen Mitgliedstaaten mit ihren Amtskollegen zu besprechen und bis Juni 2010 einen Bericht vorzulegen.

Neue Studie: Gen-Mais gehört verboten

Ein Verbot des Gen-Maises MON 810 wissenschaftlich geboten und rechtlich möglich. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die das Online-Netzwerk Campact, der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) präsentiert haben. Die Organisationen forderten Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner auf, den Gen-Mais noch vor der Aussaat Mitte April zu verbieten. Der Ministerin liegt inzwischen auch der von Monsanto angeforderte Monitoring-Bericht über mögliche Umweltrisiken beim Anbau von MON 810 vor. Nun will sie alle Unterlagen prüfen.

„Seit dem Jahr 2007, als in Deutschland zuletzt über ein Anbauverbot von MON810 diskutiert wurde, haben sich weitere konkrete Hinweise auf eine Gefährdung von Mensch und Umwelt durch den Gen-Mais ergeben“, erläuterte der unabhängige Gentechnikexperte Dr. Christoph Then, der gemeinsam mit Rechtsanwältin Katrin Brockmann die Studie erstellte. Das Papier listet aktuelle Forschungsarbeiten zur Gefährdung von Bienen, nützlichen Insekten und Gewässer-Ökosystemen sowie zur Auslösung von Immunkrankheiten auf. „Die bisher praktizierten Ansätze der Risikobewertung greifen zu kurz: Es gibt erhebliche Lücken bei der Einstufung der Risiken des Insektengifts, das in den Mais-Pflanzen gebildet wird“, argumentierte Then. Deshalb sei es aus Gründen des Vorsorgeprinzips, das im deutschen und europäischen Gentechnikrecht verankert ist, erforderlich, das Inverkehrbringen von MON 810 zu untersagen.
Landwirtschaftsministerin Aigner hatte bei einer Demonstration von Campact am letzten Wochenende bereits zugesagt, sie wolle alle Wege prüfen, die zu einem Verbot von MON810 führen könnten – auch ob neue wissenschaftliche Risiken vorliegen würden, die ein solches Verbot begründeten, schaue sie sich an.
Prüfen kann die Ministerin jetzt auch den noch von ihrem Vorgänger Horst Seehofer angeordneten Monitoringbericht des Saatgutkonzerns Monsanto. Der Konzern hatte die Unterlagen Ende März eingereicht. Doch schon den erste im Herbst 2007 vorgelegten Monitoringbericht fand das zuständige Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit ausreichend für eine weitere Genehmigung. Ob die gleichen beamteten Gentechnikbefürworter nun zu einem anderen Ergebnis kommen, erscheint fraglich. Doch der Druck auf die Ministerin steigt. Auf der letzten Agrarministerkonferenz forderten Brandenburg und Saarland, den Gen-Maisanbau zu verbieten. Die hessische Landwirtschaftsministerin sprach sich gegen Patente auf Tiere und Pflanzen aus.

Gentechnik-Lobby im Vatikan / Papst kritisiert Konzerne

Bei einer Konferenz der päpstlichen Akademie der Wissenschaften geben sich im Mai prominente Befürworter der Grünen Gentechnik die Klinke in die Hand. Schwerpunkt der fünftägigen „Studienwoche“ sind die Beiträge von Gentech-Pflanzen zu Ernährungssicherheit und Entwicklung. Derweil äußert sich der Papst selbst zunehmend gentechnikkritisch.

„Transgenic Plants for Food Security in the Context of Development” nennts ich die Tagung in der Akademie. Organisiert wurde sie nach Angaben des gentechnikkritischen Nachrichtendienstes GMWatch von Ingo Potrykus, einem der Erfinder des Goldenen Reises. Er erhoffe sich davon für die Grüne Gentechnik moralische Rückenstärkung aus dem Vatikan, schreibt das Fachblatt Nature Biotechnology. Mitglied der päpstlichen Akademie ist Peter Raven, Direktor des botanischen Gartens in Missouri und bekannter Monsanto-Verteidiger. Zu den Referenten der Tagung zählt auch Nina Fedoroff, gentechnikbegeisterte Beraterin der US-Außenministerin Hilary Clinton.
GMWatch wies darauf hin, dass die päpstliche Akademie schon öfter dazu benutzt wurde Themen wie Atomkraft oder Grüne Gentechnik positiv darzustellen. Veranstaltungen der Akademie spiegelten aber nicht unbedingt die offizielle Haltung des Heiligen Stuhls wieder.

Papst Benedikt XVI hat auf seine jüngsten Afrikareise ein Arbeitspapier für die im Herbst 2009 stattfindende Synode der afrikanischen Bischöfe vorgestellt. Darin (Nr. 58) äußert sich der Vatikan äußerst kritisch über die Globalisierung und die Rolle internationaler Konzerne in Afrika. Das Papier warnt davor, in gentechnisch veränderten Pflanzen eine Lösung der Ernährungskrise in Afrika zu sehen. Wer Grüne Gentechnik einsetze, riskiere es, Kleinbauern zu ruinieren, traditionelle Anbaumethoden zu zerstören und mache die Bauern von den Saatgutkonzernen abhängig. Die Befürworter der Grünen Gentechnik hätte die wahren Probleme der afrikanischen Landwirtschaft nicht im Blick: Mangel an Land, Wasser und Energie sowie die fehlende Infrastruktur und die kaum entwickelten lokalen Märkte. Von den afrikanischen Bischöfen erwartet sich der Vatikan ein klare Position zu diesem Thema.

Polen: Hungerstreik gegen Gen-Mais

In Polen protestieren zwei Bio-Bäuerinnen mit einem Hungerstreik gegen den illegalen Anbau von Gen-Mais. Nach inoffiziellen Angaben wird in Polen trotz eines Anbau-Verbots auf rund 3000 Hektar der Gen-Mais MON 810 angebaut. Auch Gentechnik-Raps soll illegal ausgesät worden sein. Der Regierung werfen die beiden Bio-Bäuerinnen Nichtstun vor.
Vor zwei Wochen sind Edyta Jaroszewska und Danute Pilarska, beide Vorsitzende von polnischen Bio-Anbauverbänden, deshalb in den Hungerstreik getreten. Ihr Ziel: Polen muss gentechnikfrei bleiben. Mittlerweile haben sich Ihnen zwei weitere Aktivistinnen angeschlossen. Ein Treffen mit dem Agrar-Ausschuss der Regierung in Warschau fiel nach Ansicht von Edyta Jaroszewska negativ aus: „In der polnischen Regierung gibt es keinerlei politischen Willen, Unternehmen vom illegalen Anbau des Gentechnik-Maises MON 810 abzuhalten und dafür zu sorgen, dass Polen gentechikfrei bleibt.“ Sie geht davon aus, dass daher dieses Jahr illegal Gentechnik-Pflanzen weit verbreitet angebaut werden. Die Aktivistinnen wollen deswegen ihre Aktion so lang es geht fortsetzen und für ihre Forderungen kämpfen:
1. Das Verbot aller gentechnisch veränderten Pflanzen endgültig durchsetzen und – besonders dringend – den MON 810 verbieten.
2. Die Einführung der Kennzeichnung von gentechnisch veränderten Lebensmittel sowie Gentech-Lebensmittel vom Markt zu nehmen.
3. Ein Verbot von gentechnisch veränderten Futtermitteln.
4. Die Unterstützung der traditionellen und der ökologischen Landwirtschaft mit Steuergeldern.

Unterstützen kann man die beiden Bäuerinnen durch Briefe an den polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk.

Gen-Mais: Agrarministerin Aigner unter Druck

Bis Mitte April versuchen gentechnik-kritische Organisationen Bundesagrarministerin Ilse Aigner zu einem Verbot des Gen-Maises MON 810 zu bewegen. Über 40.000 Menschen haben allein über die E-Mail-Aktion von Campact die Ministerin aufgefordert, mit diesem Verbot den kommerziellen Anbau von Gentechnik auf den Äckern zu verhindern. Aktivisten von Campact und anderen Organisationen haben eine Verfolgungstour gestartet und wollen bis Mitte April die öffentlichen Termine der Ministerin nutzen, um für ihr Anliegen zu protestieren.

Ihre eigene Position hat Ilse Aigner in einem Artikel für das CSU-Organ Bayernkurier dargelegt. Dort heißt es: „Mehrere Länder (Frankreich, Griechenland, Österreich und Ungarn) haben 2007 den weiteren Anbau untersagt. Deutschland und der damalige Bundesminister Horst Seehofer haben sich für einen anderen Weg entschieden: Der Anbau ist seither nur unter Monitoring-Auflagen weiter gestattet. Der Bericht über die Einhaltung dieses Monitoringplans soll diesen Monat vorgelegt werden. Wir werden ihn sehr genau prüfen. Der Monitoringplan stellt hohe Sicherheitsanforderungen an den Anbau und diese müssen auf jeden Fall eingehalten werden. Wenn nicht, gibt es für mich keine Alternative zum Verbot.“

Für Gentechnikkritiker ist das ein Scheinargument. Die Ministerin „darf ein Verbot nicht von unzuverlässigen Informationen abhängig machen, die der Gen-Mais-Hersteller Monsanto selbst liefert. Sie kann und muss den Gen-Mais ohne langes Prüfen sofort verbieten: Die Risiken liegen auf der Hand“, argumentiert Stefanie Hundsdorfer von Campact. Doch dafür müsste sich Ilse Aigner mit der Bundeskanzlerin und den Gentechnik-Befürwortern in der eigenen Partei anlegen. „Eine Mehrheit für ein generelles Verbot in Deutschland ist aus derzeitiger Sicht nicht zu erreichen“, umschreibt sie das im Bayernkurier. Deshalb plädiert sie – wie die CSU insgesamt – dafür, die Entscheidung über den Anbau auf die Regionen zu verlagern – und gibt ehrlich zu, dass dies ein „langfristiger und schwieriger Prozess“ sei.

Der scheinbar so gentechnik-kritische Kurs hat einen klaren Grund: Die CSU fürchtet, bei der Europawahl an der Fünf-Prozent-Hürde zu scheitern. Gerade die konservativen Wähler auf dem Land laufen ihr in Scharen davon. Ein Fanal für die CSU war eine Veranstaltung des Bündnisses Zivilcourage im oberbayerischen Rosenheim. Die Süddeutsche Zeitung schrieb: „Aus dem ganzen Alpenvorland sind die Bauern nach Rosenheim herbeigeströmt, aber auch aus Ebersberg, Altötting, Landshut und sogar aus Cham. So viele waren es, dass die Plätze in der Inntalhalle nicht ausreichten und die Helfer immer noch mehr Stühle und Bänke herbeischleppten, auf dass sich alle setzen konnten. Dann erklang der Defiliermarsch, und die 3500 Besucher jubelten los. Nur dass es kein CSU-Politiker war, den sie da in Rosenheim feierten. Es war Vandana Shiva, die Galionsfigur der weltweiten Bewegung gegen die Agrar-Gentechnik.“

Studie zur Grünen Gentechnik: Mehr Schaden als Nutzen

Gentechnik kostet mehr als sie volkswirtschaftlich bringt. Das ist das Fazit des Schadensberichts Gentechnik, den der Bund für ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) vorgelegt hat. In dem Bericht haben die Autoren Christoph Then und Antje Lorch Nutzen, Kosten und Schäden der Agro-Gentechnik auf nationaler und internationaler Ebene einander gegenübergestellt.

Klare Gewinner des Einsatzes von genmanipulierten Saaten sind nach Ansicht der Autoren lediglich eine Handvoll Konzerne, allen voran Monsanto, die sich mit Patenten auf Saatgut hohe Gewinne sichern. Der Markt für genmanipuliertes Saatgut lag 2008 nach verschiedenen Schätzungen zwischen 3,8 und 6 Milliarden US-Dollar. Der US-Konzern Monsanto machte im seinem Geschäftsjahr 2007/2009 bei 11,4 Milliarden Dollar Umsatz einen Gewinn von zwei Milliarden Dollar. Ein Großteil davon entfiel auf Gensaaten und das dazu passende Herbizid RoundUp.
Für die Landwirte rechnet sich der Anbau der Gen-Saaten höchstens kurzfristig. „Verschiedene Studien zur Wirtschaftlichkeit des Anbaus zeigen, dass Landwirte nur in Ausnahmefällen unter eng begrenzten Bedingungen die Mehrkosten für das gentechnische Saatgut wieder einspielen können. Das gilt auch für Deutschland und auch nur dann, wenn die Koexistenzaufwendungen auf andere abgewälzt werden,“ erläuterte Christoph Then beid er Vorstellung des Schadensberichtes und ergänzte: „Bei Gen-Saaten steigen die Saatgutpreise weitaus schneller als bei herkömmlichen Kulturen, ohne dass sich der Ertrag entsprechend steigert.“
Insgesamt verursacht der Einsatz gentechnisch veränderter Pflanzen extrem hohe Kosten in der gesamten Lebensmittelkette. Sie entstehen durch die erforderliche Maßnahmen zur Vermeidung drohender Resistenzen, der Trennung der Warenströme und Analysen. Für den Bericht wurden erstmals zehn deutsche mittelständische Unternehmen aus verschiedenen Produktionsstufen und Bereichen der Lebensmittelwirtschaft nach konkreten Mehrkosten für ihre gentechnikfreie Produktion befragt. Ein Wurstwarenhersteller bezifferte die Mehrkosten für die Fütterung der Schweine auf 360.000 Euro im Jahr. Ein Hersteller von Babykost kam auf insgesamt 900.000 Euro jährliche Mehrkosten. Zu diesen Summen kommen noch Schäden in Höhe von einigen Milliarden US Dollar, die bei Mais und Reis durch Kontaminationen mit nicht zugelassenen Gen-Konstrukten verursacht wurden.
Das Fazit des Berichts: „Kurzfristige Gewinne gehen auf Kosten der wirtschaftlichen Nachhaltigkeit, der Wahlfreiheit und zum Teil auch der Sicherheit von Mensch und Umwelt. Derartige Rahmenbedingungen erscheinen nicht akzeptabel – unabhängig davon in welcher Region der Welt der Anbau der gentechnisch veränderten Saaten erfolgt.“

EU-Kommission erlaubt noch mehr Gen-Raps

Die EU-Kommission hat die Einfuhr von gentechnisch verändertem T45-Raps und dessen Verarbeitung zu Lebens- und Futtermitteln genehmigt. Der von Bayer CropScience entwickelte herbizidresistente T45-Raps ist gegen das Bayer-eigene Herbizid Liberty mit dem Wirkstoff Glufosinat resistent. Er wird seit etwa zehn Jahren großflächig in Kanada angebaut.

Mit dem Beschluss erleichtert die Kommission die Einfuhr von kanadischem Raps nach Deutschland. Bisher konnten bereits die Sorten GT73 von Monsanto und MS8*RF3 von Bayer eingeführt werden. Doch die Lieferungen durften keinen T45-Raps als Verunreinigung enthalten. Wie bei allen Zulassungsverfahren für Gentech-Produkte endete auch bei T45-Raps die Abstimmung im Umweltministerrat ohne die erforderliche qualifizierte Mehrheit der Mitgliedstaaten. Deshalb konnte die EU-Kommission unter Berufung auf ein (wie immer) positives Gutachten der EU-Lebensmittelbehörde EFSA den Gen-Raps im Alleingang zulassen.

Problematisch sind die jetzt drei Raps-Zulassungen, weil die Ölsaat in Form vermehrungsfähiger Samen eingeführt werden darf. In Japan konnte bereits gezeigt werden, dass in den Häfen und entlang der Transportrouten zu den Ölmühlen Saatgut entkam und Gen-Raps aufwuchs. Österreich hat mit dieser Begründung die Einfuhr von GT73 und MS8*RF3 verboten. Es ist anzunehmen, dass der Alpenstaat auch T45-Raps in Kürze aussperren wird.

Gen-Baumwolle beeinträchtigt das Bodenleben

Der Anbau der gentechnisch manipulierten BT-Baumwolle dezimiert Boden-Bakterien und verringert dadurch die Fruchtbarkeit der Böden. Darauf weist eine Studie der indischen Organisation Navdanya hin. Deren Gründerin ist die bekannte Gentechnik-Kritikerin Vandana Shiva.
Wissenschaftler hatten im Auftrag von Navdanya in der westindischen Baumwollregion Vidharbha Bodenproben von 25 Feldern genommen, auf denen in den letzten drei Jahren BT-Baumwolle angebaut wurde. Als Vergleich dienten Bodenproben von Feldern in der Nachbarschaft, auf denen gentechnikfreie Baumwolle oder andere Feldfrüchte angebaut worden waren.
Der Vergleich ergab, dass die organische Masse im Boden der Gentech-Feldern im Schnitt um 8,9 Prozent niedriger lag. Dort lebten 14 Prozent weniger Bakterien insgesamt und 17 Prozent weniger Aktinomyzeten-Bakterien. Diese sind wesentlich für den Abbau von Cellulose im Boden. Zudem bilden sie Stoffe, die schädliche Pilze und Bakterien im Boden unterdrücken. Noch stärker, bis über ein Viertel, hatte in der Studie die Konzentration einiger von den Mikroorganismen gebildeten Enzyme im Boden abgenommen. Diese haben insbesondere die Aufgabe, organisch gebundenen Phosphor für Pflanzen verfügbar zu machen sowie Luftstickstoff im Boden zu binden.
Nach Ansicht von Navdanya zeigen die Resultate deutlich, dass der Anbau von Bt-Baumwolle die biologische Gesundheit der Böden beeinträchtigt und deren Fruchtbarkeit bedroht.: Navdanya befürchtet deshalb langfristig „massive Wüstenbildung und Verlust von ackerfähigem Land in einer Zeit, in der Ernährungssicherheit immer entscheidender wird.“