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Betacarotin im Mais – ganz ohne Gentechnik

Der menschliche Körper wandelt den orangen Farbstoff Betacarotin in Vitamin A um. Fehlt das Vitamin in der Ernährung, verlieren Kinder ihre Sehkraft und erblinden. Grundnahrungsmittel, die viel Betacarotin enthalten, können dabei helfen, Vitamin A Mangel in Entwicklungsländern zu bekämpfen.

Mais in den Tropen ist hellgelb oder weiß und enthält nur wenig Betacarotin. Deshalb hat die Organisation HarvestPlus vor 15 Jahren damit begonnen, orange Maissorten mit viel Betacarotin mit tropischen Maissorten zu kreuzen. Daraus entstanden über 40 Sorten, Hybride und samenfeste, die in mehreren afrikanischen Staaten und Brasilien getestet wurden und jetzt an nationale Saatgutbanken und lokale Initiativen weitergegeben werden.

Eng mit HarvestPlus arbeitet Torbert Rocheford zusammen. Der Professor züchtet an der Purdue Universität im US-Staat Indiana Mais mit viel Betacarotin. Bei der Einführung des orangen Mais in Afrika sei er immer wieder gefragt worden, ob der orange Mais denn auch in den USA gegessen werde, berichtete Rocheford. Als er das verneinen musste, sei er auf Skepsis gestoßen. „Wenn der Mais so gut ist, wie Sie sagen, warum essen ihn die Amerikaner dann nicht?“ So entstand die Idee, orangen Mais auch in den USA anzubieten, zumal er auch sehr gut schmecke, wie Rocheford versichert. Mit seinem Sohn gründete er eine Firma und verkauft den Mais nun auch in den USA.

Gezüchtet wird bei HarvestPlus ausschließlich konventionell, „weil es für konventionelle Züchtung keine gesetzlichen Hürden gibt und sie allgemein akzeptiert ist. Für HarvestPlus ist das der schnellste Weg, Bauern und Verbrauchern nährstoffreiche Nahrungspflanzen zur Verfügung zu stellen“, heißt es auf der Webseite der Organisation. Wie vernünftig dieser Ansatz ist, zeigt die Geschichte des gentechnisch veränderten Golden Rice. Die vor 20 Jahren entwickelte Pflanze wurde oft als Rettung vor Vitamin A Mangel angepriesen und als Beispiel genannt, wie hilfreich doch Agro-Gentechnik sei. Bis heute wird der Golden Rice nirgends kommerziell angebaut. Nun kündigte der Landwirtschaftsminister von Bangladesh an, dass die Regierung die Freigabe für den kommerziellen Anbau erteilen werde. Zwei, drei Monate später könne mit dem Anbau begonnen werden. Offen ist, ob die Landwirte den gentechnisch veränderten Reis auch akzeptieren. Mit gentechnisch veränderten Auberginen haben sie bereits negative Erfahrungen gesammelt.

 

 

Schulze und Klöckner streiten um Artenschutzauflage für Pestizide

Setzen Landwirte Pestizide ein, die die Artenvielfalt gefährden, sollen sie ab Anfang 2020 als Ausgleich dafür auf zehn Prozent ihrer Flächen gar nicht mehr spritzen. So will es Bundesumweltministerin Svenja Schulze. Das ihr unterstehende Umweltbundesamt (UBA) hat diese Regelung als Artenschutzauflage für die künftige Zulassung von Pestiziden festgelegt. Zu den zehn Prozent Biodiversitätsflächen zählt das UBA Blühflächen, Brachen oder Getreideäcker mit geringer Saatdichte.

Zugelassen werden die Spritzgifte vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), für das Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner zuständig ist. Das BVL darf Pestizide nur im Einvernehmen mit dem UBA zulassen. „Ohne diese Anforderung gibt es keine Zustimmung des UBA und damit keine Zulassung“, erklärte das Umweltministerium.

Doch Ende Februar ließ das BVL 18 neue Pestizide zu, darunter eines von Monsanto mit dem Wirkstoff Glyphosat. Ohne die genannte Auflage und deshalb befristet bis Ende 2019. Das UBA nannte dieses Vorgehen „rechtswidrig“, Umweltministerin Svenja Schulze schimpfte im Deutschlandfunk: „So geht das nicht“.

Das BVL hat seinen Standpunkt nun ausführlich dargelegt. „Die Forderungen des UBA zum Schutz des Naturhaushalts, etwa zur Einhaltung von Abständen zu angrenzenden Flächen und Gewässern, und/oder zum Einsatz von abdriftmindernder Technik wurden bei den Zulassungsentscheidungen zu den einzelnen Pflanzenschutzmitteln berücksichtigt“, schreibt das BVL. Die vom UBA ab 2020 geforderte Anwendungsbestimmung sei jedoch „rechtlich nicht umsetzbar“. Das Pflanzenschutzrecht erlaube nur Bestimmungen in einem „unmittelbaren Zusammenhang mit der Anwendung des Pflanzenschutzmittels auf einer konkreten Anwendungsfläche“. Von der Anwendung losgelöste Pflichten, wie die Bereitstellung einer Ausgleichsfläche seien im Gesetz nicht vorgesehen. Aus Sicht des BVL stellt die UBA-Bestimmung einen „gravierenden Eingriff in das Grundrecht auf Eigentum der Landwirte dar, da sie dadurch faktisch an der Nutzung eines Teils ihres Eigentums gehindert werden“. Ein solcher Eingriff wäre nur auf Basis einer entsprechenden gesetzlichen Grundlage zulässig, die im Pflanzenschutzrecht nicht vorhanden ist, argumentiert das BVL. Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner ließ durchblicken, dass auch das SPD-geführte Justizministerium diese juristischen Bedenken teile.

Die Online-Aktivisten von Campact sehen hinter der befristeten Zulassung bis Ende 2019 einen Trick. Sie argumentieren, dass nach Ablauf der befristeten Zulassung Ende 2019 das BVL diese einfach verlängern könne. Denn bei technischen Verlängerungen müsse das UBA nicht mehr einbezogen werden. Knapp 400.000 Menschen haben Julia Klöckner via Campact inzwischen aufgefordert, keine Zulassungen zu verlängern.

Amtliche Bilanz: Verunreinigter Raps ist untergepflügt

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) hat abschließend Bilanz gezogen über den Verbleib von gentechnisch verunreinigtem Rapssaatgut. Dieses Saatgut der Monsanto-Marke Dekalb war im vergangenen Sommer über Frankreich nach Deutschland gelangt. Im November 2018 informierte die EU-Kommission Deutschland, dass die Franzosen Spuren der gentechnisch veränderten Rapslinie GT73 in dem Saatgut gefunden hatten. Zu dieser Zeit war der Raps längst ausgesät.

Laut BVL wurden alle 15 betroffenen und nach Deutschland gelieferten Saatgutpartien amtlich kontrolliert. In einer fanden sich GT73-Spuren von etwa 0,1 Prozent. Von dieser Saatgutpartie seien 598 Einheiten in den Handel und zum großen Teil in den Anbau gelangt. Den Länderbehörden sei es gelungen, den Verbleib aller 598 Einheiten zu ermitteln. In zehn Bundesländern (Baden-Württemberg, Bayern, Brandenburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen). hätten 84 landwirtschaftliche Betriebe das Saatgut auf insgesamt etwa 2150 Hektar ausgesät. Die Behörden hätten dafür gesorgt, dass diese Flächen umgebrochen wurden. Auf ihnen „darf bis mindestens Juli 2019 kein Raps angebaut werden, die Mehrheit der Bundesländer hat eine Anbaupause für Raps bis Juli 2020 angeordnet“, schreibt das BVL. Nachkontrollen der Flächen sollen sicherstellen, dass auch später gekeimte Rapspflanzen erkannt und vernichtet werden. Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) warnte, dass Rapssaatgut 20 Jahre lang keimfähig im Boden überdauern könne. Solange bestünde auch ein Risiko, dass vereinzelt gentechnisch veränderter Raps keimen könne.

Zusätzlich zu den Anbauflächen wurde in Deutschland laut BVL von einem Saatgutunternehmen Raps mit GT73-Spurenanteilen in sieben Bundesländern auch auf sehr kleinen Versuchsflächen für Sortenvergleichsversuche ausgesät. Dieses Saatgut stammte aus einer Partie, die nur in Frankreich vermarktet worden war.

 

Europawahl: Das sagen die Parteien zur Gentechnik

Die EU-Kommission und einige Mitgliedsstaaten würden nach der Europawahl gerne das EU-Gentechnikrecht ändern, damit neue gentechnische Verfahren einfach zugelassen werden können. Dafür bräuchten sie die Zustimmung der EU-Parlamentarier, die am 26. Mai gewählt werden. Die Parteien haben sich in ihren Wahlprogrammen dazu unterschiedlich positioniert – oder gar nicht.

Am ausführlichsten behandeln Bündnis90 / Die Grünen das Thema Gentechnik. Die Partei will die neue Gentechnik einer strengen Regulierung und Kennzeichnungspflicht unterwerfen. Deshalb müsse „das Vorsorgeprinzip im Zulassungsverfahren entsprechend der Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs auch gegenüber neuen Verfahren in der Gentechnik europaweit angewandt“ werden, heißt es im Programm. Die Zulassungsverfahren durch die EU-Lebensmittelbehörde EFSA müssten „transparent und unabhängig vom Einfluss der Agrarkonzerne durchgeführt werden“. Zugleich müsse der Fokus auf Umweltgefahren ausgebaut werden und mehr Geld in öffentliche Forschung fließen. Bei der finalen Zulassung einzelner Gentech-Pflanzen wollen die Grünen erreichen, dass künftig auch das Parlament beteiligt wird. Die Grünen wollen Produkte von Tieren, die mit gentechnisch veränderten (gv) Futtermitteln gefüttert wurden, klar kennzeichnen. Mehrkosten und Aufwand, die für den gentechnik freien Landbau entstehen, sollen von den Nutzern neuer Gentechnik- Sorten bezahlt werden. Klar abgelehnt werden von den Grünen Patenten auf Saatgut und Leben. „Züchtung muss, wie seit Jahrtausenden, ein Open-Source-System bleiben“, heißt es dazu.

Die SPD spricht sich für das Vorsorgeprinzip aus, „insbesondere bei neuen Methoden der Gentechnik wie CRISP/Cas. Eine diesbezügliche Aufweichung der EU-Regelungen lehnen wir ab“, heißt es im Programm. Die Partei lehnt einen Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen in Europa ab und fordert die Kennzeichnung tierischer Lebensmittel aus der Fütterung mit gv-Pflanzen.

Die Linke hat das ganze Thema in ihrem Programm in drei Sätzen abgehandelt: „Gentechnik in der Landwirtschaft und Patente auf Pflanzen, Tiere und anderes Leben lehnen wir ab. Das uneingeschränkte Recht auf freien Nachbau des Saatgutes muss wiederhergestellt, Konzerne wie Bayer-Monsanto müssen entmachtet werden.“

Ausführlicher und konträr bezieht die FDP Stellung. Sie spricht sich „für einen offenen und transparenten Umgang mit den neuen Züchtungstechniken des Genome Editing“ aus. Die Methode „erlaubt präzise, zeit- und kostensparende Änderungen im Erbgut einer Nutzpflanze, die von natürlichen Mutationen nicht zu unterscheiden sind“. Angesichts von Klimawandel und globalem Bevölkerungsanstieg wolle man „eine verantwortungsvolle Erforschung dieser Techniken nicht ideologisch verbauen“. Die FDP setze sich deshalb „für eine vollständige Neuordnung des europäischen Gentechnikrechts ein, um nicht nur die Bewertung der inzwischen klassischen Grünen Gentechnik an den heutigen Wissensstand anzupassen, sondern auch genominterne Änderungen mithilfe von CRISPR/Cas9 transparent, rechtlich klar und fortschrittsorientiert so zu regeln, dass das Produkt und nicht die Methode der Erzeugung bewertet wird.“

In den Wahlprogrammen der CDU/CSU und der AFD kommen die Worte Gentechnik, Biotechnologie und Patente nicht vor.

Roundup und Krebs: Jury verurteilt Bayer zu 80 Millionen Dollar Schadenersatz

Die Bayer-Tochter Monsanto muss an den krebskranken Edwin Hardeman 80,3 Millionen US-Dollar Schadensersatz zahlen, das sind etwa 71,4 Millionen Euro. Das entschied die Jury eines US-Bundesgerichts in San Francisco. Bereits vor einer Woche hatten die Geschworenen einstimmig verkündet, dass Roundup als wesentlicher Faktor den Lymphdrüsenkrebs von Kläger Edwin Hardemann verursacht habe. In der zweiten Runde des Verfahrens stellten sie fest, dass Monsanto dafür auch zu haften hat. Die von der Jury festgelegte Summe von 80,3 Millionen Dollar setzt sich zusammen aus 5,3 Millionen Dollar an regulärem Schadenersatz und 75 Millionen an sogenanntem Strafschadenersatz, den das US-Recht zusätzlich kennt. Ihn verhängte die Jury, weil Monsanto über Jahrzehnte hinweg versäumt habe, vor den Krebsrisiken von Roundup zu warnen, obwohl wisenschaftliche Literatur darauf hingewiesen habe, erläuterte die Organisation US Right to Know.

Bayer zeigte sich enttäuscht von dem Urteil und erklärte, es habe keinen Einfluss auf zukünftige Fälle – jedes Verfahren sei auf Basis der jeweiligen Umstände gesondert zu betrachten. Doch das stimmt nicht. Der jetzt von einem Bundesbezirksgericht in San Francisco entschiedene Fall ist ein „bellwether case“. So heißen im US-Recht richtungsweisende Musterfälle bei Massenklagen. 11.200 Roundup-Klagen lagen Ende Januar gegen Bayer vor und nach diesem Urteil dürften es schnell noch mehr werden. Allein bei Richter Vince Chhabria, der den Prozess in San Francisco leitete, liegen 760 weitere Fälle auf dem Schreibtisch. Bemerkenswert ist, dass der Schadenersatz im Fall Hardemann ähnlich hoch liegt wie die 78 Millionen Dollar, die ein kalifornisches Gericht im Herbst letzten Jahres im Fall Johnson gegen Monsanto verhängte.

Heute tritt in Alameda, Kalifornien, am dortigen staatlichen Bezirksgericht die nächste Jury zusammen. Sie muss entscheiden, ob Monsantos Roundup auch für die Krebserkrankungen des Rentnerehepaars Alva und Alberta Pilliod verantwortlich ist. Ihr Fall steht stellvertertend für über 250 weitere Klagen, die in Alameda anhängig sind. Die Anwälte der Kläger rechnen damit, dass das Verfahren etwa einen Monat dauern wird.

 

US-Urteil bestätigt: Roundup verursacht Krebs

Die Jury im Fall Hardemann vs. Monsanto hat einstimmig entschieden: Das Herbizid Roundup der Bayer-Tochter Monsanto ist maßgeblich verantwortlich dafür, dass Edwin Hardeman an Lymphdrüsenkrebs erkrankte. Der Rentner hatte das Mittel seit den 80er-Jahren zur Unkrautvernichtung auf seinem Grundstück benutzt.

Der in San Francisco vor einem US-Bundesgericht verhandelte Fall ist ein „Bellwether Case“, das ist eine Musterklage, die als richtungsweisend für weitere derartige Prozesse gilt. Allein bei Richter Vince Chhabria, der den Fall Hardemann gegen Monsanto verhandelte, liegen über 760 weitere Klagen auf dem Schreibtisch. Insgesamt hatten Krebspatienten oder ihre Angehörigen bis Ende Januar in den USA 11.200 Klagen gegen Bayer eingereicht.

Chhabria hatte den Fall zweigeteilt. Zuerst sollte die Jury die Frage beantworten, ob Roundup maßgeblich für die Krebserkrankung des Klägers verantwortlich sei. Die Jury bejahte dies einstimmig. Im zweiten Teil des Prozesses wird es darum gehen, ob Monsanto arglistig über Risiken hinwegtäuschte und Behörden beeinflusste. Abschließend muss die Jury entscheiden, wieviel Schadenersatz Bayer für seine Tochter zu zahlen hat. Vor einem Gericht des Staates Kalifornien hatte Bayer im August 2018 bereits ein Verfahren verloren und war von der Jury zu 250 Millionen Euro Schadenersatz verurteilt worden. Die Richterin reduzierte die Summe später auf 68 Millionen Euro, Bayer legte Berufung ein.

Über das aktuelle Urteil zeigte sich der Konzern enttäuscht. Bayer sei zuversichtlich, im zweiten Teil des Prozesses beweisen zu können, dass Monsantos Verhalten angemessen war und das Unternehmen nicht für Hardemans Krebserkrankung haftbar gemacht werden sollte, hieß es in einer Stellungnahme. Vorbörslich brach die Aktie am Mittwoch morgen knapp zehn Prozent ein.

USA erlauben Anbau genom-editierter Pflanzen ohne Risikoprüfung

Die US-Landwirtschaftsbehörde APHIS hat nach Recherchen der Organisation Testbiotech bereits mehr als 20 Freigaben für Pflanzen erteilt, deren Erbgut mit Verfahren der Neuen Gentechnik verändert wurde. In keinem der Fälle habe die Behörde eine eingehende Risikoprüfung verlangt, monierte Testbiotech in einem Bericht. Dabei würden sich die freigegebenen Pflanzen in ihren Herstellungsverfahren, ihren Eigenschaften und ihren Risiken deutlich von denen aus herkömmlicher Züchtung unterscheiden.

Die Freigaben von APHIS umfassen Salat, Tomaten, Mais, Weizen, Soja, Kartoffel und andere Pflanzen. Zu den Antragstellern zählt auch das Max Planck-Institut für chemische Ökologie in Jena, das gentechnisch veränderte Tabakpflanzen anbauen will. Bei knapp der Hälfte der von APHIS freigegebenen manipulierten Pflanzen wurden Inhaltsstoffe verändert. Bei anderen soll das geänderte Erbgut Vorteile bei der Verarbeitung bringen oder die Pflanze resistent gegen Krankheiten machen. Sehr viel steht in den öffentlich einsehbaren Anträgen allerdings nicht: „Die genaue Beschreibung der Zielgene ist in den meisten Fällen als vertrauliche Geschäftsinformation eingestuft“, schreibt Testbiotech. Auch sei der Stand der Entwicklung in der Regel nicht ablesbar. „Es lässt sich nur feststellen, dass die Anträge im Allgemeinen zu einem frühen Zeitpunkt gestellt werden“, heißt es in dem Bericht. Bekannt ist, dass das Unternehmen Calyxt 2018 in den USA mit dem Anbau von Sojabohnen mit verändertem Fettsäuremuster begonnen hat. 2019 sollen die Bohnen bereits auf 14.000 Hektar angebaut werden.

Testbiotech beschreibt in seinem Bericht, welche Veränderungen im Erbgut durch die Verfahren der Neuen Gentechnik hervorgerufen werden können. Diese würden sich „deutlich von denen unterscheiden, die mit herkömmlicher Züchtung erzielt werden“. So könnten Gen-Scheren wie CRISPR/Cas ganze Genfamilien auf einmal verändern, was mit bisheriger Züchtung nur schwer oder gar nicht zu erreichen sei. Entsprechend größer seien auch die mit diesen Veränderungen verbundenen Risiken. Doch diese Risiken werden in der Bewertung durch APHIS ausgeblendet. Denn die Behörde überprüft lediglich, ob die gentechnisch veränderte Organismen eine Gefahrenquelle für die Übertragung von Pflanzenkrankheiten darstellen oder als schädliches Unkraut gelten können. „Die Risiken der Gentechnik-Organismen müssen in jedem einzelnen Fall eingehend geprüft werden“, fordert Testbiotech-Geschäftsführer Christoph Then.

Doch um das Risiko prüfen und eine unerlaubte Vermarktung innerhalb der EU verhindern zu können, brauche es ein internationales Register gentechnisch veränderter Organismen (GVO). Dort müssten auch alle mit Neuer Gentechnik hergestellten Pflanzen und Tiere eingetragen werden, argumentiert Alexander Hissting, Geschäftsführer des Verbandes Lebensmittel ohne Gentechnik: „Ein passender Rahmen dafür wäre das internationale Abkommen über biologische Vielfalt, in dem bereits eine dafür geeignete Datenbank existiert.“

Bundesregierung steckt 100 Millionen Euro in neue gentechnische Verfahren

Landwirtschafts- und Forschungsministerium haben in den letzten Jahren die Entwicklung neuer gentechnischer Verfahren mit über 100 Millionen Euro gefördert. Das zeigt die Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen im Deutschen Bundestag. Demnach haben das Landwirtschaftsministerium 12 Millionen Euro und das Forschungsministerium 33 Millionen Euro ausgegeben. Hinzu kommen noch 71 Millionen Euro Unterstützung für ein universitäres Forschungsprogramm zur Pflanzenzüchtung, wie die Organsiation Testbiotech mitteilte.

Die geförderten Projekte befassen sich mit der Manipulation von Getreide,Raps, Kartoffeln, Tomaten, Äpfeln und anderen Pflanzen sowie mit Nutztieren. So fließt eine Million Euro in Forschungen zur Beeinflussung der „Halmlänge des Weizens durch gezielte, genspezifische Mutagenese“. Auch für die „Verbesserung der Salztoleranz in Tomaten“ stehen eine Million Euro zur Verfügung. Gefördert wird auch dir zucht von Hühnern, die nur noch Eier mit weiblichen Küken legen oder die „funktionelle Ausschaltung des Y- Chromosoms durch Gene Editing“ bei Schweinen als Alternative zur Kastration von Ferkeln.

Das Forschungsministerium förderte in den letzten sieben Jahren mit insgesamt 30 Millionen Euro einen Cluster of Excellence on Plant Sciences (CEPLAS), der mehrere Universitäten und Forschungseinrichtungen in Nordrhein-Westfalen umfasst. Themen von CEPLAS sind neben anderen die „molekulare Züchtung von Pflanzen“ und die „Entwicklung synthetischer Pflanzen“. Auch die „Entwicklung von ‚Baukästen’ (tool boxes), um Pflanzeneigenschaften anhand molekularer Verfahren zu verbessern, ist auf der Webseite des Clusters unter Anwendungsperspektiven aufgelistet. Laut Unterlagen, die Testbiotech vorliegen, rechnet CEPLAS bis 2025 mit einem Fördervolumen von weiteren 41 Millionen.

Zur Risikoforschung schreibt die Bundesregierung lediglich, dass bundeseigene Forschungseinrichtungen wie das Friederich-Löffler-Institut bei ihren Projekten „grundsätzlich auch Risiko- und Sicherheitsaspekte mit betrachten“. Das BMBF förderte keine Projekte zur Risiko- und Sicherheitsforschung. „Um den Einsatz von Risikotechnologien wie der Gentechnik steuern zu können, sind wir auf eine breit angelegte Forschung aus der Perspektive des Umwelt-, Natur- und Verbraucherschutzes angewiesen“ sagte Christoph Then, Geschäftsführer von Testbiotech. Für ihn zeigt die Förderpolitik der Bundesregierung ein grundlegendes Problem auf: Viele dieser Projekte seien gesellschaftlich nicht ausreichend legitimiert. „Angesichts der breiten Ablehnung der Bevölkerung gegenüber dem Einsatz der Gentechnik müssten bei der Vergabe der Forschungsprojekte auch zivilgesellschaftliche Akteure eingebunden werden, die beispielsweise für den Schutz von Mensch, Tier, Umwelt und Natur eintreten“, forderte Then.

Der Bio-Dachverband BÖLW sprach von einer „einseitigen Forschungsförderung“ und erinnerte daran, dass bereits 2012 bis 2015 über 100 Millionen Euro aus Steuermitteln in Projekte zur Entwicklung gentechnisch veränderter Pflanzen oder Tiere flossen. „Statt weiter Ressourcen mit der Förderung einer Technologie zu verpulvern, die für eine zukunftsfähige Landwirtschaft nichts bringt und dem klaren Willen von Markt und Gesellschaft zuwiderläuft, müssen Forschungs- und Landwirtschaftsministerium jetzt die Versäumnisse der vergangenen Jahrzehnte aufholen und insbesondere im Bereich der Züchtungsforschung Schwerpunkte im ökologischen Bereich setzen“, forderte der BÖLW.

 

Urteil: EFSA muss Glyphosatstudien offenlegen

Die EU-Lebensmittelbehörde EFSA muss Studien der Industrie über den Unkrautvernichter Glyphosat herausgeben. Die Informationen über die Wirkungen des Herbizids seien wichtiger als der Schutz von Geschäftsinteressen, entschied das Gericht der Europäischen Union.

Geklagt hatten dort vier grüne Europaparlamentarier. Sie hatten bei der EFSA Zugang zu zwölf Studien der Glyphosathersteller Monsanto und Cheminova verlangt, die sich mit dem Krebsrisiko des Wirkstoffs befassten. Konkret wollten sie die Teile der Studien sehen, die sich auf „Material, Versuchsbedingungen und Methoden“ sowie „Ergebnisse und Analyse“ bezogen. Begründet hatten sie ihre Forderung mit der Århus-Verordnung der EU. Sie gewährt Unionsbürgern Zugang zu Umweltinformationen, die „Emissionen in die Umwelt“ betreffen. Die Behörde hatte die Herausgabe der Studien verweigert und dies damit begründet, dass eine Veröffentlichung die Geschäfts- und Finanzinteressen der Hersteller gefährden würden. Außerdem liege kein überwiegendes öffentliches Interesse vor und die angefragten Studienteile seien auch keine Emissionen im Sinne der Århus-Verordnung. Gegen diese EFSA-Entscheidung hatten die vier Parlamentarier geklagt – und in vollem Umfang Recht bekommen.

Die Richter werteten das Ausbringen zugelassener Pestizide als Emission im Sinne der Århus-Verordnung. Sie stellten darüber hinaus klar, dass mit Emissionen nicht nur Informationen darüber gemeint seien, was in die Umwelt freigesetzt werde. Das Interesse der Öffentlichkeit bestehe gerade darin, „zu verstehen, in welcher Weise die Umwelt durch die fraglichen Emissionen beeinträchtigt werden kann“, schrieben die Richter. Deshalb müsse die Öffentlichkeit Zugang zu Informationen über die mehr oder weniger langfristigen Folgen dieser Emissionen haben. Dieses öffentliche Interesse wiege schwerer als der Schutz der geschäftlichen Interessen einer Firma. Mit einer direkten Veröffentlichung der Studien ist allerdings noch nicht zu rechnen. Gegen das Urteil kann die EFSA innerhalb von zwei Monaten Widerspruch beim Europäischen Gerichtshof einlegen.

„Es ist amtlich: die sagenumwobenen geheimen Studien, die die angebliche Unbedenklichkeit des Pflanzenvernichters Glyphosat nachweisen, hätten nicht geheim bleiben dürfen“, kommentierte der grüne Europaabgeordnete Martin Häusling. „Das Urteil ermöglicht es unabhängigen Wissenschaftlern, die Giftigkeit von Glyphosat anhand von öffentlich zugänglichen Studien neu zu beurteilen“, sagte seine Kollegin Maria Heubuch. „Wieder einmal stellt ein Europäisches Gericht klar: Gemeinwohlinteressen haben in der europäischen Gesetzgebung Vorrang vor wirtschaftlichen Interessen“, freute sich Florian Schöne, Geschäftsführer des Umweltdachverbands Deutscher Naturschutzring. Die Bundesregierung sei nun gefordert, den Glyphosat-Ausstieg auf nationaler und europäischer Ebene auf den Weg zu bringen. „Das Gefeilsche um möglichst minimale Anwendungseinschränkungen und Zulassungsverlängerungen Glyphosat-haltiger Herbizide für die Landwirtschaft muss ein Ende haben“, sagte Schöne.

Die UNO warnt vor den Risiken der synthetischen Biologie

Die synthetische Biologie, also das Herstellen neuer Organismen mit Hilfe von Genome Editing Verfahren, zählt für das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) zu den fünf am meisten unterschätzten Umweltrisiken. Deshalb fordert die UNEP rechtliche und ethische Rahmenbedingungen für die synthetische Biologie und die strikte Anwendung des Vorsorgeprinzips. Die anderen vier unterschätzten Umweltgefahren, die der Bericht behandelt sind: die Zerschneidung von Lebensräumen, das Auftauen des Permafrostbodens, der weltweite Stickstoffüberschuss sowie Klimaschutzmaßnahmen, die nach hinten losgehen.

Die synthetische Biologie habe sich bisher auf geschlossene Systeme beschränkt, heißt es in dem UNEP-Bericht. Als Beispiele nennt er Bakterien und Hefen, die so verändert wurden, dass sie in Fermentern Biotreibstoff, chemische Rohstoffe oder Arzneimittel produzieren. Doch nun würden zunehmend Freisetzungen in die Umwelt geplant. Dabei bezieht sich der Bericht auf gentechnisch veränderte Mücken, die das Projekt Target Malaria im westafrikanischen Burkina Faso freisetzen will. Sie sollen durch einen eingebauten Gene Drive ihre Eigenschaften dominant vererben und so die vorhandene, Malaria übertragende Mückenpopulation ausrotten. Ähnliche Überlegungen gibt es laut UNEP, um auf pazifischen Inseln invasive Nagetiere auszurotten und so die dort heimischen Vogelpopulationen zu schützen. Der Versuch, die amerikanische Kastanie durch Freisetzung pilzresistenter Exemplare vor der Auslöschung durch den Kastanienrindenkrebs zu bewahren, dient im Bericht als Beispiel von Genome Editing im Dienste der Biodiversität.

Diesen gut gemeinten Anwendungen stellt UNEP die damit verbundenen Risiken gegenüber. Die Fähigkeit, künstliches Leben zu kreieren und bestehendes Erbgut zu ändern, berge die Gefahr von Kreuzkontaminationen und unbeabsichtigen Nebenwirkungen, heißt es im Bericht. Die absichtliche oder versehentliche Freisetzung gentechnisch veränderter Organismen in die Umwelt könnte negative Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt haben und zu irreversiblen Schäden führen. Deshalb verweist der Bericht auf das Vorsorgeprinzip und verlangt dessen Anwendung bei der Entwicklung und im Umgang mit Produkten der synthetischen Biologie. Explizit erwähnt der Text eine strenge Risikoabschätzung und die Einbeziehung der verschiedenen Betroffenen. In diesem Zusammenhang verweist UNEP darauf, dass Produkte der synthetischen Biologie lebende gentechnische Organismen im Sinne der der UN-Biodiversitätskonvention (CBD) und des rechtlich bindenden Protokolls von Cartagena seien. Das Fazit des Berichts: Den „Code des Lebens zu hacken“ habe derart große Auswirkungen, dass die Regierungen dringendst zusammenarbeiten müssten, um eine sichere Forschung und Entwicklung in diesem Bereich zu gewährleisten. Dazu brauche es rechtliche Rahmenbedingungen, aber auch ethische Richtlinien für die Forschung.

Einen eigenen Kasten widmet der Report den Risiken, die von Garagenlaboren, Biohackern und Do-it-yourself-Gentechbaukästen ausgehen. 2017 habe es weltweit bereits 168 Biohacker-Gruppen gegeben, heißt es in dem Report. Diesen Bereich zu regulieren, sei eine Herausforderung für die Behörden. Die Sorge wachse, dass diese Technologie von Terroristen missbraucht werden könnte, um Ernten zu zerstören und biologische Waffen zu entwickeln.