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Risikobewertung: Die Methoden stammen von der Industrie

Elf von zwölf Methoden, nach denen in der EU das Risiko von chemischen Substanzen oder gentechnisch veränderten Pflanzen abgeschätzt wird, wurden von der Industrie entwickelt oder zumindest unterstützt. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie des Pestizid Aktionsnetzwerks (PAN) Europa. Schon bisher gab es Kritik an einzelnen dieser Methoden und einzelne Beschreibungen der Verquickung von Industrielobbyisten und Behörden. Neu an dieser Studie ist die Bandbreite, in der sie diese Verquickung und ihre Auswirkungen aufzeigt.

Für die Studie hatte PAN zwölf Methoden oder Konzepte ausgesucht, die häufig in Risikoabschätzungen der EU-Lebensmittelbehörde EFSA oder von Gremien der Weltgesundheitsorganisation WHO erwähnt werden – meist um zu erklären, warum eine bestimmte Substanz keine Gefahr für den Mensch oder die Umwelt darstellt. In der Studie zeichnet PAN für jede der zwölf Methoden die Entstehungsgeschichte nach, beschreibt ihre aktuelle Anwendung und die Auswirkung auf Umwelt und Gesundheit. Zu diesen Methoden zählen etwa der Test auf Bienengefährlichkeit bei Pestiziden oder Erklärungen, warum bedenkliche Ergebnisse aus Tierversuchen nicht auf den Menschen übertragbar sind.

Die meisten dieser Methoden wurden von der Industrie selbst entwickelt, oft durch das industriefinanzierte Forschungsinstitut ILSI. In drei Viertel der untersuchten Fälle hätten Industrie-Experten die Gremien von Fachbehörden infiltriert und dort dafür gesorgt, dass die Methoden etabliert würden, schreibt PAN. Die Umweltorganisation wirft der WHO, der EU-Kommission und der EFSA vor, diese Unterwanderung durch die Industrie zu dulden und vorhandene Interessenskonflikte zu ignorieren. Die drei Organisationen sollten alle aktuellen Methoden zur Risikobewertung von unabhängigen Wissenschaftlern überprüfen lassen, fordert PAN. Die Wissenschaft, mit der diese Methoden begründet würden, sei einseitig und manipulativ.

 

 

USA: Neue Gentechnikverfahren außer Kontrolle

In den USA erhalten immer mehr Pflanzen, die mit Hilfe von Genome Editing – Methoden wie Crispr/Cas manipuliert wurden, einen Persilschein. Sie brauchen keine Zulassung als gentechnisch veränderter Organismus (GVO) und dürfen ohne Einschränkungen angebaut werden. Um einen solchen Persilschein zu bekommen, genügt es, wenn der Entwickler der Pflanzen zuständigen Behörde APHIS im US-Landwirtschaftsministerium darlegt, mit welchem Verfahren er welche Änderungen im Erbgut hervorgerufen hat. APHIS entscheidet dann nach Aktenlage binnen Wochen darüber, ob die Pflanze eine Zulassung braucht oder nicht.

59 solcher Anfragen sind inzwischen bei der Behörde eingegangen, die meisten der letzten zwei, drei Jahre betrafen durch Genome Editing veränderte Pflanzen. In den wenigsten Fällen bestand APHIs auf einer Zulassung nach dem US-Gentechnikrecht. Als erste CRISPR-Pflanze mit Freifahrtschein will das Unternehmen Calyxt nun eine Sojalinie auf den Markt bringen, deren Fett mehr Ölsäure enthält. Freigaben gibt es auch für pilzresistenten Mais, besser verdauliche Luzerne, Weizen mit Herbizidresistenz oder langsam wachsendes Gras. In all diesen Fällen sind weder Freilandversuche notwendig, noch Tests zur Verträglichkeit für Mensch oder Tier. „CRISPR-editierte Pflanzen erreichen in Rekordzeit den Markt“, schrieb im Januar die Fachzeitschrift Nature Biotechnology und zitierte den Geschäftsführer eines Unternehmens mit gentechnisch verändertem Leindotter: „Wäre unser Leindotter als gentechnisch verändert eingestuft worden, hätte das Zulassungsverfahren mindestens sechs Jahre gedauert und 30 bis 50 Millionen Dollar gekostet.“ So hätte sein Unternehmen nur zwei Jahre gebraucht, um die Anfrage vorzubereiten und bereits nach zwei Monaten hätte das Ministerium geantwortet.

Was das für Europa bedeutet, beschreibt die Pro-Gentechnik-Plattform Transgen so: In ein, zwei Jahren würden in den USA gen-editierte Sojabohnen, Mais, Weizen und Kartoffeln genau so eingesetzt wie konventionelle Pflanzen. Zufällige Beimischungen in Massenprodukten seien wahrscheinlich. „Die heute üblichen Importkontrollen auf Spuren von nicht in der EU zugelassenen gv-Pflanzen laufen bei genom-editierten Pflanzen ins Leere.“ Wenn Europa – anders als die USA – gen-editierte Pflanzen als Gentechnik einordne und nicht zugelassene Pflanzen außen vor halten wolle, sei die einzige Lösung, „den Agrarhandel mit den USA in bestimmten Sektoren vollständig einzustellen.“

 

 

Bundesamt für Naturschutz: Biologische Vielfalt retten – Glyphosateinsatz beenden

Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) hat empfohlen, die Anwendung glyphosathaltiger Pflanzenschutzmittel in Deutschland so schnell wie möglich zu beenden. Die Behörde begründete dies mit den „gravierenden Risiken“ für die biologische Vielfalt“.

In einem Positionspapier listet das BfN die einschlägigen Studien auf, die diese Risiken belegen. Als Konsequenz daraus fordert das Bundesamt, dass bei der anstehenden erneuten Mittelzulassung glyphosathaltiger Pestizide durch die deutschen Behörden die „indirekten Wirkungen auf die biologische Vielfalt und die Ökosysteme der Agrarlandschaft“ in die Entscheidung einbezogen werden müssten. Der Einsatz dieser Mittel in Schutzgebieten sollte verboten werden. Außerhalb von Schutzgebieten sollten Landwirte die Mittel nur anwenden dürfen, wenn sie „zugleich auch einen Mindestanteil an Fläche mit ökologischer Ausgleichsfunktion ohne entsprechenden Herbizideinsatz aufweisen“. Auch seien ökonomische Steuerungsinstrumente wie eine Pflanzenschutzmittelabgabe oder eine Anpassung einschlägiger Förderprogramme zu prüfen. Vor allem aber müssten alle rechtliche Möglichkeiten ausgeschöpft und gegebenenfalls neue geschaffen werden, um den Einsatz glyphosathaltiger Pestizide schnell zu beenden und bis dahin maximal einzuschränken. Dabei sollten andere Pestizide „mit vergleichbarer Wirkung auf die biologische Vielfalt“ eingeschlossen werden.

In seinem Papier nennt das BfN auch die Bereiche, in denen bundesweit jährlich rund 5.000 Tonnen Glyphosat (in 105 zugelassenen Mitteln) in der Landwirtschaft eingesetzt werden: 60 Prozent davon werden nach der Ernte zur Stoppelbehandlung von Ackerflächen gespritzt, gefolgt von Vorsaatbehandlungen mit 34 Prozent. Die Anwendung im Getreide kurz vor der Ernte (Sikkation) spielt mit sechs Prozent nur eine untergeordnete Rolle. Ebenfalls zu vernachlässigen ist der Einsatz von Glyphosat in Gärten und Grünanlagen. Er liegt laut BfN bei unter 100 Tonnen pro Jahr, also bei knapp zwei Prozent der Gesamtmenge. Anders gesagt: Ein Verbot der Anwendung von Glyphosat in kommunalen Anlagen und zur Sikkation ist zwar wichtig, reicht aber nicht aus, um die Mengen wirkungsvoll zu verringern.

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Gentechnik im Koalitionsvertrag: Es könnte besser werden

Die künftigen Regierungsparteien CDU/CSU und SPD wollen ein Gentechnikanbauverbot „bundesweit einheitlich regeln.“ So steht es im Koalitionsvertrag, der auf Seite 84 einen kurzen Absatz zum Thema Gentechnik enthält. Dort steht auch folgender Satz: „Im Anschluss an die noch ausstehende Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) zu den neuen molekularbiologischen Züchtungstechnologien werden wir auf europäischer oder gegebenenfalls nationaler Ebene Regelungen vornehmen, die das Vorsorgeprinzip und die Wahlfreiheit gewährleisten.“

Alexander Hissting, der Geschäftsführer des Verbandes Lebensmittel ohne Gentechnik (VLOG) sieht darin einen Fortschritt gegenüber der bisherigen Regierungspolitik: „Der Verweis auf das Vorsorgeprinzip und die Wahlfreiheit lässt hoffen, dass sich die Bundesregierung ohne Wenn und Aber dafür einsetzt, dass die mit neuen gentechnischen Verfahren hergestellten Produkte kontrolliert und gekennzeichnet werden“ kommentierte Hissting. Seiner Ansicht nach sei das nur praktikabel, wenn diese Produkte ausnahmslos dem Gentechnikrecht unterstellt würden.

CDU/CSU und SPD einigten sich auch darauf, an der Saatgutreinheit festzuhalten. Die Formulierung dürfte es erschweren, die bisher gültige Nulltoleranz bei Saatgutverunreinigungen aufzuweichen. Patente auf Pflanzen und Tiere lehnen die Koalitionäre ebenso ab, wie das Klonen von Tieren zur Lebensmittelerzeugung.

 

Die bereits in den Sondierungsgesprächen festgelegte Formulierung „Wir werden mit einer systematischen Minderungsstrategie den Einsatz von glyphosathaltigen Pflanzenschutzmitteln deutlich einschränken mit dem Ziel, die Anwendung so schnell wie möglich grundsätzlich zu beenden“, ist geblieben. Allerdings findet sie sich im Koalitionsvertrag nicht mehr im Landwirtschaftsteil, sondern im Umweltkapitel im Absatz Biodiversitätsschutz. Im Landwirtschaftsteil geblieben ist die „Ackerbaustrategie für u. a. umwelt- und naturverträgliche Anwendungen von Pflanzenschutzmitteln“ mit der Vorgabe, dass sie bis zur Mitte der Legislaturperiode vorgelegt werden soll. Das wäre der Herbst 2020. Da Glyphosat vornehmlich im Ackerbau eingesetzt wird, dürfte sich damit auch ein Ausstieg nach hinten verschieben. Hubert Weiger, Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) bezeichnete es als skandalös, „dass der unlauteren und von einer Bevölkerungsmehrheit abgelehnten Wiederzulassung des Pestizids Glyphosat kein verbindliches nationales Ausstiegsdatum entgegengesetzt wird.“ Er forderte einen Glyphosat-Ausstieg innerhalb der nächsten drei Jahre.

 

 

Studie zeigt: Zusatzstoffe in Herbiziden sind giftiger als der Wirkstoff Glyphosat

Glyphosathaltige Pestizide sind giftiger als der isolierte Wirkstoff selbst. Das belegt einmal mehr eine Studie des französischen Wissenschaftlers Gilles-Eric Séralini. Er thematisiert auch den Schwermetallgehalt der verwendeten Pestizide. Für die Studie verglichen Seralini und sein Team reines Glyphosat, drei verschiedene glyphosathaltige Pestizide sowie einen wichtigen Zusatzstoff. Diese Polyoxyethylenamine (POEA) sorgen in den Pestiziden dafür, dass der Wirkstoff Glyphosat ins Innere der Blätter eindringen kann.

In einem ersten Versuch wurden Tomatenstauden mit den verschiedenen Flüssigkeiten eingesprüht. Dabei zeigte Glyphosat pur kaum eine herbizide Wirkung. Das scheint auf den ersten Blick verwunderlich und liegt daran, dass Glyphosat stark wasserlöslich ist. Es bleibt an der Oberfläche des Blattes und tropft ab oder trocknet ein. Um seine Wirkung zu entfalten, muss es mit Tensiden wie POEA vermischt werden, die es durch die Schutzschicht der Blätter ins Innere transportieren. Dem entsprechend zeigten die drei verschiedenen Pestizidformulierungen mit POEA die erwartete herbizide Wirkung. Noch stärker wirkte allerdings das nur als Zusatzstoff gedachte POEA in purer Form.

Auch in Toxizitätsversuchen mit menschlichen Zellen zeigte Glyphosat alleine die geringste Wirkung. Die fertigen Pestizide und der POEA-Zusatz waren deutlich giftiger, wobei die Wirkung laut Studie vor allem auf die Zusatzstoffe zurückging. Bei der Messung der hormonellen Aktivität zeigte sich die gleiche Reihung. Am wenigsten stark reagiert Glyphosat, dann kamen die Pestizide und die stärkste hormonelle Wirkung hatten die Zusatzstoffe.

Damit belegt die Studie, dass zelltoxische und hormonelle Wirkungen glyphosathaltiger Pestizide im wesentlichen auf deren Zusatzstoffe zurückzuführen sind. Relevant ist das für die anstehende Neuzulassung der fertigen Glyphosatpestizide durch die deutschen Behörden.

Eher kein Thema für die Behörden dürfte ein weiteres Ergebnis Séralinis sein: Er wies in den Pestiziden Verunreinigungen mit den Schwermetallen Arsen, Kobalt, Chrom, Nickel und Blei nach. Die Werte betrugen bis zu mehreren Hundert Mikrogramm je Kilogramm. Auch andere Pestizide ohne Glyphosat als Wirkstoff wiesen solche Schwermetallverunreinigungen auf, doch seien die Glyphosat-Herbizide am stärksten belastet gewesen, heißt es in der Studie. Sie liefert allerdings keine brauchbare Abschätzung, wie bedenklich diese Schwermetallkonzentrationen sind, wenn sie stark verdünnt als Pestizid auf den Acker ausgebracht werden. Der Hinweis, dass die gefundenen Konzentrationen etwa bei Arsen weit über den Grenzwerten der Trinkwasserverordnung liegen, hilft da nicht weiter. Aussagekräftiger sind die maximalen Schwermetallgehalte im Biokompost, der tonnenweise auf Äcker ausgebracht wird. Sie liegen für Blei bei 100 Milligramm je Kilogramm, also etwa um den Faktor 1000 höher als die von Séralini gefundene Belastung in Pestiziden.

 

 

Genome Editing: Generalanwalt billigt Ausnahmen vom Gentechnikrecht

Der Generalanwalt am Europäische Gerichtshof (EuGH) hat zu der Frage Stellung genommen, inwieweit neuartige gentechnische Verfahren wie CRISPR/Cas rechtlich als Gentechnik zu werten sind (Az C-528/16). Dies ist seiner Auffassung nach nur der Fall, wenn der Organismus durch die Verfahren so verändert wurde, wie es auf natürliche Weise durch Kreuzen und/oder natürliche Rekombination nicht möglich ist. Im Laufe des Jahres sollen die Richter des EuGH diese Frage endgültig entscheiden. Meist folgen sie in ihrer Argumentation dabei dem Generalanwalt.

Die Freisetzungsrichtlinie 2001/18/EG nimmt Verfahren, mit denen absichtlich Mutationen erzeugt werden, die Mutagenese, vom Gentechnikrecht aus. Der Generalanwalt setzt Genome Editing weitestgehend mit Mutagenese gleich und kommt so zu drei wesentlichen Feststellungen. Er geht davon aus, dass ein durch Mutagenese gewonnener Organismus ein gentechnisch veränderter (GVO) sein kann, wenn er die in der Richtlinie 2001/18/EG niedergelegten materiellen Kriterien erfüllt. Die Richtlinie definiert einen GVO als Organisamus, bei dem genetisches Material so verändert worden ist, wie es auf natürliche Weise durch Kreuzen und/oder natürliche Rekombination nicht möglich ist. In diesem Fall greife die Mutagenese-Ausnahme nicht, schreibt der Generalanwalt: „Solche Organismen bleiben GVO im Sinne der Richtlinie.“

Ausgenommen vom Gentechnikrecht wären dem Generalanwalt zufolge Verfahren die rekombinante Nukleinsäuremoleküle oder GVO verwenden „von Pflanzenzellen von Organismen, die mittels herkömmlicher Züchtungstechniken genetisches Material austauschen können“. Ein Beispiel dafür könnte ein Apfel sein, in dem mittels Gen-Schere das Schorfresistenzgen des Wildapfels eingebaut wurde. Trifft die Ausnahmeregel zu, gilt sie nach Ansicht des Generalanwalts ohne weitere Einschränkung: „Weitere Unterscheidungen dürfen – oder können – rechtlich nicht vorgenommen werden“. Damit wischt der Generalanwalt alle Argumente vom Tisch, die auf die Neuartigkeit und Unsicherheit des Genome Editings verweisen und darauf, dass diese Techniken bei der letzten Änderung des Gentechnikrechts 2001 noch gar nicht absehbar waren.

Er öffnet allerdings auch die Möglichkeit nationaler Regelungen. Mit der Mutagenese-Ausnahme habe der Unionsgesetzgeber deutlich gemacht, dass er diesen Bereich nicht regeln wolle, deshalb könnten „die Mitgliedstaaten, sofern sie ihre übergreifenden unionsrechtlichen Verpflichtungen beachteten, im Hinblick auf durch Mutagenese gewonnene Organismen gesetzgeberisch tätig werden“, heißt es in der Pressemitteilung des Gerichts.

Die Umweltorganisation Global 2000 sprach von einem „Rückschlag für die Umwelt- und Saatgut-Verbände.“ Die viel diskutierte Technik CRISPR/CAS müsse „vollständig getestet und kontrolliert werden, bevor sie ausschließlich eindeutig gekennzeichnet auf das Feld und auf den Markt kommen darf“, sagte Mute Schimpf, Gentechnik-Campaignerin von Friends of the Earth Europe.

Testbiotech schreibt, die Argumentation des Generalanwalts beruhe „zu großen Teilen auf zu generellen und zum Teil veralteten Kategorien, die zu erheblichen Rechtsunsicherheiten führen können.“ Falls der EU-Gerichtshof der Meinung des Generalanwaltes folge, könnten sich in der EU erhebliche Lücken in der Regulierung ergeben. „Die Folge wäre, dass es in vielen Fällen keine Erfassung der Organismen, keine Sicherheitsprüfung und keine geeigneten Nachweisverfahren gäbe“, heißt es in der Stellungnahme von Testbiotech.

Der grüne Europaabgeordnete Martin Häusling sieht „das Argument der Industrie, die neuen Verfahren seien keine Gentechnik, weil bei ihnen kein fremdes Erbgut eingesetzt werde“ durch den Generalanwalt als „klar widerlegt“ an. Es seien allerdings noch weitere wissenschaftliche und rechtliche Klarstellungen nötig, um sicherzustellen, dass wirklich alle neuen Gentechnikverfahren als Gentechnik gelten – und somit einer Risikoprüfung und Kennzeichnungspflicht unterliegen.

Für den Bio-Dachverband BÖLW zeigte der Generalanwalt, dass man neuartige Gentechnikverfahren wie CRISPR/Cas nicht mit klassischer Züchtung gleichsetzen könne. „Der Generalanwalt stellt auch klar, dass für die Bewertung der Prozess bedeutsam ist und nicht die Frage, ob am Ende manipuliertes Erbgut im Produkt nachgewiesen werden kann“, hob der BÖLW hervor.

 

 

Völlig losgelöst: Das Europäische Patentamt erteilt weiterhin Patente auf konventionelle Züchtungen

Das Europäische Patentamt (EPA) erteilt weiterhin Patente auf konventionell gezüchtete Pflanzen – obwohl die Vertragsstaaten 2017 versucht hatten, die entsprechenden Verbote zu verschärfen. Nach einem Bericht des Bündnisses Keine Patente auf Saatgut! hat das EPA im letzten Jahr dennoch rund 25 Patente in diesem Bereich vergeben. Die Patente hätten Pflanzen wie Salat, Zwiebeln, Tomaten, Kartoffeln, Gurken, Trauben, Sonnenblumen, Sorghum und Soja umfasst, schreibt das Bündnis.

Zwar hat das EPA auf den öffentlichen Druck hin im Jahr 2017 neue Regeln für die Auslegung der europäischen Patentrechte beschlossen. Das Bündnis wirft dem EPA vor, diese Regeln so auszulegen, dass alle Pflanzen und Tiere patentierbar sind, bei denen genetische Veranlagungen und zufällige Mutationen identifiziert werden, die für die Züchtung wichtig sind. Als Beispiel dafür nennt der Bericht des Bündnisses die umstrittenen Patente auf Gerste und Bier, die für die Brauereien Carlsberg und Heineken erteilt wurden.

In einem Protestschreiben hat sich das Bündnis zusammen Bauern-Organisationen an die EU-Kommission gewandt. Darin heißt es zum Vorgehen des EPA, die Situation sei „für Landwirte, Züchter und Verbraucher inakzeptabel, da so der Zugang zu genetischer Vielfalt behindert wird, die für weitere Innovationen notwendig ist; die Interessen der Bürger Europas werden komplett missachtet.“ Erstmals hat sich auch der konventionelle europäische Bauernverband COPA / COGECA an dem Protest beteiligt.

Beschwert beim EPA hat sich auch der Konzern Syngenta, weil die Behörde ein beantragtes Patent auf die Züchtung von Mais abgelehnt hat. Das EPA lehnte die Beschwerde aus technischen Gründe ab. Demnach war der Inhalt der Patentansprüche nicht ausreichend klar definiert. Verhandeln muss das EPA noch die Einsprüche gegen die Patente auf Gerste und Bier. „Unabhängig davon, wie die anhängigen Fälle entschieden werden, muss die Politik tätig werden um die großen Konzerne daran zu hindern, die Grundlagen unserer Ernährung noch weiter zu monopolisieren“, warnt Keine Patente auf Saatgut!

 

 

Sondierungsergebnisse: CDU/CSU und SPD wollen aus Glyphosat aussteigen

In ihren Sondierungsgesprächen haben Union und SPD auch die Eckpunkte für den Bereich Landwirtschaft festgelegt. Darunter findet sich der Glyphosatausstieg ebenso wie ein Gentechnik-Anbauverbot und ein Nein zu Patente auf Leben. Zu den neuen gentechnischen Verfahren steht nichts in dem Papier.

CDU/CSU und SPD wollen „mit einer systematischen Minderungsstrategie den Einsatz von glyphosathaltigen Pflanzenschutzmitteln deutlich einschränken“. Das Ziel sei, „die Anwendung so schnell wie möglich grundsätzlich zu beenden“, heißt es im Sondierungspapier der Parteien. Um das Ziel zu erreichen, wollen sie im Rahmen einer Ackerbaustrategie Alternativen entwickeln und „unter anderem umwelt- und naturverträgliche Anwendungen von Pflanzenschutzmitteln regeln.“ Die Strategie soll „gemeinsam mit der Landwirtschaft“ umgesetzt und „adäquat mit Fördermitteln für Maßnahmen zur Umsetzung der Nationalen Biodiversitätsstrategie und insbesondere des Insektenschutzes“ ausgestattet werden. Des weiteren heißt es in den Sondierungsergebnissen: „Patente auf Pflanzen und Tiere lehnen wir ab. Wir halten an der Saatgutreinheit fest. Ein Gentechnikanbau-Verbot werden wir bundesweit einheitlich regeln.“ An weiteren konkreten Vorhaben im Bereich Landwirtschaft nennt das Papier ein staatliches Tierwohllabel und eine Nutztierstrategie. Die Rede ist auch vom „gesellschaftlich geforderte Wandel in der Landwirtschaft und die veränderten Erwartungen der Verbraucher“. Doch außer dem Grundsatz, dass „besonders Tier-, Natur- und Klimaschutz sowie die Wahrung sozialer Standards im öffentlichen Interesse auch öffentlich zu fördern“ seien, findet sich wenig Konkretes.

Die Reaktionen auf das Sondierungsergebnis, die das Portal top-agrar.com zusammenfasste, waren verhalten. „Die vorliegenden Sondierungsergebnisse werfen mehr Fragen auf, als dass sie Antworten liefern“ zitierte top-agrar den grünen Bundestagsabgeordneten Friedrich Ostendorff. So bleibe ungeklärt, woher die Gelder für den skizzierten Mehraufwand der Bauern bei der Tierhaltung kommen sollen. „Das „Weiter-so“ in einer bauernverbandstreuen, CSU-geführten und ewig gestrigen Agrarpolitik zeichnet sich ab – zum Wohle der Agrarindustrie, zum Leidwesen von Menschen, Umwelt und Tieren“, lautet Ostendorffs Fazit.

Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) kritisierte, dass die Parteien sich offenbar nicht zu einer vielfältigen, bäuerlichen Landwirtschaft und Agrarstruktur bekennen wollte. Sie verwies auf die in den Papieren genannte Summe von 1,5 Milliarden Euro, die zusätzlich in den nächsten vier Jahren in ländliche Räume fließen soll. Damit sei der Umbau in der Tierhaltung nicht zu stemmen sagte der AbL-Vorsitzende Martin Schulz und forderte die Union auf, die in den Jamaika-Sondierungen bereits gemachte Zusage von von einer Milliarde Euro pro Jahr beizubehalten.

Als einen „mutlosen Auftakt“ bewertete der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) das Ergebnis der Sondierungsgespräche. Sie seien in Sachen Umweltpolitik „zu schwach und zu unkonkret.“ Der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger appellierte an die Sozialdemokraten, bei ihrem Parteitag die Beschlüsse unter anderem zum Unkrautvernichter Glyphosat sowie zur Tierhaltung „wesentlich nachzubessern.“

 

Konzerne sollen bei Risikostudien gezielt weniger Herbizide eingesetzt haben

Die Organisation Testbiotech wirft den Konzernen Dow und Bayer vor, Daten für die Risikoprüfung von gentechnisch veränderten Sojasorten manipuliert zu haben. Dabei bezieht sich Testbiotech auf Studien, die von den Firmen im Rahmen der EU-Zulassungsprüfung vorgelegt wurden. Demnach hätte Dow bei Fütterungsversuchen mit Ratten eine spezielle Probe der Gentechnik-Soja verwendet, die mit wesentlich weniger Spitzmittel behandelt wurde, als es in der Praxis der Fall sei. Die Firma Bayer habe beim Versuchsanbau ihrer Soja nur einen Bruchteil der tatsächlich üblichen Spitzmittelmengen eingesetzt.

Die gentechnisch veränderten Soja-Pflanzen von Bayer und Dow sind jeweils mit Resistenzen gegen drei verschiedene Herbizide ausgestattet, darunter auch Glyphosat. Laut Testbiotech schreiben die Prüfvorschriften der EU vor, dass die Pflanzen für die Risikoprüfung mit den entsprechenden Herbiziden behandelt werden müssen. „Werden bei Versuchen wesentlich weniger Herbizide eingesetzt, als dies in der Praxis üblich ist, beeinflusst dies nicht nur die Menge der jeweiligen Rückstände“, argumentiert Testbiotech. In Abhängigkeit von der Menge der Spritzmittel könnten sich auch die Inhaltsstoffe der Pflanzen verändern und so beispielsweise Allergien oder die Wirkung pflanzlicher Östrogene verstärkt werden. „Die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA hätte diese Daten nicht akzeptieren dürfen“, sagt deshalb Testbiotech-Geschäftsführer Christoph Then und verlangt einen Stopp der EU-Zulassung der beiden Gentechnik-Sojabohnen. Nachdem die EU-Mitgliedsstaaten sich nicht einigen konnten, entscheidet in den nächsten Wochen die EU-Kommission über die Zulassung.

Im Oktober 2017 hatte das Europa-Parlament eine Zulassung der zwei Sorten dreifach-resistenter Gentech-Sojabohnen abgelehnt. Allerdings ist die Kommission an dieses Votum nicht gebunden.

Aktualisierung: Am 10. Januar teilte Testbiotech mit, dass die EU-Kommission über Weihnachten für die beiden umstrittenen Soja-Linien (und vier weitere) den Import in die EU und die Verwendung als Futter- und Lebensmittel zugelassen habe.

 

Mexikanische Maissorten sind gentechnisch verunreinigt

Mexiko ist die Heimat der Maispflanze mit einem großen Reservoir an alten Landrassen. Doch diese Landrassen sind oft schon gentechnisch verunreinigt. Das belegte einmal mehr eine Studie des norwegischen Zentrums für Biosicherheit, Genok. Sie zeigte auch, dass das Risiko einer Verunreinigung stark von den sozialen Bedingungen vor Ort und den Saatgut-Managementsystemen der lokalen Gemeinschaften abhängt.

Der kommerzielle Anbau von genmanipuliertem Mais ist in Mexiko verboten. Trotzdem finden seit 15 Jahren immer wieder gentechnische Verunreinigungen in mexikanischen Maissorten. Auch Sarah Agapito-Tenfen und ihr Team von Genok konnten solche Verunreinigungen nachweisen. Doch ihr Forschungsansatz hatte ein anders Ziel. Sie verglichen zwei indigene Gemeinden, deren Mitglieder Mais als Grundnahrungsmittel anbauen. Verunreinigungen gab es nur in einer der beiden Gemeinschaften. Dort bauten die Bauern zwar überwiegend alten Landrassen an, aber auch Hybridsorten, deren Saatgut sie auf dem Markt der nahegelegenen Stadt besorgten. Die Verunreinigungen, die sich in einem Fünftel der dort eingesammelten Saatgutproben fand, ließ sich auf solche Zukäufe zurückführen. Der Anbau selbst war individuell organisiert.

Die zweite Gemeinde lag sehr abgelegen, organisierte den gesamten Anbau gemeinschaftlich und verwendete nur alte Landrassen. Externes Saatgut wurde nicht eingekauft. Dort fanden sich keine Verunreinigungen. Die Genok-Wissenschaftler schlossen daraus, dass die Anwesenheit gentechnischer Verunreinigungen und deren Verbreitung wesentlich von den sozial-ökonomischen Faktoren innerhalb einer Gemeinde abhängt. Diese könnten deshalb auch als Möglichkeit genutzt werden, um das Risiko gentechnischer Verunreinigungen zu verringern.