Archiv der Kategorie: Allgemein

Neue Studien zeigen einmal mehr: Glyphosat-Pestizide schädigen Ungeborene

Frauen in den durch Pestizide stark belasteten Agrargebieten Argentiniens erleiden dreimal häufiger eine Fehlgeburt, als dies im nationalen Durchschnitt der Fall wäre. Kommen die Kinder zur Welt, leiden sie doppelt so oft an Missbildungen. Das ergab eine Feldstudie der Universitätsklinik im argentinischen Cordoba. Deren Wissenschaftler hatten in einer Kleinstadt mit 8.000 Einwohner inmitten einer Agrargregion die Rate an Fehlgeburten und Missbildungen erhoben. Parallel dazu ermittelten die Wissenschaftler, dass in der Umgebung der Stadt auf 80.000 Hektar Land insgesamt 975 Tonnen Pestizide pro Jahr verprüht wurden, davon 650 Tonnen Glyphosat. Bei Messungen an mehreren Stellen in der Stadt wurden stark erhöhte Wert von Glyphosat im Boden festgestellt. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass ihre Studie trotz methodologischer Schwächen einen klaren Zusammenhang zwischen der Pestizidbelastung und den Auswirkungen auf die Schwangerschaft zeige.

Einen solchen Zusammenhang zeigt auch eine Studie der Universität im argentinischen Santa Fe – allerdings erst in der zweiten Generation. Maria Milesi und ihr Team hatten schwangeren Ratten ein in Argentinien übliches glyphosathaltiges Pestizid ins Futter gemischt. Die Konzentration lag im Bereich dessen, was bei Glyphosatrückständen in den US noch als sicher für den Menschen angesehen wird, schrieb das Portal GMWatch in seiner Besprechung der Studie. Die so ernährten Embryonen zeigten bei der Geburt keine Auffälligkeiten und wurden noch bis zum Ende der Säugezeit dem Pestizid ausgesetzt. Die Wissenschaftler paarten die weiblichen Ratten aus diesen Würfen und analysierten am 19. Tag nach der Begattung die Embryos der zweite Generation. Dabei zeigten sich die Tiere unverändert fruchtbar, allerdings war der Nachwuchs deutlich schwächer, was Größe und Gewicht der Embryos betraf. Überraschenderweise, wie die Forscher selber schreiben, stellten sie auch Anomalien fest wie zusammengewachsene Föten und Fehlentwicklungen der Gliedmaßen.

Bemerkenswert bei beiden Studien ist, dass sie nicht den reinen Wirkstoff Glyphosat betrachten, sondern die in der Praxis relevanten fertigen Pestizidmischungen mit ihren oft unbekannten Zusatzstoffen. Bei der Neuzulassung glyphosathaltiger Pestizide, an der derzeit das Bundeamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit arbeitet, sollten solche Ergebnisse also mit berücksichtigt werden.

 

 

EuGH-Urteil: CRISPR/Cas ist Gentechnik – ohne Ausnahme

Der Einsatz neuer gentechnischer Verfahren wie CRISPR/Cas fällt ohne Ausnahme unter das EU-Gentechnikrecht. Das hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) entschieden und damit der Argumentation von Bio- und Umweltverbänden Recht gegeben. Begründet haben die Richter ihre Entscheidung mit dem Vorsorgeprinzip.

Zu entscheiden hatten die Richter die Frage, ob Pflanzen und Tiere, deren Erbgut mit Hilfe von Gentechnik-Scheren wie CRISPR/Cas verändert wurde, als gentechnisch veränderte Organismen (GVO) im Sinne des EU-Gentechnikrechts gelten. Und zwar dann, wenn dabei kein fremdes Erbgut eingefügt sondern nur die vorhandene DNA verändert wird. Mutagenese ist der Fachbegriff dafür und der EuGH hat entschieden: „Durch Mutagenese gewonnene Organismen sind genetisch veränderte Organismen (GVO) und unterliegen grundsätzlich den in der GVO-Richtlinie vorgesehenen Verpflichtungen“. Ausgenommen davon seien nur Mutagenese-Verfahren „die herkömmlich bei einer Reihe von Anwendungen verwendet wurden und seit langem als sicher gelten.“ Gemeint ist damit die in der herkömmlichen Züchtung angewandte Methode, durch Bestrahlung oder Chemikalien zufällige Mutationen im Saatgut hervorzurufen und mit dabei zufällig entstandenen positiven Eigenschaften weiter zu züchten.

Im Hinblick auf Mutagenes durch neue Verfahren wie CRISPR/Cas argumentierten die Richter so: Die mit dem Einsatz dieser Verfahren verbundenen Risiken könnten sich als ebenso groß erweisen wie die mit der klassischen Gentechnik verbundenen Risiken. Durch die neuen Verfahren würden genetisch veränderter Sorten „in einem ungleich größeren Tempo und Ausmaß“ erzeugt als durch die Züchtung mit den altbekannten Mutagenese-Verfahren. Würde man die neuen Mutagenese-Verfahren aus dem Anwendungsbereich des EU-Gentechnikrechts ausklammern, könnten mögliche schädliche Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt nicht verhindert werden. Dies jedoch laufe dem Vorsorgeprinzip zuwider. Folglich muss die GVO-Richtlinie bei neuen gentechnischen Verfahren angewandt werden.

Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) zeigte sich erleichtert und lobte den EuGH dafür, dass er das Vorsorgeprinzip gestärkt und es klar vor die Profitinteressen der Gentechnik-Konzern gestellt habe. Hubert Weiger, Vorsitzender des Umweltverbandes BUND, sagte: „Das Gericht hat klargestellt, dass künstlich erzeugte Organismen nicht ungeprüft als großes Freilandexperiment in die Umwelt gelangen und den Verbrauchern untergejubelt werden dürfen.“ Der Verband Lebensmittel ohne Gentechnik (VLOG) sprach von einem wegweisenden und klugen Urteil, das Umwelt und Verbraucher zu Gewinnern mache. Der Bio-Dachverband BÖLW sieht jetzt die Bundesregeirung am Zug. Sie müsse „gewährleisten, dass die gesetzlich vorgeschriebene Regulierung und Kennzeichnung für die neuen Gentechniken vollumfänglich umgesetzt werden.“ Bundesministerin Julia Klöckner müsse in Berlin und in Brüssel darauf dringen, dass die Unternehmen verpflichtet werden, für Verfahren wie CRISPR/Cas Referenzmaterial und Nachweisverfahren zu liefern.

Das Urteil des EuGH

CRISPR/Cas bringt das Erbgut durcheinander

Die Gentechnik-Schere CRISPR/Cas verursacht beim Schneiden mehr Schäden im Erbgut als bislang bekannt. Das zeigt eine Studie britischer Wissenschaftler, die in der Zeitschrift Nature Biotechnology veröffentlicht wurde.

Die Forscher des Sanger Institute stießen zuerst zufällig auf die Veränderungen und untersuchten daraufhin systematisch das Erbgut verschiedener Zelllinien von Mäusen und Menschen, nachdem mit CRISPR/Cas einzelne Gen-Sequenzen aus dem Erbgut entfernt worden waren. Dabei zeigte sich, dass der Eingriff in bis zu 20 Prozent der Fälle zu unerwarteten Defekten im Erbgut geführt hatte. Mal gingen größere Stücke DNA verloren, andere Erbgutschnipsel wurden umgedreht oder an einer falschen Stelle eingebaut.

Dies sei die erste systematische Suche nach unerwarteten Nebeneffekten von CRISPR/Cas in therapeutisch relevanten Zellllinien gewesen, sagte Professor Allan Bradley, einer der Autoren der Studie. Er riet dazu, beim Einsatz der Gentechnik-Schere in der Gentherapie beim Menschen vorsichtig vorzugehen und sehr sorgfältig nach möglichen schädlichen Effekten zu suchen. Bereits vor einigen Wochen hatte ein schwedisches Forscherteam gemeldet, dass CRISPR/Cas indirekt die Entstehung von Krebs fördern könnte. Die Wissenschaftler waren darauf gestoßen, dass CRISPR/Cas besonders gut in Zellen funktioniert, denen ein bestimmtes Protein für die DNA-Reparatur fehlt. Gerade solche Zellen neigen aber dazu dazu, unkontrolliert zu wachsen und sich zu Tumorzellen zu entwickeln. „Transplantieren wir solche Zellen einem Patienten, könnten wir demnach versehentlich die Entstehung von Krebs fördern“, zitierte das Wissenschaftsmagazin Scinexx einen der Studienautoren.

Beide Studien beschäftigten sich mit dem Einsatz gentechnisch veränderter Zellen zu therapeutischen Zwecken bei Menschen. Doch die Ergebnisse könnten auch für die Anwendung von CRISPR/Cas und anderen Gentechnik-Scheren bei Tieren und Pflanzen relevant sein. Das Portal GMWatch zitierte den Londoner Molekularbiologe Michael Antoniou. Er argumentierte, dass für die beobachteten Effekte der Reparaturmechanismus der Zelle verantwortlich sei. Es helfe deshalb nichts, CRISPR noch zielgenauer oder effektiver zu machen, die Effekte blieben die gleichen. Dem widersprach in der Süddeutschen Zeitung ein bekannter Gentechniker mit dem Argument, dass große DNA-Abschnitte nur verloren gehen könnten, „wenn die Crispr-Technologie zum Schneiden der DNA eingesetzt werde. Zahlreiche Anwendungen zielten jedoch darauf ab, lediglich einzelne Bausteine in Genen zu verändern oder Gene stumm zu schalten.“ Doch auch dabei wurden immer wieder unerwünschte Nebeneffekte nachgewiesen, wie die Organisation Testbiotech bereits 2017 in einem Bericht zusammenstellte.

Aktion FOODprint: Hunderttausend stehen auf Essen ohne Gentechnik

Zehn Monate lang hat der Naturkosthersteller Rapunzel, unterstützt von 30 Unternehmen und Verbänden aus der Bio-Branche, Bekenntnisse gegen Gentechnik auf dem Acker und dem Teller gesammelt. Bekräftigt haben die Menschen ihren Wunsch durch Fuß- und Handabdruck oder eine Unterschrift. Jetzt übergaben Vertreter der Bio-Bewegung die bunt bedruckten Stoffbahnen und Unterschriftenlisten der Initiative FOODprint an Bundesumweltministerin Svenja Schulze. 108.000 Menschen haben sich beteiligt.

Bei der Übergabe der Stoffbahnen und Unterschriften betonte Elke Röder, Mitglied im Vorstand des Bio-Dachverbandes BÖLW, dass Gentechnik-Pflanzen oder –Tiere aus der Natur kaum noch rückholbar seien. Deshalb sei es entscheidend, „dass die Bundesregierung auch bei den neuen Gentechniken wie ‚Crispr-Cas‘ oder ‚zielgerichteter Mutagenese‘ das Vorsorgeprinzip durchsetzt.“ Dazu habe sich die Bundesregierung im Koalitionsvertrag verpflichtet. Röder stellte auch klar, was Vorsorge aus Sicht der Bio-Branche in diesem Fall bedeutet: „Vor der Markteinführung muss Gentechnik auch in Zukunft risikobewertet werden, es muss Nachweisverfahren für die neuen Konstrukte, ein Monitoring, Rückverfolgbarkeit und Haftungsregeln für den Schadensfall geben. Und damit die Kunden weiter frei wählen können, was sie anbauen oder essen, muss eine Kennzeichnung für Transparenz auf dem Etikett sorgen.“

Gestartet wurde FOODprint im September 2017 auf dem Eine-Welt-Festival von Rapunzel. Auf den Biofachmessen sammelte der Hersteller weitere Fuß- und Handabdrücke, während die Unterschriftenlisten im Biofachhandel auslagen. Verbunden mit der Aktion war ein Positionspapier mit mehreren Forderungen: Neue Gentechnik-Verfahren sollen „genauso wie klassische Gentechnik gesetzlich geregelt werden. Mit Risikoprüfung, Zulassungsverfahren, Rückverfolgbarkeit und Kennzeichnung.“ Zudem soll das Verursacherprinzip konsequent angewandt werden, indem Nutzer und Anwender gentechnischer Verfahren „sämtliche Mehrkosten, z.B. Trennung der Warenströme und Analysen, die durch die Gentechnik-Anwendungen entstehen, tragen.“ Für die unabhängige Risikoforschung und die ökologische Saatgutzüchtung forderte FOODprint eine öffentliche Förderung.

Auch nach der Übergabe können die Forderungen noch durch eine Unterschrift verstärkt werden.

 

 

Deutsche Behörden ändern ihre Haltung: Genome Editing jetzt doch nachweisbar

Jahrelang haben deutsche Behördenvertreter den Politikern erzählt, Genome Editing sei nicht nachweisbar. Zuletzt im März 2018. Jetzt schreiben sie plötzlich das Gegenteil und präsentieren ein neues Argument, warum Genome Editing, also neue gentechnische Verfahren wie CRISPR/Cas, nicht als Gentechnik eingestuft werden sollte: Das würde den Welthandel stören.

Im Juni 2018 erschien in der Zeitschrift Frontiers in Bioengeneering und Biotechnology ein Bericht vom 14. Symposium über die Biosicherheit gentechnisch veränderter Organismen (GVO). Diese zweijährliche Veranstaltung wird von der industrie-finanzierten International Society for Biosafety Research (ISBR) organisiert und von Monsanto und dem weltweiten Pestizidherstellerverband Crop Life gesponsert. Verfasst hatten den Beitrag im wesentlichen drei Mitarbeiter des Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) und des bundeseigenen Julius-Kühn-Instituts (JKI), die aktiv an der Gestaltung der Tagung beteiligt waren. Sie schreiben darin, dass die meisten Eingriffe mit Genome Editing eine klare Signatur im Erbgut hinterlassen. Werde diese Signatur durch den Entwickler offengelegt, könne mit der gleiche Technologie wie bei herkömmlicher Gentechnik die Veränderung nachgewiesen und das Produkt überwacht werden. „Zusammengefasst: Die Nachweisbarkeit von genomeditierten Produkten, die auf den Markt kommen, unterscheidet sich nicht wesentlich von denen anderer gentechnisch veränderter Organismen“, heißt es in dem Bericht, auf den die Organisation Testbiotech aufmerksam gemacht hatte.

Noch im März 2018 hatten die Fachbehörden des Bundeslandwirtschaftsministeriums einen Bericht zu den neuen gentechnischen Verfahren vorgelegt, an dem die drei Mitarbeiter von BVL und JKI maßgeblich beteiligt waren. Anders als in dem oben genannten Bericht schreiben die Behördenexperten hier, dass das Genome Editing generell keine spezifischen Spuren im Genom hinterlasse, die Rückschlüsse auf die verwendete Technik zuließen. Deshalb kamen sie zu dem Ergebnis: „Ob nachgewiesene genetische Veränderungen durch Techniken des Genome Editing oder andere Techniken erzeugt wurden, ist nicht zweifelsfrei zu klären.“

In beiden Berichten plädieren die Behördenexpertene – ebenso wie die Gentechnikkonzerne – dafür, die neuen Verfahren zur Veränderung des Erbgutes nicht als Gentechnik einzuordnen, wenn keine zusätzlichen Gene eingefügt werden. In ihrem neuen Aufsatz begründen sie dies mit möglichen Handelshindernissen. Sich widersprechende Regulierungen von Produkten, die mit Genome Editing hergestellt wurden, würden den Welthandel stören und Regelungen der Welthandelsorganisation WTO widerspechen. Unerwähnt bleibt, dass die USA und die EU seit über zwanzig Jahren herkömmliche GVO sehr unterschiedlich regulieren – weil die EU, im Gegensatz etwa zu den USA, auf das Vorsorgeprinzip setzt.

Glyphosat und Krebs: Bayer kommt vor Gericht

Die Sammelklage von 450 Krebspatienten, die den Hersteller Monsanto und dessen glyphosathaltiges Pestizid Roundup für ihre Erkrankung verantwortlich machen, hat eine entscheidende Hürde genommen. Ein Bundesrichter in San Francisco erklärte die von den Klägern vorgelegten Belege für ausreichend substantiell, um die Verhandlung fortzuführen. Der von Bayer übernommene Hersteller Monsanto scheiterte mit seinem Antrag, das Verfahren einzustellen.

Zwei Jahren lang hatte sich Richter Vince Chhabria sich die Argumente der Kläger und Monsantos sowie der jeweiligen Experten angehört. Er zwang den Konzern dazu, interne Mails zu veröffentlichen, die als Monsanto Papers bekannt wurden und belegten, wie der Konzern Behörden und Wissenschaftler beeinflusste. Nun kam Richter Chhabria in seinem abschließenden Bericht zu dem Ergebnis, dass die Klagen zulässig seien. Die Beweise dafür, das Glyphosat Lymphdrüsenkrebs (Non-Hodgkin-Lymphom) auslöse, seien zwar schwach, aber wissenschaftlich seriös begründet. Eine Jury könnte auf dieser Basis zu dem Ergebnis kommen, dass Glyphosat in umweltrelevanten Konzentrationen Krebs auslösen könne. Auf die Klägerseite komme als nächstes die Herausforderung zu, in einigen der anhängigen Fälle zu belegen, dass Glyphosat in den Mengen, denen Anwender üblicherweise ausgesetzt seien, ein Non-Hodgkin Lymphom verursachen könnte. Nur dann sei ein Verfahren vor einer Geschworenen-Jury zu rechtfertigen, schrieb der Richter.

Dewayne Johnson hat all diese Hürden schon hinter sich. Der krebskranke Schulgärtner ist der erste Kläger gegen Monsanto/Bayers, dessen Fall vor einer Jury verhandelt wird. Letzten Montag begann das Verfahren mit den Statements des Klägers und des Konzerns. Im Vorfeld hatte die Anwältin des Konzerns bei der zweieinhalbtägigen Befragung der Jury versucht, kritisch gegenüber Chemikalien eingestellte Geschworene ausfindig zu machen und deren Berufung zu verhindern, berichtete die Bürgerrechtsorganisation U.S. Right to Know. Den schließlich berufenen zwölf Geschworenen sei angekündigt worden, sie sollten sich darauf einrichten, dass das Verfahren bis Mitte August dauern werde.

Mit dem Kauf des beklagten Glyphosatherstellers Monsanto hat der Bayer-Konzern auch dessen Prozessrisiken übernommen. „Folgerichtig muss man jetzt von den Bayer-Glyphosat-Prozessen sprechen“, sagte Harald Ebner, der Gentechnik-Sprecher der grünen Bundestagsfraktion. In den Verhandlungen werde sich zeigen, „was an den Läuterungsversprechungen von Bayer für seinen neuen Unternehmensteil dran ist.“

 

 

Handelskonzerne appellieren: Neue Gentechnik streng regulieren.

Führende Lebensmittelhändler aus Deutschland und Österreich wie Edeka, Lidl, Rewe und SPAR haben an die EU-Kommission appelliert, die Verfahren der Neuen Gentechnik dem EU-Gentechnikrecht zu unterstellen. Sollten mit diesen Verfahren hergestellte Produkte unreguliert und nicht wahrnehmbar für Hersteller, Händler und Verbraucher auf den Markt kommen“, würde dies die gentechnikfreie Lebensmittelherstellung und den Ökolandbau gefährden, argumentierten die Konzerne.

Die Händler verwiesen darauf, dass sich Lebensmittel mit „Ohne Gentechnik“-Kennzeichnung als wichtiger Qualitätsstandard auf dem europäischen Markt etabliert hätten. Mit beträchtlichem logistischem und finanziellem Aufwand sei es gelungen, „dem sehr klar artikulierten Wunsch der Verbraucher nach ohne Gentechnik hergestellten Lebensmitteln gerecht zu werden.“ Die Kommission müsse deshalb „auf eine klare, unmissverständliche rechtliche Regelung der Verfahren der Neuen Gentechnik hinarbeiten, die die Produkte daraus rückverfolgbar und erkennbar macht“, heißt es in dem Schreiben. Nur so bleibe die Wahlfreiheit der Verbraucher gewährleistet. Die Konzerne erinnerten die Kommission auch an das im EU-Recht verankerte Vorsorgeprinzip. Es verlange, dass die Verfahren der Neuen Gentechnik vor ihrer Zulassung für Anbau oder Verwendung einer fundierten Risikobewertung unterzogen werden.

Initiiert haben den Appel der deutsche Verband Lebensmittel ohne Gentechnik (VLOG) und die österreichische ARGE Gentechnik-frei. Beide zertifizieren in ihren Ländern Lebensmittel ohne Gentechnik und zählen Händler und Hersteller zu ihren Mitgliedern. Die ARGE hatte zusätzlich zu den Händlern auch Hersteller angesprochen, so dass sich bei den Unterzeichnern auch mehrere österreichische Molkereien und Geflügelverarbeiter finden.

Hintergrund des Vorstoßes ist, dass der Europäische Gerichtshof für den 25. Juli eine Entscheidung zur Einordnung der Neuen Gentechnik angekündigt hat. Anschließend steht der EU eine intensive Debatte über die bisher immer wieder verschobene rechtliche Regelung der Neuen Gentechnik bevor. „Es ist an der Zeit, dass die verantwortlichen Politiker auf EU- und Bundesebene nach dem Vorsorgeprinzip handeln und den großen mehrheitlichen Wunsch der Menschen nach verbindlichen Regeln für die Neue Gentechnik umsetzen“, sagte VLOG-Geschäftsführer Alexander Hissting.

Agro-Gentechnik: Die Ablehnung bleibt unverändert hoch.

Vier Fünftel der Deutschen lehnen Gentechnik in der Landwirtschaft ab. In der Studie Naturbewusstsein 2017 des Bundesumweltministeriums stimmten 79 Prozent der 2000 befragten Verbraucher der Aussage zu: „Der Einsatz gentechnisch veränderter Organismen in der Landwirtschaft wird verboten.“ In den Jahren zuvor (2009, 2013 und 2015) lag die Zustimmung bei 87, 84 und 76 Prozent. „Damit bewegt sich die grundsätzliche Zustimmung für ein Verbot gentechnisch veränderter Organismen seit Jahren relativ stabil auf hohem Niveau“, heißt es in der Studie. Allerdings sei die uneingeschränkte Zustimmung, also der Anteil derjenigen, die ein Verbot für „sehr wichtig“ halten, seit 2013 um 14 Prozentpunkte gesunken.

Ihre Ablehnung der Agro-Gentechnik begründeten die meisten Menschen mit einem ethischen Argument. 78 Prozent stimmten dem Statement zu:: „Der Mensch hat kein Recht, Pflanzen und Tiere gezielt gentechnisch zu verändern.“ Zwei Drittel der Befragten wollen keine gentechnisch veränderten Lebensmittel essen. Die Studie zeigte auch, dass in der Altersgruppe bis 29 Jahre die Ablehnung der Agro-Gentechnik „deutlich geringer ausgeprägt“ ist als im Bevölkerungsdurchschnitt. Außerdem waren Frauen gegenüber Gentechnik insgesamt kritischer eingestellt als Männer. Bemerkenswert fanden es die Autoren der Studie, dass bei der Bewertung der meisten Statements die Bildung der Befragten keine Rolle spielte.

Auch Menschen, die der Agro-Gentechnik eher offen gegenüberstehen, halten Transparenz und Risikobewertung für unverzichtbar. Das zeigen die Antworten auf zwei weitere Fragen. 93 Prozent stimmten der Aussage zu: „Meiner Meinung nach sollten Lebensmittel von Tieren, die mit gentechnisch veränderter Nahrung gefüttert wurden, vom Handel gekennzeichnet werden.“ Ebensoviele Befragte vertraten die Meinung „mögliche Auswirkungen auf die Natur sollten immer untersucht werden, wenn Pflanzen gezielt gentechnisch verändert werden.“ Das zeige „die große Bedeutung der Einhaltung des Vorsorgeprinzips in Bezug auf Gentechnik in der Landwirtschaft und deren neuen Anwendungen“, interpretierte das Bundesumweltministerium das Ergebnis. Bundesumweltministerin Svenja Schulze sagte in ihrem Statement zur Präsentation der Studie, sie nehme die Bedenken der Bürger gegenüber der Gentechnik sehr ernst: „Wir brauchen endlich bundesweit einheitliche Regelungen, um den Anbau von Genpflanzen zu verbieten.“

 

Die Grünen: Ist ein bisschen Gentechnik o.k.?

Die Partei Bündnis 90/Die Grünen streitet über ihre Position zu neuen gentechnischen Verfahren in der Landwirtschaft. Zwar sind es nur wenige Stimmen, die sich für eine Neubewertung aussprechen. Doch sie bestimmen in der Öffentlichkeit die Debatte.

Eröffnet hatte den Reigen der neue Bundesvorstand von Bündnis90/Die Grünen im April mit einem Impulspapier. Darin betonte er mögliche positive Wirkungen neuer gentechnischer Verfahren. Nun legte im Spiegel die grüne baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer nach. Sie lobte Gentechnik-Scheren wie Crispr/Cas als „hochpräzise“ und lobte deren Möglichkeiten: „Die neuen Verfahren können im Vergleich zu früher in kürzerer Zeit und mit weniger Mitteleinsatz zu denselben genetischen Ergebnissen führen“, schrieb die Ministerin. „Zeit und Geld sind gleichzeitig die wesentlichen Ressourcen im Kampf gegen die Klima- und Umweltzerstörung, für die Ernährungssicherheit bei wachsender Weltbevölkerung und bei medizinischen Therapien.“ Ihre Partei solle „den Stand der Wissenschaft anerkennen. Und der Gentechnik eine Chance geben.“

In der Frankfurter Rundschau gab die frühere grüne Landwirtschaftsministerin Renate Künast contra: „Wie kann man dem Lobbyismus derart auf den Leim gehen und glauben, dass eine einzige technische Methode die Lösung für umfassende globale Probleme ist“, fragte sie. Zwar sei die Funktionsweise der neuen Gentechnik bekannt, doch „wir wissen nicht, welche biochemischen Prozesse innerhalb der Zelle dabei betroffen sind oder welche Auswirkungen Crispr/Cas auf Ökosysteme und Artenvielfalt hat.“ Technische Lösungen wie die neue Gentechnik könnten nicht die Notwendigkeit zu einem anderen Lebensstil und einer globalen Agrarwende ersetzen.

Ähnlich wie Künast argumentieren 21 agrarpolitische Sprecher und Minister der Grünen auf Landes-, Bundes- und Europaebene. Sie fordern eine strikte Regulierung der neuen Verfahren nach dem EU-Gentechnikrecht: „Nur mit einer strengen Regulierung und einem entsprechenden Monitoring zum Verhalten der Organismen lassen sich die Auswirkungen der neuen Gentechnikmethoden erfassen und kontrollieren.“

Harald Ebener, der Gentechnikexperte der Grünen im Bundestag, wies darauf hin, dass die baden-württembergischen Grünen erst im Mai bei ihrem Landesparteitag ohne Gegenstimme beschlossen hätten, dass auch neue Verfahren wie Crispr/Cas klar als Gentechnik geregelt werden müssten. Von der Wissenschaftsministerin Theresa Bauer habe es keine Gegenrede gegeben. „Hinterhergeschobene Belehrungen über Medienbeiträge sind da wenig konstruktiv“, schimpfte Ebner gegenüber dem Informationsdienst Gentechnik. Auf seiner Webseite hat er die Programm- und Positionspapiere der Partei zusammengestellt, die Crispr/Cas einhellig kritisch sehen und eine Regelung der neuen Verfahren nach dem Gentechnikrecht fordern.

 

Verbände fordern: Neue gentechnische Verfahren als Gentechnik regulieren

21 Organisationen aus den Bereichen Landwirtschaft, Umwelt- und Verbraucherschutz haben an die Abgeordneten im Bundestag und im Europäischen Parlament appelliert, neue gentechnische Verfahren als Gentechnik zu regulieren. Am 25. Juli 2018 will sich der Europäische Gerichtshof zur rechtlichen Einstufung dieser Verfahren äußern. Danach ist der Gesetzgeber am Zug.

In ihrer Resolution argumentieren die Organisationen, dass auch die neuen Verfahren technische Eingriffe direkt auf der Ebene der DNA vornehmen und das Erbgut verändern. Werkzeuge wie Gen-Scheren würden DNA-Abschnitte über ihre eigentlichen Zielregionen hinaus verändern und seien deshalb nicht mit herkömmlicher Züchtung oder spontaner Mutagenese vergleichbar. Durch die Verfahren könnten sogar die biologischen Eigenschaften von Organismen grundlegend verändert werden, etwa in dem ganze Stoffwechselwege ausgeschaltet würden, heißt es in der Resolution. „Selbst wenn ein gentechnischer Eingriff möglicherweise gezielter erfolgt, bedeutet das nicht, dass er sicherer ist. Die Auswirkungen der DNA-Veränderungen lassen sich – angesichts der Komplexität des Genoms und seiner Wechselwirkungen mit anderen Elementen der Zelle und mit der Umwelt – nicht voraussagen“, schreiben die Organisationen.

Für sie ergibt sich daraus zwingend, dass die neuen Gentechnik-Verfahren und die mit ihnen erzeugten Organismen nach dem EU-Gentechnikrecht als gentechnisch veränderte Organismen (GVO) eingestuft und entsprechend reguliert werden müssen. Auch folge aus dem Vorsorgeprinzip die Pflicht, alle neuen gentechnischen Verfahren allein aufgrund ihrer Neuheit und fehlender Risikobewertung nach dem geltenden Gentechnikrecht zu regulieren.

„Wir fordern die Abgeordneten auf, zum Schutz von Verbrauchern, Unternehmen und Umwelt, das Vorsorgeprinzip konsequent anzuwenden“, erklärte Felix Prinz zu Löwenstein, der Vorsitzende des Bio-Dachverbands BÖLW und erinnerte: „Dazu hat sich die Bundesregierung im Koalitionsvertrag verpflichtet.“ Martin Schulz, Bundesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), wies auf die zunehmende Nachfrage nach gentechnikfreien tierischen Lebensmitteln hin. Die Landwirte hätten sich mit qualitätsorientierten, gentechnikfreien Lebensmitteln ein großes Vertrauen bei den Verbrauchern erarbeitet. „Das darf nicht durch neue Risikotechnologien aufs Spiel gesetzt werden.“, sagte Schulz. „Der Gesetzgeber hat gerade bei der Gentechnik eine besondere Sorgfaltspflicht. Der Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen muss stets Vorrang vor den Interessen der Industrie haben“, sagte der Vorsitzende des Umweltverbandes BUND, Hubert Weiger.