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Wissenschaftler fordern freie Bahn für die neue Gentechnik

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die nationale Wissenschaftsakademie Leopoldina wollen mit Hilfe der neuen Gentechnik hergestellte Organismen weitgehend aus dem Gerntechnikrecht herausnehmen. Die meisten dieser Organismen würden demnach ohne Risikoprüfung und ohne Kennzeichnung auf den Markt kommen. Bedenken, ob diese Organismen sicher sind, bezeichneten die Wissenschaftsorganisationen als „spekulative Risiken“. Denn ihrer Ansicht nach ist die alte Gentechnik sicher, und die neue erst recht. Kein Wunder: Der Expertengruppe, die diese Stellungnahme erarbeitet hat, gehörten mehrere Forscher an, die Patente auf entsprechende Verfahren und Pflanzen angemeldet haben. Das hat Testbiotech angemerkt.

Konkret schlagen die Wissenschaftsorganisationen vor, genom-editierte Organismen vom Gentechnikrechts auszunehmen „wenn keine artfremde genetische Information eingefügt ist und/oder eine Kombination von genetischem Material vorliegt, die sich ebenso auf natürliche Weise oder durch konventionelle Züchtungsverfahren ergeben könnte“. Ein „behördliches Vorprüfungsverfahren“ soll im Einzelfall klären, ob die Ausnahmeregel für einen veränderten Organismus zutrifft. Trifft sie zu, dann würde auch die Kennzeichnungspflicht gestrichen. Langfristig wollen die Wissenschaftler das Gentechnikrecht komplett umgestalten. Es soll auf das Produkt bezogen werden, anstatt wie bisher auf das Verfahren. Ob und in welchem Umfang bei einem genom-editierte Organismus überhaupt eine Risikoprüfung notwendig wäre, sollten die Behörden im Einzelfall entscheiden. Die Forscher stellen auch die Registrierungspflicht für Freilandversuche in Frage.

Die Wissenschaftsorganisationen begründen ihren Vorstoß damit, dass mit der Neuen Gentechnik „verbesserte Nutzpflanzen schneller und zielgerichteter gezüchtet werden“ könnten als bisher. Bereits jetzt seien weltweit „bereits mehr als 100 bekannte und (potenziell) marktfähige genomeditierte Nutzpflanzensorten, die Vorteile für Ernährung und Landwirtschaft aufweisen“ bekannt. In vielen Staaten außerhalb der Europäischen Union würden „genomeditierte Pflanzen, die keine artfremde genetische Information enthalten, von GVO-bezogenen Regelungen ausgenommen.“

Auf fruchtbaren Boden fallen solche Forderungen bei Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner. Sie schrieb in einem Artikel für die Frankfurter Allgemeine: „Ich setze auch auf mehr Offenheit und Fortschritte in der Pflanzenzucht für klima- und schädlingsresistente Pflanzen durch Gen-Scheren wie Crispr-Cas und eine differenziertere, liberalere Handhabung der Zulassung durch den europäischen Gesetzgeber und die europäischen Gerichte.“ Die Ministerin forderte „die ‚Berufsablehner’ auf, endlich ideologiefrei und verantwortungsvoll über eine differenzierte Zulassung von Crispr-Verfahren für die Pflanzenzucht zu diskutieren.“

 

 

Auch in Deutschland: Monsanto zahlt Glyphosat-Studie – Autor verschweigt es

Die Bayer-Tochter Monsanto hat bei einem deutschen Agrarökonomen zwei Studien bestellt und bezahlt. Sie lieferten dem Konzern Argumente für seine Öffentlichkeitsarbeit zu Glyphosat. Argumente, die als unabhängige Forschung daherkamen. Denn der Autor, Professor Michael Schmitz von der Justus Liebig Universität (JLU) Gießen, verschwieg, dass ihn Monsanto für die Arbeit bezahlt hatte. Aufgedeckt hat das die Organisation Lobbycontrol, Süddeutsche Zeitung und Monitor berichteten darüber.

Schmitz, seit 2015 in Ruhestand, zählte zu den angesehensten Experten seines Fachs;er beriet die Bundesregierung und die EU. Seine Studie über die Unverzichtbarkeit von Glyphosat erschien 2012 im Journal für Kulturpflanzen des bundeseigenen Julius-Kühn-Instituts. Eine weitere Arbeit über Glyphosat legte er 2015 vor. In beiden Aufsätzen firmierte er unter Universität Gießen. Erstellt hatte Schmitz die Studien jedoch für das von einem Verein getragene Institut für Agribusiness (IAB). Institut und Verein hatte Schmitz selbst laut Süddeutscher Zeitung (SZ). „Anfang der 90er Jahre mit Landwirtschaftspolitikern und Lobbyisten aus der Agrar-, Saatgut- und Chemieindustrie gegründet“. SZ und Monitor präsentierten Unterlagen, die belegen, dass diese Studien von Monsanto beauftragt und finanziert wurden. Auf Nachfrage habe der Bayer-Konzern, zu dem Monsanto inzwischen gehört, dies bestätigt, schrieb die SZ. Schmitz dagegen hätte zuvor behauptet, die Expertisen seien „ohne Förderung durch Dritte“ entstanden. Der Professor betonte gegenüber der SZ, dass seine Studien „mit anspruchsvollen wissenschaftlichen Methoden“ entstanden seien und seine Unabhängigkeit gewahrt gewesen sei.

Ulrich Müller von LobbyControl kritisierte das Verschleiern der wirtschaftlichen Interessen hinter den Studien: „Monsanto benutzte Kronzeugen mit Professorentitel, um den eigenen Botschaften Glaubwürdigkeit zu verleihen und sich mehr Gehör in der Öffentlichkeit und Politik zu verschaffen“. Diese Form von verdeckter Einflussnahme sei inakzeptabel, sagte Müller. Er forderte Bayer auf, offenzulegen, welche Wissenschaftler und Studien Monsanto für Lobbyzwecke finanzierte. „In der Debatte um die erneute Glyphosat-Zulassung dürfen nicht erneut Studien als neutrale Wissenschaft verwendet werden, die in Wirklichkeit von der Industrie beauftragt und bezahlt wurden“, sagte Müller. Er wies darauf hin, dass Bayer CropScience selbst im Vorstand des IAB-Trägervereins vertreten gewesen sei und lange Jahre mit dem Institut und Professor Schmitz zusammengearbeitet habe. Die Universität Gießen sagte zu, den Fall zu prüfen. Sie hat laut Lobbycontrol bisher in ihrer Satzung zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis keine Regeln zur Angabe von Finanzierungsquellen in der Auftragsforschung.

Für Olaf Bandt, Vorsitzender des Umweltverbandes BUND, belegt der Fall erneut „die unlauteren Methoden der Bayer-Tochter Monsanto“. Es sei unerhört, „dass Konzerne Forschungsergebnisse diktieren und Verbraucherinnen und Verbraucher hinters Licht zu führen versuchen“. Im November hatte der BUND eine Recherche vorgelegt, die aufzeigte, wie die Industrie Einflussnahme auf das behördliche Bewertungsverfahren zu Glyphosat nahm. Darin heißt es, die Behörden, insbesondere das für die gesundheitliche Bewertung von Glyphosat zuständige Bundesinstitut für Risikobewertung seien „den Herstellern mehr als Dienstleister gegenübergetreten und weniger als unabhängig bewertende Behörden“.

 

 

Kein Veto aus Brüssel: Österreich darf Glyphosat verbieten

Die EU-Kommission hat das vom österreichischen Parlament beschlossene Glyphosatverbot passieren lassen. Es könnte zum Jahresbeginn 2020 in Kraft treten. Noch ist offen, ob der Glyphosathersteller Bayer gegen das Verbot klagen wird. Und in Österreich bremsen die zuständigen Ministerien.

Österreich hatte als erstes EU-Land Anfang Juli 2019 den Einsatz glyphosathaltiger Herbizide verboten. Im Parlament stimmten alle Parteien außer der konservativen ÖVP für die Gesetzesänderung. Die beschlossene Änderung ging an die EU zur üblichen Notifizierung. Mit Spannung war erwartet worden, ob die EU-Kommission das dreimonatige Verfahren nutzen würde, um ein Veto einzulegen. Die Frist dafür lief am 29. November ab. Die Kommission schickte der österreichischen Regierung allerdings nicht die von Landwirtschaftsverbänden und dem Hersteller Bayer erwartete „ausführliche Stellungnahme“ mit ihrem Nein. Sie versandte lediglich eine Mitteilung, in der sie anmerkte, dass für das Notifizierungsverfahren üblicherweise Gesetzentwürfe eingereicht werden und keine bereits beschlossenen Gesetze. Das österreichische Landwirtschaftsministerium leitete daraus die Gefahr eines EU-Verfahrens wegen Vertragsverletzung her. Rechtsunsicherheiten könnten daher für Österreich „nicht ausgeschlossen werden“, zitierte Agrarheute die Behörde. Das Umweltministerium wies in der Wiener Zeitung auf mögliche Klagen von Landwirten hin, die Glyphosat nicht länger verwenden dürfen und Schadensersatz verlangen könnten.

„Weder die Europäische Kommission noch andere Mitgliedstaaten haben einen rechtlich bindenden Einspruch gegen das Verbot erhoben“, schrieb Greenpeace Österreich. Die Kommission und Italien hätten lediglich den österreichischen Vorstoß kommentiert, „was jedoch rechtlich keinen weiteren Aufschub für das Verbot begründet“. Als Beleg verwies Greenpeace auf ein Gutachten des Wiener Rechtsprofessors Daniel Ennöckl. Sebastian Theissing-Matei, Landwirtschaftsexperte bei Greenpeace in Österreich, jubelte daher ohne Einschränkung: „Das Aus von Glyphosat in Österreich ist ein historischer Meilenstein für den Schutz unserer Gesundheit und für den Erhalt der Artenvielfalt in unserem Land. Österreich wird damit zu einem Vorreiter mit Signalwirkung für ganz Europa.” Er gab sich sicher, dass andere Länder wie Frankreich und Deutschland bald folgen würden. „Herkunftsland Österreich“ werde fortan in ganz Europa für Freiheit von Glyphosat stehen, freute sich die österreichische Umweltorganisation Global 2000 und mahnte: „Nun ist es wichtig, dass unsere Bäuerinnen und Bauern jene Unterstützung erhalten, die ihnen den Umstieg auf eine glyphosatfreie Produktionsweise erleichtert.“

Der Glyphosathersteller Bayer hatte bereits im Juli juristische Schritte angekündigt, sollte die Kommission das österreichische Gesetz nicht einkassieren. Im September allerdings änderte der Konzern seine Strategie und ließ durchblicken, dass er nicht gegen nationale Verbote vorgehen werde, falls die EU die Zulassung für Glyphosat weiter verlängere. Auf Anfrage antwortete das Unternehmen dem Informationsdienst Gentechnik: „Wir werden die Situation nun nach Abschluss des Notifizierungsverfahrens auf EU-Ebene im Detail prüfen und unsere Optionen bewerten.“ [

Zucht-Lachse gibt es fast nur mit Gentechnik

Bei Lachs und Gentechnik denken viele Verbraucher an „Frankenfish“, den gentechnisch veränderten AquAdvantage-Lachs der Firma Aquabounty. Er wurde so manipuliert, dass er doppelt so schnell wächst wie ein natürlicher Lachs. Verkauft wird dieses Lachsfleisch bisher nur in Kanada und ab 2020 auch in den USA – voraussichtlich mit Kennzeichnung. In der EU hat Aquabounty nicht einmal eine Zulassung für den Gentech-Lachs beantragt. Doch gentechnikfrei sind Lachse in der EU deshalb noch lange nicht.

Denn ein Zuchtlachs ernährt sich nur zu einem kleinen Teil von Fischmehl und –öl. Rund 70 Prozent des Lachsfutters sind – auch aus Kostengründen – pflanzlich, ein Großteil davon entfällt auf Soja. Um ein Kilo Lachs zu produzieren, werden etwa 500 Gramm Sojabohnen benötigt. Auch für die meisten anderen gezüchteten Raubfische gilt, dass ihre Futterrationen überwiegend pflanzlich sind und Soja enthalten.

Bisher waren nur Fische aus Bio-Zucht garantiert gentechnikfrei, da in ihrem Bio-Futter gentechnisch veränderte Zutaten durch die EU-Öko-Verordnung verboten sind. Seit dieser Woche gibt es nun den ersten konventionellen Zuchtlachs mit dem Ohne Gentechnik – Siegel des Verbandes Lebensmittel ohne Gentechnik (VLOG). Angeboten wird er vom Discounter Lidl, der sein Eigenmarkensortiment an Lachs-Produkten auf gentechnikfreie Herstellung umgestellt hat oder in den nächsten Woche noch umstellen wird.

„Wir begrüßen es sehr, dass Lidl das Thema ‚Ohne Gentechnik‘ in einer weiteren wichtigen Warengruppe vorantreibt“, sagte Alexander Hissting, Geschäftsführer des VLOG. Immerhin habe Lachs einen Anteil von 15 Prozent am gesamten Fischverzehr der Deutschen. „Wir wünschen uns, dass weitere Lebensmittelhändler dem Beispiel folgen und bei Zuchtfischen ihr Augenmerk auf die Gentechnikfreiheit als wichtigen Nachhaltigkeitsaspekt legen.“

 

 

Australien hat sich entschieden: Crispr statt Bio

Das australische Parlament hat die von der Regierung beschlossene Herausnahme neuer gentechnischer Verfahren aus dem Gentechnikrecht abgesegnet. „Kein anderes Land hat das Crispr-Verfahren derart weitgehend reguliert wie Australien“, kommentierte Glenn Schaube, Vorstand des australischen Bio-Verbandes NASAA. Er fürchtet drastische Folgen für Australiens Bio-Landwirte.

Der australische Landwirtschafts- und Lebensmittelsektor werde „in kurzer Zeit nicht mehr sicherstellen können, dass die in Australien produzierten Lebensmittel gentechnikfrei sind und dem australischen Bio-Standard entsprechen“, sagte Schaube. Dies würde auch die Exporte gentechnikfreier oder biologisch angebauter Lebensmittel massiv beeinträchtigen. „Das ist ein Desaster für die australische Bio-Landwirtschaft“, schimpfte Schaube. Sie werde „zum Opferlamm für die Deregulierung von GVO-Technologien“ gemacht.

Das australische Gentechnikrecht sah bisher vor, dass alle gentechnisch veränderten Organismen (GVO) eine Zulassung brauchen. Im April 2019 legte die dortige Bundesregierung eine Änderung des Gentechnikgesetzes vor. Demnach können bestimmte Verfahren wie etwa die gezielte Stillegung von Genen ohne jede Genehmigung angewandt werden. Organismen, die mit neuen gentechnischen Verfahren wie CRISPR/Cas hergestellt wurden, brauchen ebenfalls keine Zulassung, sofern durch diese Verfahren kein artfremdes Erbgut eingebaut wurde.

Umwelt- und Bio-Verbände versuchten, diese Gesetzesänderung durch eine Eingabe an das Parlament zu stoppen. Sie argumentierten, dass kein Land der Erde bisher eine derartig breit angelegte Ausnahmeregelung verabschiedet habe. Angesichts der auch mit neuen gentechnischen Verfahren verbundenen Risiken appellierten die Organisationen an die Parlamentarier, das Vorsorgeprinzip einzuhalten. Ansonsten könnten diese Organismen die Lebensmittelkette entern, ohne jede Sicherheitsbewertung, ohne Abklärung möglicher allergischer, toxischer oder krebserregender Wirkungen, warnte Judy Carman, Direktorin des Institute of Health and Environmental Research. Die europäische Wissenschaftlervereinigung ENSSER kam den australischen Kollegen zur Hilfe und appellierte an die australischen Parlamentarier, das Gesetz zu stoppen. Es gebe keine Garantie, dass die Anwendung dieser Technik das gewünschte Ergebnis liefere und dass dieses Ergebnis sicher sei, heißt es in dem Schreiben von ENSSER.

Die Appelle zeigten keine Wirkung: Bei der Abstimmung im Parlament stand die Grüne Partei alleine da; die Regierungskoalition und die oppositionelle Labour Party bestätigten die Entscheidung der Regierung. Slowfood Australia wies darauf hin, dass Koalition und Labour Spenden von Bayer und dem Lobbyverband CropLife erhalten hätten.

Neue Gentechnik: Die EU spielt auf Zeit

Im Juli 2018 stellte der Europäische Gerichtshof klar, dass neue gentechnische Verfahren wie CRISPR/Cas und die damit hergestellten Organismen dem Gentechnikrecht unterliegen. Seitdem überlegen die EU-Mitgliedsstaaten, wie sie mit diesem Urteil umgehen sollen. Da es keine Einigkeit gibt, haben sie ersteinmal die Kommission mit einer Untersuchung beauftragt – und damit das Thema vertagt.

Laut einem Beschluss des Europäischen Rates vom 8. November soll die Kommission „bis zum 30. April 2021 eine Untersuchung im Lichte des Urteils des Gerichtshofs in der Rechtssache C-528/16 zu dem Status neuartiger genomischer Verfahren im Rahmen des Unionsrechts“ unterbreiten. Parallel dazu soll sie einen Vorschlag vorlegen, „falls das angesichts der Ergebnisse der Untersuchung angemessen ist, oder anderenfalls den Rat über andere, infolge der Untersuchung erforderliche Maßnahmen“ unterrichten.

Die Entscheidung des EuGH habe zwar den Rechtsstatus neuer Mutageneseverfahren geklärt, zugleich aber einige praktische Fragen für nationale Behörden, Wirtschaft und Forschung aufgeworfen, begründete der Rat der Europäischen Union seinen Beschluss. Dazu zähle auch die Frage, „wie die Einhaltung der Richtlinie 2001/18/EG sichergestellt werden kann, wenn mittels neuer Mutageneseverfahren gewonnene Erzeugnisse sich mit aktuellen Methoden nicht von Erzeugnissen, die aus natürlicher Mutation hervorgegangen sind, unterscheiden lassen.“

Zu diesem Beschluss gibt es Statements mehrerer Mitgliedsstaaten, die deren Zerrissenheit zeigen. So erklären Ungarn, Polen und drei weitere Staaten: „Der Schutz der menschlichen Gesundheit und der Umwelt erfordert, dass besonderes Augenmerk auf die Kontrolle der Risiken jeglicher Technik, die das genetische Material verändert, gerichtet wird; das derzeitige Schutzniveau sollte beibehalten werden.“ Sie begründen dies mit dem Ziel, „die Umwelt und die menschliche Gesundheit unter Beachtung des Vorsorgeprinzips zu schützen.“ Niederlande und Spanien dagegen fordern ausdrücklich „eine Überprüfung der derzeit geltenden Rechtsvorschriften zu GVO“. Deshalb solle die Untersuchung der Kommission „auf die Eignung, die Effizienz und die Kohärenz des derzeit geltenden Rechtsrahmen“ eingehen. „Im Hinblick auf die weitreichenden Auswirkungen der aktuellen Situation“ bestehe dringender Handlungsbedarf, mahnen die beiden Staaten und betonen, dass die Kommission neben dem Vorsorgeprinzip auch den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit berücksichtigen müsse.

Das Bundeslandwirtschaftsministerium teilte dem Infodienst Gentechnik mit, dass sich Deutschland bei der vorbereitenden Abstimmung über diesen Beschluss enthalten habe. Denn die Parteien der großen Koalition seien sich bei der Frage uneins, wie neue gentechnische Verfahren rechtlich behandelt werden sollten. Ebenfalls gegenüber dem Infodienst wertete Mute Schimpf von Friends of the Earth Europe den Beschluss „als ersten Schritt, die neuen gentechnischen Verfahren aus dem Gentechnikrecht herauszunehmen.“

Die neue Gentechnik gefährdet Natur- und Artenschutz

Breiten sich gentechnisch veränderte Organismen in natürlichen Populationen aus, kann dies massive Konsequenzen für die Umwelt und den Artenschutz haben. Zu diesem Ergebnis kommt ein Bericht, den das Institut für unabhängige Folgenabschätzung in der Biotechnologie (Testbiotech) für den Deutschen Naturschutzring (DNR) erstellt hat. Als Beispiele behandelt er gentechnisch veränderte Fliegen, Bienen, Bäume und Korallen sowie die mögliche gentechnische Rekonstruktion von Mammuts.

Deutlich macht Testbiotech die Gefahren neuer gentechnisch veränderter Arten an einer neuen Art, die ohne Gentechnik durch eine Mutation entstand, sich innerhalb von 20 Jahren weltweit verbreitete und zahlreiche Ökosysteme gefährdet: der Marmorkrebs. Er ist aggresiver als der Sumpfkrebs, von dem er abstammt, besitzt einen dickeren Panzer, größere Scheren und erzeugt deutlich mehr Nachkommen. Testbiotech-Geschäftsführer Christoph Then, der Autor des Berichts, weist darauf hin, dass die erhöhte Anpassungsfähigkeit beim Marmorkrebs nicht nur auf einer Veränderung seiner genetischen Information beruht, sondern auch auf den Wechselwirkungen des Erbguts mit der Umwelt. „Mit Hilfe des Einsatzes der neuen Gentechnik können Eingriffe im Erbgut vorgenommen werden, die zwar nur sehr kurze DNA-Abschnitte betreffen, aber erhebliche biologische Wirkungen entfalten“, schreibt Then. „Die damit einhergehenden neuen biologischen Eigenschaften gehen auch mit neuen Risiken einher, insbesondere wenn die Organismen in die Umwelt freigesetzt werden und sich in den natürlichen Populationen ausbreiten können.“

Ein Beispiel dafür ist laut Bericht die sogenannte Monarch-Fliege, die mit der Gen-Schere CRISPR/Cas verändert wurde: Drei kleine Veränderungen einzelner Basenpaare innerhalb eines Gens führten dazu, dass diese Taufliegen gegenüber dem Gift bestimmter Pflanzen unempfindlich wurden. Sie können das Gift auch speichern und werden so für ihre Fressfeinde selbst giftig. Sollten diese Tiere aus dem Labor entkommen, hätten sie einen deutlichen Überlebensvorteil gegenüber herkömmlichen Taufliegen.

Absichtlich freigesetzt werden sollen amerikanische Esskastanien, denen Wissenschaftler eine Pilzresistenz eingebaut haben. Die Gentech-Bäume sollen helfen, die stark dezimierte Kastanienpopulation in den USA zu erhalten. Noch in der Diskussion sind Pläne, Korallen oder die mit ihnen in Symbiose lebenden Mikroorganismen mit Hilfe von CRISPR/Cas9 zu verändern, um ihre Anpassungsfähigkeit gegenüber dem Klimawandel und erhöhten Temperaturen zu stärken.

Angesichts der weitreichenden ökologischen Risiken appellieren Testbiotech und der Deutsche Naturschutzring an die politischen Verantwortlichen, keine Abstriche an einer umfassenden Risikobewertung und Kontrolle, wie sie das geltende Gentechnikrecht vorsieht, zuzulassen und Freisetzungen an die Bedingung einer Rückholbarkeit zu knüpfen.

 

 

 

Broschüre: Auch die neue Gentechnik bleibt Gentechnik

Die neuen gentechnischen Verfahren wie die Gen-Schere CRISPR/Cas ermöglichen Änderungen im Erbgut, die bisher so nicht möglich waren. Und sie vereinfachen und beschleunigen die Entwicklung solcher gentechnischen Veränderungen. Die Befürworter dieser Technik argumentieren, dass die vorgenommenen Änderungen auch natürlich als Mutation vorkommen könnten und von solchen natürlichen Mutationen nicht unterscheidbar seien. Außerdem seien sie präzise und sicher.

Die gentechnikkritische Organisation Testbiotech hat diese Behauptungen unter die Lupe genommen und das Ergebnis in einer Broschüre zusammengefasst. Diese erklärt gut verständlich die Unterschiede zwischen herkömmlicher Züchtung, alter Gentechnik und neuer Gentechnik. Sie beschreibt die Risiken, die mit der neuen Gentechnik verbunden sind, die bei weitem nicht so zielgenau und nebenwirkungsarm ist, wie ihre Befürworter behaupten. Das Fazit: Die neue Gentechnik ist aners als züchterische Verfahren. Denn sie ermöglicht Eingriffe in das Erbgut, bei denen die natürlichen Mechanismen von Vererbung und Genregulation umgangen werden. Diese technischen Prozesse können zu Veränderungen führen, die für Mensch und Umwelt gefährlich sind. Testbiotech hat das Thema auch in einigen kurzen Videoclips dargestellt, die gut über die sozialen Medien verteilt werden können.

Die Broschüre Was ist (keine) Genetchnik?

Die Videos

Monitoring 2019: Kaum Gentech-Spuren im Saatgut

Auch in diesem Jahr ist das konventionelle Saatgut fast komplett frei von gentechnischen Verunreinigungen. Die Bundesländer hatten in den vergangenen Monaten 785 Saatgutproben untersucht. Lediglich in drei Maisproben und einer Probe Winterraps fanden sich Spuren von gentechnisch verändertem Erbgut. Die betroffenen Partien wurden aus dem Verkehr gezogen, bevor sie auf den Markt kamen.

„Im europaweiten Vergleich nehmen die Bundesländer bei der Umsetzung der Nulltoleranz eine Vorreiterrolle ein“, lobte Stefanie Hundsdorfer von der Interessengemeinschaft für gentechnikfreie Saatgutarbeit. Sie sollten sich deshalb auf EU-Ebene dafür einsetzen, dass die europarechtlich verankerte Nulltoleranz nicht durch die Einführung von Verschmutzungsgrenzwerten, wie sie die Saatgutindustrie fordert, aufgeweicht werde.

Eine konsequente Umsetzung der Nulltoleranz für Gentechnik im Saatgut sei existenziell für die Sicherung einer gentechnikfreien Landwirtschaft“, sagte Jan Plagge, Präsident von Bioland „Wir begrüßen daher, dass die Bundesländer Kontrollen durchführen und nachweislich verunreinigte Partien aus dem Verkehr ziehen.“ Allerdings seien Kulturarten wie Raps oder Mais einem so hohen Verunreinigungsrisiko ausgesetzt, dass die derzeitige stichprobenartige Untersuchung eines Teils der Partien nicht mehr genüge. „Um unsere Nahrung gentechnikfrei zu halten, ist es bei diesen Risikokulturen leider notwendig geworden, alle Saatgutpartien zu überprüfen“, sagte Plagge und forderte die Bundesländer auf, ihr Monitoring zu verstärken.

Erst im vergangenen Jahr war verunreinigtes Rapssaatgut von Bayer via Frankreich auch nach Deutschland gelangt und hier ausgesät worden.

Dirk Zimmermann von Greenpeace wies darauf hin, dass nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs auch bei der neuen Gentechnik die Nulltoleranz für nicht zugelassene Organismen im Saatgut gelte. „Die Bundesländer müssen das Urteil nun endlich umsetzen. Sie müssen dafür sorgen, dass Nachweisverfahren für neue Gentechnikanwendungen entwickelt werden, und die Einfuhr von neuen gentechnisch veränderten Organismen im Rahmen von Kontrollen unterbinden“, sagte Zimmermann.

Neue Gen-Schere – alte Versprechungen

Von der Gen-Schere CRISPR/Cas heißt es oft, dass sie präzise und fast ohne Nebenwirkungen das Erbgut ändern könne. Dabei sei sie ungeschickt, schreibt der Onlinedienst ScienceMag. Sie verändere manchmal Gene, die unberührt bleiben sollten, und sie zerschneide beide DNA-Stränge und überlasse es dann der Zelle, den Schaden zu reparieren. Das schränke ihren Einsatz ein und sei ein Sicherheitsrisiko in der Medizin. Denn „der Reparaturmechanismus der Zelle verbindet die beiden DNA-Enden meist einfach wieder, ohne die Erbgutschnipsel einzufügen, die die Forscher gemeinsam mit der Genschere in die Zelle schleusen“, erklärt der Tagesspiegel und spricht von einer „Axt im Genwald“.

Das alles soll sich, diesen Medienberichten zufolge, zum Besseren wenden. Denn Forscher des Broad-Instituts am MIT in Cambridge haben eine neue Gen-Schere vorgestellt, die sie „prime editing“ nennen. Sie nutzt eine überarbeitete Version des Enzyms Cas9. Diese schneide den DNA-Strang nicht mehr durch, sondern kerbe ihn nur ein, beschreiben die Forscher die neue Methode. Ein zweites Enzym baue dann an dieser Stelle einen mitgeführten DNA-Strang ein. So könnten größere Stellen im Erbgut überschrieben werden. Ausprobiert haben die Broad-Wissenschaftler ihre neue Gen-Schere an menschlichen Zellen mit Anomalien, die sie dadurch reparierten. Einsetzbar ist die Technik aber auch in Tieren und Pflanzen. „Gerade für Pflanzen sei die Technologie besonders interessant, um genau geplante Veränderungen ins Genom einzubringen“, zitiert der Tagesspiegel den Karlsruher Molekularbiologen Holger Puchta. Die Zeit zitiert den Biotechnolgen Jens Boch von der Universität Hannover: „Dies wird die moderne Züchtung sehr beschleunigen.“

Noch handelt es sich bei dem gemeldeten Erfolg um Grundlagenforschung. The Guardian zitiert einen Londoner Gentechnologen mit dem Hinweis, dass die Broad-Forscher bisher nur mit wenigen menschlichen Zelltypen experimentiert hätten. „Wie die Autoren selbst betonen, handelt es sich hierbei um neue Methoden, und es werden Anstrengungen erforderlich sein, um sie zu entwickeln, um zu zeigen, dass sie ausreichend sicher und effizient sind“, sagte der Experte dem Guardian.. Der Hannoveraner Biotechnologe Jens Boch äußerte sich dem Tagesspiegel gegenüber skeptisch: „Auch die neue Technik führt zu ungeplanten Veränderungen, und zwar in nicht unerheblichem Umfang.“