USA: Flugerlaubnis für 1,2 Milliarden Gentech-Moskitos erteilt

Das britische Unternehmen Oxitec darf erneut seine umstrittenen Gentech-Moskitos freisetzen. Diesmal hat die US-Umweltbehörde EPA die Erlaubnis für Versuche in Florida und Texas erteilt. Allerdings müssen die beiden Bundesstaaten und die lokalen Behörden noch zustimmen. Ende 2016 war ein erster Versuch am örtlichen Widerstand in Florida gescheitert.

Oxitext will die ausschließlich männlichen Tiere noch in diesem Jahr in Florida und 2021 dann in beiden Bundesstaaten freisetzen, insgesamt auf einer Fläche von 2000 Hektar. Weitere 700 Hektar würden als Kontrollfläche dienen. Die Mücken wurden so verändert, dass deren weibliche Nachkommen absterben und nur die männlichen überleben – die diese Eigenschaft erben und beim nächsten Paarungsakt weitergeben. So will Oxitec die natürliche Population der Stechmücke Aedes aegypti drastisch reduzieren. EPA geht davon aus, „dass dies angesichts der wachsenden Resistenz gegen die derzeitigen Insektizide ein wirksames Instrument zur Bekämpfung der Ausbreitung bestimmter durch Mücken übertragener Krankheiten wie des Zika-Virus sein könnte“.

Aus den von der Behörde veröffentlichten Unterlagen gehen nur wenige Auflagen hervor, darunter ein Mindestabstand der Freisetzungsflächen von Zitrus-Plantagen von 500 Meter. Oxitec wird dazu verpflichtet, wöchentlich nach gentechnisch veränderten Mückenlarven zu suchen. Diese sollen zusätzlich ein Gen tragen, das sie floureszieren lässt, so dass sie einfach zu erkennen sind. Zusätzlich muss Oxitec einmal monatlich 150 nicht floureszierende weibliche Mücken analysieren. Sollte das Unternehmen dabei auf Mücken mit der gentechnischen Veränderung stoßen, muss das Unternehmen den Versuch sofort abbrechen und die Versuchsflächen mt Insektizden besprühen.

Die Verbraucherorganisation Center for Food Safety (CFS) hält ein solches Szenario für durchaus möglich. Jaydee Hanson, politischer Geschäftsführer von CFS wies gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg darauf hin, dass bei Laborversuchen drei bis vier Pozent der von männlichen Gentech-Mücken gezeugten weiblichen Nachkommen nicht wie geplant absterben, sondern überleben. Das könnte dazu führen, „dass sich Hybridmückenarten in der Umwelt etablieren, die veränderte Eigenschaften aufweisen könnten, darunter das Potenzial für eine verstärkte Krankheitsübertragung“, sagte Hanson gegenüber Bloomberg. Auch die britische Organisation GeneWatch UK hatte sich letzten Herbst kritisch mit dem Antrag von Oxitec befasst.

 

 

 

Bayer: Hauptversammlung in parallen Netzwelten

Die Bayer AG hat als erstes Unternehmen die coronabedingte Möglichkeit genutzt und die Hautptversammlung virtuell durchgeführt. Damit ersparte sich der Konzern Proteste vor und kritische Reden in der Versammlungshalle. Statt dessen saßen sechs Vorstände und Aufsichtsräte in gebührendem Abstand im Studio und beantworteten die vorher eingereichten und nach eigenem Gusto ausgewählten Fragen. Das sei eine „drastische Beschneidung der Rechte von Minderheits-AktionärInnen und KonzernkritikerInnen“, kritisierte die Coordination gegen BAYER Gefahren (CBG). Sie organisierte einen Live-Protest im Netz mit zahlreichen Beiträgen von Aktivisten, Bayer-Geschädigten, Politikern und Künstlern sowie einer kleinen Live-Demo vor den Bayer-Werkstoren in Leverkusen. „Genetisch manipuliertes Saatgut, erdrückende Monopolpreise im Agrar- und im Pharma-Bereich, globale Umweltvergiftung durch Pestizide wie Glyphosat (Round Up) oder Dicamba, massive Steuerflucht“ und vieles mehr hatte die Coordination gegen BAYER Gefahren (CBG) in ihrem diesjährigen Protestaufruf aufgelistet.

Bereits ab 23. April hatten CBG und andere Organisationen unter dem Hashtag #stopBayerMonsanto zu Online-Protesten aufgerufen. Im Rahmen der Kampagne legten das Inkota Netzwerk und Misereor einen Bericht darüber vor, wie Bayer (und BASF) in Brasilien und Südafrika Pestizide mit Wirkstoffen verkauft, die in der EU längst verboten wurden – weil sie so gefährlich für Mensch und Umwelt sind. „Mit solchen Doppelstandards missachtet Bayer seine unternehmerischen Verpflichtungen zur Einhaltung der Menschenrechte“, kritisierte Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer von Misereor. „Anstatt den Export zu steigern, muss Bayer verpflichtet werden, die Pestizidproduktion insgesamt zu senken“, forderte Antje von Broock, Geschäftsführerin Politik des Umweltverbandes BUND.

CBG hatte beantragt, Vorstand und Aufsichtsrat wegen des Geschäftsgebahrens nicht zu entlasten. Außerdem sollte die geplante Dividendenausschüttung auf 10 Cent je Aktie gekürzt werden. Statt dessen sollten die Gelder unter anderem verwendet werden „ für den Erhalt und die Schaffung sicherer und umweltgerechterArbeitsplätze und für die Zahlung sozial gerechter Löhne“ sowie „für einen Fonds zum angemessenen Ausgleich von Schäden, die infolge der Geschäftstätigkeit bei Mensch, Tier und Umwelteingetreten sind“.

Diese Anträge wurden mit großer Mehrheit abgelehnt. Statt dessen entlasteten die Aktionäre den Vorstand mit 92 Prozent der Stimmen und genehmigten sich trotz Corona eine Dividende von 2,80 Euro je Aktie. Die Kritik daran, dass bei den Glyphosatklagen in den USA immer noch kein Vergleich geschlossen wurde, hielt sich in Grenzen. Man haben bei den Verhandlungen einige Fortschritte erzielt, „bevor der Ausbruch von Covid-19 auch dieses Thema überlagert und den Verhandlungsfortschritt damit erheblich verlangsamt hat“, sagte Vorstandschef Werner Baumann. Er sprach von einem strategisch und operativ erfolgreichen Geschäftsjahr 2019 und wertete die Zahlen für das erste Quartal 2020 als „guten Jahresauftakt.“

 

Immer noch: Konzerne wollen sich konventionelle Züchtungen patentieren lassen

Melonen lagen ganz vorne, gefolgt von Spinat, Mais und Tomaten. Doch auch für Lauch, Artischocken, Auberginen, Bananen, Basilikum, Rüben, Brokkoli, Maniok, Blumenkohl, Sellerie, Baumwolle, Endivien, Kartoffeln und Reis haben Saatgutkonzerne in den letzten beiden Jahren beim Europäischen Patentamt (EPA) Patentanträge eingereicht. In allen Fällen handelte es sich um konventionelle Züchtungen, für die es eigentlich keine Patente geben dürfte. Doch schon bisher hat sich das EPA um diese Vorgabe wenig geschert. Noch sind diese Anträge nicht bewilligt.

Die Koalition Keine Patente auf Saatgut! hat die von Anfang 2018 bis Ende 2019 beim Europäischen Patentamt (EPA) eingegangenen Patentanträge auf Pflanzen und Pflanzenzüchtungen gesichtet. Über 100 davon betrafen konventionelle Züchtungen, elf Beispiele hat Keine Patente auf Saatgut! in einem Bericht zusammengestellt.

Demnach beansprucht die Firma Kleinwanzlebener Saatzucht (KWS) rund 80 Pflanzenarten, die gegen eine Pilzkrankheit (Northern corn leaf blight), die unter anderem bei Mais auftritt, resistent sein sollen (EP3447135). Dabei hat KWS nach Ansicht von Keine Patente auf Saatgut! nichts erfunden, sondern lediglich eine DNA-Sequenz identifiziert, die bei der Abwehr des Pilzes eine Rolle spielt. Der niederländische Gemüsezüchter Rijk Zwaan beansprucht Endivien-Salatpflanzen, die nach einem Tauchbad in heißem Wasser nicht braun werden (EP3427575). Auch die Konzerne Bayer und BASF tauchen in der Liste mit Beispielen auf. Der Brauereikonzern Carlsberg hat erneut beantragt, eine konventionell gezüchtete Braugerste unter Patentschutz zu stellen. Er könnte dadurch Lizenzgebühren für jeden Liter Bier verlangen, der mit dieser Gerste gebraut wird.

Ein häufiges Muster bei den dargestellten Patentanträgen sieht so aus: Durch den Kontakt der Pflanzen mit Chemikalien oder Krankheitserregern werden zufällige Mutationen ausgelöst, die anschließend auf das gewünschte Resultat hin aussortiert werden. Dabei werde durch eine „Garnierung“ mit technischen Verfahren der Eindruck erweckt, dass es sich um Erfindungen handle, heißt es in dem Bericht.

Zwar hatte der Verwaltungsrat des EPA im Juni 2017 entschieden, dass keine weiteren Patente auf konventionell gezüchtete Pflanzen und Tiere erteilt werden dürfen. Doch enthält dieser Beschluss immer noch Schlupflöcher, die es möglich machen, dass solche Patente beantragt und vom EPA auch bewilligt werden. Im Laufe des Jahres 2020 soll die Große Beschwerdekammer des EPA das Thema abschließend behandeln.

„Der Bericht von Keine Patente auf Saatgut! zeigt, wie die Konzerne versuchen, noch mehr Kontrolle über die Produktion von Lebensmitteln in Europa zu erhalten“, sagt Christoph Then von Testbiotech, der an der Recherche beteiligt war. Er fürchtet um die Freiheit von Züchtern und Landwirten, wenn die aktuellen rechtlichen Fragen nicht gelöst würden und weiterhin nicht klar zwischen technischen Erfindungen und zufälligen Verfahren wie der Mutagenese unterschieden werde.

 

 

Koexistenz: Keiner kümmert sich drum

Das friedliche Nebeneinander von Bio-Anbau, konventioneller Landwirtschaft und gentechnisch veränderten Pflanzen ist eine der Grundsäulen der EU-Politik. Die Landwirte sollen ihre bevorzugte Anbaumethode frei wählen können. Und die Verbraucher sollten frei wählen können, ob sie die Produkte der verschiedenen Anbausysteme kaufen wollen oder nicht.

„Die unbequeme Wahrheit ist, dass es seit weit über einem Jahrzehnt keine sinnvollen Diskussionen, geschweige denn tragfähige Politiken gegeben hat, die sich damit befassen, wie die Koexistenz von zum Teil radikal unterschiedlichen Ansätzen der Nahrungsmittelproduktion tatsächlich gerecht, transparent und nachhaltig erreicht werden kann.“ So steht es in einem Bericht der britischen Organisation Beyond GM. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, Gesprächsräume für breit angelegte Debatten über Agro-Gentechnik zu schaffen. ‚A Bigger Conversation’ heißt diese Reihe, in der nun die Auswertung eines Gesprächs über Pflanzenzüchtung vorliegt, zu dem sich Gentechniker, Bio-Züchter und Saatgutunternehmen einen Tag lang in Brüssel getroffen hatten. Mitveranstalter waren die EU-Gruppe des Biodachverbands IFOAM.

Bei diesem Gespräch war die Koexistenz ein beherrschendes Thema, denn sie beginnt mit der Züchtung. So machten Bio-Züchter deutlich, dass mangelnde Regulierung und Transparenz bei den durch neue Gentechnik entwickelten Kulturpflanzen den Ökolandbau und damit auch ihre ökonomische Existenz beeinträchtigen könnten. Doch auch konventionelle Züchter wiesen auf das Problem hin, dass sie bald nicht mehr wissen könnten, bei welchen Zuchtlinien neue gentechnische Verfahren eingesetzt wurden. Noch größer würde dieses Nichtwissen später bei der Sortenberatung im Anbau.

Ein Beispiel dafür (im Bericht nicht weiter ausgeführt) ist die durch natürliche Mutation entstandene cytoplasmatisch-männliche Sterilität (CMS). CMS wird verstärkt in der Züchtung von Hybridpflanzen eingesetzt, wobei die Sterilität durch molekularbiologische Methoden in die Pflanzenzelle eingebracht wird. Im EU-Gentechnikrecht gelten diese Methoden explizit nicht als Gentechnik, müssen also nicht gekennzeichnet werden. Die Bio-Verbände jedoch lehnen diese Methoden ab. Allerdings lässt es sich in der Praxis kaum mehr zurückverfolgen, bei welchen Hybridsorten die vor allem bei Kohlarten weit verbreitete CMS-Methode eingesetzt wurde.

Bei der Frage, wie Transparenz, Rückverfolgbarkeit und damit eine Koexistenz von Anfang an gesichert werden könnten, gab es in der Diskussion den bekannten Dissens. Über die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs zu den neuen gentechnischen Verfahren sei es bei diesem ansonsten sachlichen und ruhigen Treffen „zu einer offenen Auseinandersetzung“ gekommen, heißt es im Bericht von Beyond GM. Die Organisation will sich in einem nächsten Schritt damit befassen, wie eine gleichberechtigte Koexistenz aussehen könnte und wie sie praktisch und politisch umgesetzt werden sollte.

Neue Crispr-Schere: Von Natur aus ungenau

Wissenschaftler der Universität von Iowa zeigten, dass die neue Gen-Schere Crispr/Cas12a oder Cpf1 ebenfalls zu zahlreichen Nebeneffekten führt. Dafür haben sie eine natürliche Erklärung: Schließlich sei es die natürliche Aufgabe des Enzyms Cas12a, Bakterien gegen eindringende Viren zu verteidigen. Diese würden ihr Genom relativ schnell ändern, so dass es aus Sicht des bakteriellen Immunsystems sinnvoll sei, wenn die Gen-Schere neben der Zielsequenz auch ähnliche Gensequenzen attackiere.

Und das tat sie in den Versuchen der Wissenschaftler. Diese hatten, um die neue Gen-Schere zu testen, im Reagenzglas eine Art Übungsparcour aufgebaut mit vielen synthetisch hergestellten DNA-Molekülen. Diese enthielten Variationen der Gensequenz, die Crispr/Cas12a eigentlich editieren sollte. Dabei zeigte sich, dass die Schere auch an Stellen andockte und den DNA-Doppelstrang durchschnitt, die sich in bis zu vier Positionen von der eigentlichen Ziel-Sequenz unterschieden. Das bedeutet, dass e Crispr/Cas12a s eine große Anzahl von deutlich vom Zielort abweichende und eindeutig nicht übereinstimmenden Stellen beschädigte.

Gleichzeitig zeigte sich, dass die Schere auch an vielen Stellen andockte und nur einen der beiden Stränge durchschnitt, also nur eine Art Kerbe in die DNA schlug anstatt sie zu schneiden. Da auch diese Kerben vom Reparaturmechanismus der Zelle wieder geschlossen werden, kann es dadurch zu vielen nicht geplanten Mutationen kommen.

Die Wissenschaftler zogen aus ihren Ergebnissen den Schluss, dass Computerprogramme, die im Allgemeinen zur Vorhersage von Off-Target-Effekten von Crispr-Systemen verwendet werden, diese Art von unbeabsichtigten DNA-Einschnitten nicht erkennen können. Sie seien nur durch spezielle Nachweismethoden oder die Sequenzierung des gesamten Genoms des editierten Organismus nachweisbar, schrieb das Portal GMWatch.

 

In der Schweiz werden immer noch Gentech-Pflanzen freigesetzt

Wissenschaftler des Instituts für Pflanzen- und Mikrobiologie der Universität Zürich werden in diesem Frühjahr gentechnisch veränderten (gv) Mais und Gerste aussäen. Sie haben den Pflanzen das Gen Lr 34 aus Weizen eingefügt, um sie gegen mehrere Pilzkrankheiten resistent zu machen. Angebaut werden die Pflanzen auf den speziell gesicherten Versuchsfeldern der Forschungsanstalt Agroscope im zürcherischen Reckenholz. Den Versuchsanbau der gv-Gerste hatte das Bundesamt für Umwelt (BAFU) bereits im letzten Sommer genehmigt. Beim gv-Mais dauerte das Verfahren etwas länger. Imkerverbände hatten eingewandt, dass der Pollen des Maises ihren Honig verunreinigen könnte und dieser dadurch unverkäuflich würde. Das BAFU entschied daraufhin, dass die Blütenstände des Maises in allen drei Versuchsjahren entfernt werden müssen, so dass sich kein Pollen entwickeln kann.

Die Schweizer Allianz Gentechfrei (SAG) kritisiert, dass die Schweizer Landwirtschaft von derartigen Versuchen nicht profitiere. „Weder die für den Versuch gewählte Modellsorte noch ein Teil der zu testenden Pilzkrankheiten sind relevant für die Schweiz“, schreibt die SAG. Zudem sei in Europa die Akzeptanz von gv-Pflanzen gering und ihr Marktpotenzial sehr niedrig. „Von den Ergebnissen profitiert daher nicht die Allgemeinheit, sondern hauptsächlich das gesuchstellende Forschungsteam und seine Partner, die ein Patent auf das bei dem Versuch verwendete Gen besitzen.“ Der Betrieb des für die Anbauversuche vorgesehenen Agroscope-Geländes koste den Bund jährlich 750.000 Franken. Diese für den Versuch aufgewendeten Gelder würden sinnvoller in die Förderung nachhaltiger agrarökologischer Ansätze investiert, argumentiert die SAG.

Ausführlich hat die SAG die Versuche in ihrer Stellungnahme zum Bewilligungsgesuch für die Freisetzung von gentechnisch verändertem Mais bzw. von gentechnisch veränderter Gerste (Dezember 2018) bewertet.

 

 

Gene Drives: Risiko derzeit nicht zu bewerten

Werden Organismen mit Gene Drive (GDO) freigesetzt, kann das damit verbundene Risko derzeit nicht abgeschätzt werden. Zu diesem Ergebnis kommen Umwelt- und Naturschutzbehörden mehrerer EU-Staaten, darunter das deutsche Bundesamt für Naturschutz.Sie empfehlen in ihrem Bericht: „Methoden zur Risikobewertung, zur Umweltüberwachung und zum Risikomanagement müssen entwickelt werden, bevor eine Freisetzung von GDOs in die Umwelt erfolgt.“ Neben einer wissenschaftlichen Risikobewertung müssten auch die mit der Freisetzung von GDO verbundenen gesellschaftlichen und ethischen Fragen behandelt werden. Den Rahmen hierfür könne eine umfassende Technologiefolgenabschätzung bieten.

GDO sind in der Lage, eine gentechnische Veränderung innerhalb einer wildlebenden Population schnell zu verbreiten. Sie könnten dazu verwendet werden, Stechmücken, Ernteschädlinge oder invasive Arten auszurotten. Die bisherigen Versuche mit dieser Technik im Labor werfen zahlreiche Fragen auf, heißt es in dem Bericht der Behörden.

So sei offen, wie stabil ein GDO in freier Wildbahn sei. Dort seien die Populationen genetisch weitaus diverser als im Labor, was die Verbreitung der gentechnischen Veränderung erschwere. Zudem könnten sich relativ schnell Resistenzen entwickeln und den Erfolg insgesamt in Frage stellen. Nach Ansicht der Behörden weist das Wissen über die Biologie und das Umweltverhalten möglicher Zielarten wie Moskitos noch große Lücken auf, die eine Risikoabschätzung erschweren. Besonders wichtig: Off-Target-Effekte und andere unbeabsichtigte Effekte auf molekularer Ebene, wie sie beim Einsatz von Gen-Scheren wie Crispr/Cas belegt sind, können auch in GDO auftreten, mit völlig unbekannten Auswirkungen auf die Zielart selbst und deren Umweltverhalten. Völlig unklar ist aus Sicht der Behörden auch, wie sich eine Freisetzung und die damit verbundene Dezimierung oder Auslöschung einer Art auf das jeweilige Ökosystem auswirkt.

All diese offenen Fragen machen eine Risikoabschätzung aus Sicht der Behörden extrem schwierig und unsicher. Gleichzeitig sei das Risiko höher als bei bisherigen Freisetzungen gentechnisch veränderter Organismen. Denn bei einem GDO sei es gewollt, dass er sich langfristig und dauerhaft in der Umwelt ausbreite. Es sei nicht möglich, einen GDO zurückzuholen und wenig sinnvoll, eine Zulassung zeitlich zu befristen.

 

 

Dicamba in den USA: Abdriftschäden vorsätzlich einkalkuliert

BASF und die Bayer-Tochter Monsanto haben bewusst in Kauf genommen, dass die von ihnen in den USA vertriebenen Herbizide mit dem Wirkstoff Dicamba die Felder von Landwirten schädigen. Das belegen 180 interne Mails, die im ersten Dicamba-Prozess öffentlich gemacht wurden. Die Bürgerrechtsorganisation US Right to Know hat diese Mails und die Prozessprotokolle online gestellt. Die britische Zeitung The Guardian präsentierte eine erste Auswertung.

Diese zeigt, dass die beiden Unternehmen seit über zehn Jahren zusammenarbeiteten, um neue Dicamba-Pestizide zu entwickeln, die zusammen mit dem gentechnisch veränderten und dicamba-resistenten Saatgut von Monsanto auf den Markt kommen sollten. Während dieser Zeit wurden sie immer wieder von Universitätsprofessoren und anderen Landwirtschafts- Experten auf die Flüchtigkeit von Dicamba hingewiesen und darauf, dass auch die neuentwickelten Pestizide Engenia (BASF) und XtendiMax (Monsanto) dieses Problem nicht in den Griff bekämen. In den Mails fand sich auch eine Abschätzung von Monsanto aus dem Jahr 2015. Darin stand neben der Zahl der erwarteten Käufer von Saatgut und Pestizid auch die Zahl der erwarteten Schadensfälle, insgesamt mehr als 10.000 für die Jahre 2017 bis 2020. Gesehen wurden diese geschädigten Landwirte von den Monsanto- und BASF-Mitarbeitern jedoch vor allem als potentielle Kunden. Sie sollten davon überzeugt werden, Monsantos dicamba-resistente Soja und Baumwolle anzubauen, um künftige Schäden zu vermeiden.

Der Guardian-Artikel berichtete auch, dass 2015 Universitäten die Flüchtigkeit des neuen Pestizids XtendiMax untersuchen wollten. Damals stand XtendiMax bei der Umweltbehörde EPA zur Zulassung an und Monsanto wollte sicherstellen, „dass das Produkt eine weiße Weste behält“. So stand es in der Mail einer hochrangigen Managerin. Daraufhin lehnte Monsanto die Anfragen der Wissenschaftler ab. Eine davon mit der Begründung, dass wegen Schwierigkeiten in der Produktion nicht genug XtendiMax für Feldversuche zur Verfügung stünde. „Hahaha, Produktionsschwierigkeiten, so ein bullshit“ kommentierte ein Monsanto-Manager intern den Vorgang.

Gegenüber dem Guardian wiesen beide Unternehmen die Darstellung zurück und sprachen von einzeln herausgepickten Mails. Sie sollten davon ablenken, dass die Pestizide von der Umweltbehörde EPA in einem ordentlichen Verfahren zugelassen worden seien und keine Schäden verursachen, wenn sie korrekt angewendet werden. Gleichzeitig beschwerte sich BASF darüber, dass dem Unternehmen Fehlverhalten von Monsanto angerechnet werde. Im ersten Dicamba-Prozess hatte der Richter beide Unternehmen zusammen zu 15 Millionen Dollar Schadenersatz und 250 Millionen Dollar Strafzahlung verurteilt. Die Geschworenen jedoch hätten sich nur für Strafzahlungen gegen Monsanto ausgesprochen, schrieb BASF dem Richter. Berufung gegen dieses erste Dicamba-Urteil haben beide Unternehmen eingelegt. Über hundert weitere Prozesse stehen noch an.

 

Wie Züchter einzelne Pflanzensorten sicher identifizieren

Wenn Pflanzenzüchter eine neue Sorte entwickeln, wollen sie über Lizenzgebühren für das Saatgut daran verdienen. Das ermöglichen ihnen Sortenschutzgesetze, die den Züchtern entsprechende Rechte einräumen. Um diese im Streitfall auch durchsetzen zu können, muss ein Züchter nachweisen, dass es sich bei einer Pflanze um „seine“ Sorte mit ihren klar definierten Merkmalen handelt. Dabei nutzen Züchter inzwischen biochemische Methoden, mit denen sich auch Sorten identifizieren lassen, bei denen mit Gen-Scheren wie Crispr/Cas ins Erbgut eingegriffen wurde. Obwohl das angeblich nicht geht, wie Gentechniker und Behörden gerne behaupten.

Der französische Biochemiker Eric Meunier berichtet auf der Webseite Inf’OGM über die Arbeit internationalen Verbandes zum Schutz von Pflanzenzüchtungen (UPOV). Diese Organisation kümmert sich weltweit darum, dass die Rechte der Züchter gewahrt werden. Die UPOV hat im November 2019 eine Anleitung vorgestellt, wie sich mit Hilfe biochemischer und molekularer Marker eine Pflanzensorte sicher identifiziern lässt.

Diese molekularen Marker sind genetische Sequenzen, die charakteristisch für eine Sorte seien, schreibt Meunier. Mit ihrer Hilfe könne man „eine Pflanzensorte genau beschreiben, identifizieren, unterscheiden und zurückverfolgen“. Würden meherer Marker kombiniert, lasse sich ein „genetischen Fingerabdrucks jeder Sorte, eine Art Strichcode erstellen“. Die Arbeit bestehe darin, eine Liste der für diese Sorte charakteristischen Marker zu erstellen und ein Testverfahren zu entwickeln, dass diese Marker nachweist.

Meunier berichtet, dass chinesische Forscher auf einer UPOV-Tagung ein solches Testkit für Maissorten vorgestellt hätten. Der Chip ermögliche „die Identifizierung der kombinierten Marker von 400 chinesischen und ausländischen Mais-Inzuchtlinien.“ Auf der gleichen Tagung habe die Internationale Vereinigung für Saatgutprüfung, der auch die Prüflabore der großen Saatgutkonzerne angehören, ein Protokoll für die Sortenidentifizierung mit Hilfe von Erbgutanalysen vorgestellt.

Bei einem Eingriff mit Gen-Scheren, so argumentiert Meunier, entstehen immer auch unerwünschte Änderungen im Erbgut, die sich bei dessen genauer Analyse finden und als Marker nutzen lassen, um diese Sorte von behaupteten natürlichen Mutationen sicher unterscheiden zu können. „Dieser Nachweis ist technisch machbar, sofern der politische Wille vorhanden ist und die notwendigen finanziellen Mittel zur Durchführung zur Verfügung gestellt werden“, schreibt Meunier.

Die Dicamba-Zulassung in den USA gerät unter Druck

In den USA wächst der Druck auf die Umweltbehörde EPA, ihre Zulassung zu widerrufen und Dicamba-haltige Pestizide aus dem Verkehr zu ziehen. Der Wirkstoff ist leicht flüchtig und kann durch Abdrift die Felder anderer Landwirte schädigen. In einem ersten Prozess wurden Bayer und BASF bereits zu 265 Millionen Dollar Schadenersatz verurteilt. Am 21. April verhandelt ein Berufungsgericht des Bundes über die Klage mehrere Farmer und Umweltgruppen gegen die Zulasssung von XtendiMax durch das EPA. Diese machen geltend, dass EPA bei der Zulassung Bundesvorgaben missachtet habe.

EPA hatte 2016 die Herbizide XtendiMax (Bayer), Engenia (BASF) and FeXapan (Corteva) zugelassen. Sie alle enthielten den in den 60-er Jahren entwickelten Wirkstoff Dicamba und werden seither zusammen mit gentechnisch veränderten, Dicamba-resistenten Baumwoll- und Sojapflanzen von Monsanto verkauft. Damals war längst bekannt, dass der leichtflüchtige Wirkstoff beim Ausbringen vom Wind abgetragen werden und benachbarte Pflanzungen beeinträchtigen kann. Die Hersteller gaben an, das Problem durch neue Rezepturen im Griff zu haben. EPA akzeptierte diese Erklärungen und gab die Pestizide frei. Inzwischen hat sich gezeigt, dass die neuen Pestizidformulierungen ebenso wie alte Dicamba-Pestizide vom Winde verweht werden und die Nachbarn ohne Dicamba-resistente Pflanzen schädigen. EPA verschärfte daraufhin 2018 die Anwendungsbestimmungen, doch auch das nutzte wenig. Inzwischen haben zahlreiche Farmer Bayer und BASF wegen Dicamba-Schäden verklagt. In einem ersten Verfahren wurden die beiden Konzerne nicht nur zu 265 Millionen Dollar Schadenersatz verurteilt. In diesem Prozes belegten Dokumente auch, dass die Hersteller Abdriftprobleme von vorneherein einkalkuliert hatten.

EPA kündigte an, im Herbst über gegebenenfalls notwendige weitere Auflagen entscheiden zu wollen. Doch nach wie vor sehe die Behörde in der Abdrift kein grundlegendes Problem, schreibt das Midwest Center for Investigative Reporting. Anders beurteilen das mehrere Universitätsprofessoren. Deren Untersuchungen hätten gezeigt, dass die Herbizide in der Lage seien, sich nach der Anwendung stunden- und sogar tagelang zu verflüchtigen und vom Zielort zu entfernen, schreibt das Magazin Progressive Farmer.

Beide Medien berichtet auch, dass das Office of the Inspector General (OIG), eine Art Aufsicht für die Bundesbehörden, eine interne Untersuchung plant. Diese soll feststellen, ob EPA sich bei der Zulassung an die Anforderugen des Bundes und die Grundsätze der Wissenschaftlichkeit gehalten hat. Die Untersuchung des OIG bezieht sich auch auf einen Paragraphen (Section 24(c)) des bundesweiten Pestizidgesetzes. Dieser erlaubt es den Einzelstaaten, in bestimmten Fällen den Einsatz von Pestiziden trotz EPA-Zulassung zu beschränken. Bei Dicamba nutzen mehrere US-Staaten mit Verweis auf die Abdriftschäden diese Möglichkeit und haben den Dicamba-Einsatz stark reglementiert oder gar verboten. Das EPA sieht darin einen Missbrauch dieses Paragraphen und plant seither, dessen Anwendung einzuschränken. Hier erwarten sich die Pestizidregulierer in den US-Staaten Rückendeckung durch das OIG.

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